Herr Susi

von Thomas Glavinic

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Volk und Welt
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 8/2000

"Herr Susi", der jüngste Roman von Thomas Glavinic, holt Arnold Schwarzenegger ins Grazer Stadion und verhilft dem Idiom der Rotzbuben zu literarischen Ehren.
Das neue Buch des 1972 geborenen und heute in Wien lebenden Thomas Glavinic ist von einem ganz anderen Kaliber als der vor zwei Jahren erschienene Debütroman. In "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" hatte Glavinic in einem vergleichsweise ruhigen Ton die Lebensgeschichte des österreichischen Schachgroßmeisters Karl Schlechter erzählt, der seinen Weltmeisterschaftskampf gegen den langjährigen Champion Emanuel Lasker auf Remis anlegte, aber aus Zögerlichkeit den greifbaren Erfolg vergab. Sein Leben endete tragisch: Weil er von niemandem Hilfe annehmen wollte, starb Schlechter an Unterernährung.
Mit Bescheidenheit und Aufrichtigkeit, die edel sind, aber in die Gosse führen, ist es im neuen Roman Schluss. "Herr Susi" ist ein rohes und barbarisches Buch mit einer barbarischen Hauptfigur: Herrn Susi, der eigentlich Georg Susacek heißt und in einer österreichischen Provinzhauptstadt lebt, hinter der - ungenannt, aber unverborgen - Graz steckt. Den Fans des lokalen Bundesligavereins ist Herr Susi bestens bekannt. Er war es, der dem schwarz-grünen FC eine gesicherte Zukunft verschaffte. Georg Susacek lächelt auf der Ehrentribüne in die Kameras des Lokalfernsehens und diktiert den Zeitungsreportern seine Analysen auf Band. In einer Klatschkolumne war in Beantwortung einer Umfrage zum Thema "Was war Ihr schönstes Tor?" unter seinem Porträt einstmals die Unterschrift zu lesen: "Herr Susi: Mein schönstes Goal war meine Hochzeit." Ein Eigentor, wie sich später herausstellen sollte.
Mit seiner Frau Lori - einstmals der steilste Zahn der Umgebung - hatte Susacek eine der steilsten Karrieren absolviert, die die Stadt je gesehen hatte. Dass diese nicht auf Fleiß und Können basiert, stellt Glavinic außer Zweifel. Geschicktes Lavieren zwischen den Fronten, kleine Gaunereien und große Verbrechen gegen das Vertrauen der anderen haben den ehemaligen Versicherungsvertreter zum erfolgreichen Immobilienmakler gemacht.
Mit dem Erfolg des Herrn Susi wächst auch sein Ekel; Glavinic setzt den Hass auf alle und alles mit großer sprachlicher Intensität um: Das gesprochene und gedachte Wort wird unzensuriert niedergeschrieben, die Weltsicht des Herrn Susi ungebrochen wiedergegeben: Wenn in der Früh der Wecker schrillt, heißt Susi ihn "Sau"; die Leute sind meist "im Öl" und werden der Einfachheit halber nur die "Fertigen" genannt; die ehemals Angebetete "fäult" in der Früh aus dem "Maul" und hält sich, als ob sie eine Fremde wäre, das Kleid vor die "Tutten"; auf den Geruch des Weins vom Vortag reagiert Susacek mit "Bröckerlhusten". Es ist die Sprache des Rotzbuben und der Unkultur, die Glavinic mit seinem Buch zu einem nicht unpassenden Zeitpunkt in die österreichische Literatur bringt. Eine Sprache, die an Brutalität und Verachtung nichts verbirgt und die selbst nur von einer dünnen gesellschaftlichen Patina überzogen ist: Wenn man zu Herrn Susis Haberern zählen will, "titschkerlt" man zu Hause "säuisch", setzt sich anschließend in den obligaten GTI und fährt in eines der vielen Schickimickilokale, das mit großer Wahrscheinlichkeit einen abgrundtief dummen Namen trägt. In einem solchen "Papperla-Pub" wird dann auch die Teufelsidee geboren: Arnold Schwarzenegger höchstselbst ins Stadion zu laden.
Wenn ein Typ wie Susi es will, tanzt selbst Hollywood nach einer Provinzpfeife. Die Wirklichkeit liefert für diese Implosion der ganz großen in der ganz kleinen Welt - wobei man als neutraler Beobachter nicht so recht weiß, welche von beiden mit der anderen mehr gestraft ist - noch viel stärkere Beweise als Glavinic' Buch. Warum man sich der abgefeimten Arroganz, die man in Blicken und Seitenblicken täglich frei Haus geliefert bekommt, mit "Herrn Susi" ein zweites Mal aussetzen soll, weiß ich nicht mit letzter Sicherheit zu sagen: vielleicht auch nur deshalb, weil man den Mann dann - um in seiner Sprache zu bleiben - mit heruntergelassener Hose sieht.

Klaus Kastberger in FALTER 8/2000 vom 25.02.2000 (S. 71)


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