(Per)Versionen von Liebe und Hass

von Renata Salecl, Isolde Charim

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Volk und Welt
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 31/2000

Die slowenische Philosophin und Soziologin Renata Salecl untersucht unter der Leitung von Jacques Lacan "(Per)Versionen von Liebe und Hass" in unserer Gesellschaft.
Was haben die allgegenwärtigen Piercings mit den Arbeiten von Body-Art-Künstlern zu tun? Und was die in New York wieder häufiger durchgeführten Klitorisbeschneidungen bei afrikanischen Immigrantinnen mit Jenny Holzers Kunstwerk "Lustmord", das die Vergewaltigung bosnischer Frauen mit Texten thematisiert, die auf bloße Haut geschrieben sind? Für die slowenische Philosophin und Soziologin Renata Salecl handelt es sich bei diesen Phänomenen um verschiedene Antworten auf dasselbe Problem: nämlich das der fragilen Stellung des Subjekts in der postmodernen Welt, in der es keine identitätsstiftenden Autoritäten mehr gibt. Die Rückkehr zum "Ein-Schnitt in den Körper" erscheint ihr als "Weg des heutigen Subjekts, mit dem Mangel bei sich selbst als auch mit dem im Anderen klarzukommen".
"Ich liebe dich, aber weil ich unergründbarerweise etwas in dir liebe, das über dich hinausgeht - das Objekt a -, verstümmele ich dich." Angeleitet von diesem dunklen Satz des Psychoanalytikers Jacques Lacan, spürt Salecl Irrwegen des Begehrens am Ende des 20. Jahrhunderts nach. De facto aber ist ihr Buch "(Per)Versionen von Liebe und Hass" eher ein problematischer Versuch, die Lacan'sche Psychoanalyse auf nicht unbedingt repräsentative Phänomene aus den Bereichen Kunst, Politik und Kultur anzuwenden - von dem als Hund auftretenden Künstler Oleg Kulik über die zerstörerische Liebe Ceaucescus zu Rumänien bis hin zur Ausdeutung von Parfüm-Namen.
Da Lacan nun mal so inspirierend wie hermetisch ist, gerät die durch ihn beflügelte Salecl in ihren Analysen mitunter ein wenig auf Abwege; einige Kapitel - wie jenes über die Destruk-tion der romantischen Liebesillusion - sind indes durchaus erhellend. Da nämlich räumt die Autorin bei ihrer Interpretation zweier voluminöser Romanbestseller der letzten Jahre - Kazuo Ishiguros "Was vom Tage übrig blieb" und Edith Whartons "Zeit der Unschuld" - mit dem prominenten Vorurteil auf, dass Institutionen, Rituale und soziale Codes die Verwirklichung "wahrer" Liebe verhindern.
Für Salecl ist es im Gegenteil gerade die Institution, die paradoxerweise Liebe entstehen lässt. Denn dieses Begehren gelte nicht dem anderen, sondern eben eher der jeweiligen Institution, dem "großen Anderen" (Lacans symbolischem Sprachraum), für den der oder die zum Ich-Ideal umfunktionierte andere steht. Wo dann aber die vermeintlich hinderliche Institution wegfällt, stirbt entweder das Begehren, oder es muss durch künstliche Hindernisse, also mysteriösen Entzug und Verweigerung der oder des Geliebten angestachelt werden. Allzu übel siehts am Ende mit Salecls beziehungsweise Lacans Möglichkeit der Liebe aber doch nicht aus: Zwar ereigne sich Liebe, was man gemeinhin nicht wahrhaben wolle, als Zufallsbegegnung zweier Menschen, die jeweils das im anderen lieben, was man selbst nicht besitzt. Das aber wiederum weist über den anderen hinaus - und lässt daher die Liebe auch leicht in Hass umschlagen. Das aber heißt nur, "dass es keine Liebe gibt, ohne dass deren Unmöglichkeit inbegriffen wäre". Jenseits oder besser diesseits der Unmöglichkeit warten die "Tiefen der jouissance", des (Lacan'schen) Genießens.
Wer sich diesem paradoxen Genuss nicht unreflektiert hingeben will, der lasse sich verwirren von Salecls Hommage an Lacan - oder aber gleich von den Originaltexten dieses im deutschsprachigen Raum ziemlich vernachlässigten Denkers.

Iris Buchheim in FALTER 31/2000 vom 04.08.2000 (S. 51)


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