Lexikon der kuriosesten Reliquien
Vom Atem Jesu bis zum Zahn Mohammeds

von Horst Herrmann

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Verlag: Rütten & Leoning
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 12/2003

Reisen gehört seit jeher zu den großen Leidenschaften der Menschen. Entsprechend hat man sich immer schon etwas Schönes für die erlebnishungrigen Massen einfallen lassen, auf dass sie mit prallen Portemonnaies zum Ort der Verlockung strömen. Heute pilgern die Massen ins Disney-Ressort bei Paris oder ins Guggenheimmuseum in Bilbao. Einstmals pilgerten sie nach Rom oder auf dem Jakobsweg ins spanische Santiago de Compostela, um am Grab des Apostels Jakobus vor Ergriffenheit auf die Knie zu sinken. Die Route, die die Reisenden des Mittelalters nahmen, änderte sich je nach Lage der "Pflichtstationen" am Wegesrand. Eine Reliquie war Voraussetzung dafür, dass die Pilger zumindest für einen Kurzaufenthalt gewonnen werden konnnten.

Horst Herrmann, Professor für Theologie und Soziologie in Münster, beschreibt in seinem "Lexikon der kuriosesten Reliquien" diese echten und falschen Kultgegenstände und ihre Bedeutung in der katholischen Glaubensgeschichte: den Atem Jesu, das Gebiss des Apostels Andreas oder den Misthaufen, auf dem Hiob gesessen hatte. Wenn die Orte der Aufbewahrung nicht den Rahmen sprengen - wie bei Marias Muttermilch, in deren Besitz sich im Mittelalter nahezu jede Kirche in Italien wähnte -, schließt jeder Eintrag mit einem "Beispiel", wohin man reisen müsste - um Steinen von der Steinigung des heiligen Stephanus oder den Umstandskleidern Marias nahe zu sein.

Auf dem Weg nach Santiago de Compostela hatten mittelalterliche Reisende mitunter die Möglichkeit, eine Reliquie gleich in mehrfacher Ausfertigung zu sehen. So empfahl sich Vézelay im Burgund für Touristen, die die Gebeine von Maria Magdalena sehen wollten. Ebenso das südfranzösische St-Maximin-la-Ste-Baume, wo zur optimalen Vermarktung die größte gotische Kathedrale der Provence errichtet wurde. Obwohl die Kleinstadt im Süden noch immer eifrig mit der Patronin der Friseure und Parfümfabrikanten wirbt, nennt Herrmann nur Ste-Madeleine bei Vézelay als Grab.

Das aber mindert den Spaß an Herrmanns nunmehr 36. Buch ganz beträchtlich. Die Unterschlagung eines zweiten existierenden Grabes wirkt, als würde sich Herrmann absichtlich davor drücken, die katholische Reliquienverehrung ihrer wahren Lächerlichkeit preiszugeben. Schade fürs Publikum, das statt Soft-Aufklärung die volle Wahrheit verdient hätte. Was den Schwamm betrifft, mit dem Jesus am Kreuz Essig gereicht wurde, so liefert Herrmann immerhin vier Nachweise für seine Existenz - eine im nordfranzösischen Laon, zwei in Venedig und noch eine in Aachen.

Martin Droschke in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 24)


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