Das fragile Absolute
Warum es sich lohnt, das christliche Erbe zu verteidigen

von Slavoj Zizek, Nikolaus G. Schneider

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Volk und Welt
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 32/2003

Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek ist ein Weltstar geworden, der die Geister scheidet: Der "Merkur" hält ihn für "geistig verwahrlost", der "New Yorker" fragt sich, ob er ein "Philosoph oder ein Komödiant" ist. Erkundungen über einen global operierenden Philosophie-Entertainer.

Mit Symptomen schlägt sich Slavoj Zizek viel herum. Sie sind die geheimnisvollen Wegmarken, die etwas wirklich sichtbar machen im Meer des allzu offenkundig Sichtbaren, "im Sinne eines zweideutigen Zeichens, das auf einen verborgenen Inhalt verweist", um das mit seinen eigenen Worten zu sagen. Aber was, wenn , was wenn Slavoj Zizek selbst in dieser Weise ein Symptom ist? Dass der slowenische Philosoph sich "beinahe schon sagenhaften Ruhmes" erfreut, wie Jörg Lau unlängst im Merkur formulierte, sorgt für zunehmende aggressiv-nervöse Abwehr in Kreisen des soft-links-liberalen Mainstreams, und auch wohlwollendere Beobachter fragen sich, wie zuletzt Rebecca Mead in ihrem zehnseitigen Großporträt im New Yorker über den "international star from Slovenia", ob Zizek gar bloß als linker Intellektueller erscheint, "er in Wahrheit aber ein Komödiant ist".

Was also, wenn Zizeks Ruhm ein Symptom ist für ein simples Unbehagen an der globalen kapitalistischen Kultur? Und für die Hoffnung auf eine Radikalität, die weder altbacken-gutmenschlich, aber doch nicht nur ästhetizistisch ist? Und, dies ebenso, für die Schwierigkeiten, diese Radikalität zu realisieren? Die Frage, so gestellt, führt mitten in die Gedankenwelt Slavoj Zizeks hinein.

Denn das Wortpaar "was, wenn " ist die meistgebrauchte Wendung in Zizeks Texten (die auf Englisch geschrieben werden, also: ,what, if'), sie ist sein Handwerkszeug, markiert aber auch seine Gedankenbewegung. "Was, wenn " eröffnet den Horizont zur paradoxen Wendung, manchmal zur absurden Volte, immer zum unerwarteten Widerspruch, auch zum Selbst-Widerspruch. "Was, wenn " erlaubt aber auch, sich nicht allzu deutlich festzulegen. "Was, wenn " ist die Formel des Experimentellen, wenn man so will die goldene Regel der Feuilletonistischen. Textbausteine, Gedankenbausteine Zizeks - und seine Texte sind allesamt Baustein-Texte - funktionieren im Wesentlichen nach einer Logik: Er entwickelt eine These oder einen Sachverhalt, dessen innere Logik auf eine Deutung hin zurast. Mit "was, wenn " kann er einen Haken schlagen und insinuieren, es sei vielleicht das genaue Gegenteil dessen wahr, was der Common Sense annehmen würde. Wobei die "Was, wenn "-Logik nicht so weit gehen muss, dieses Gegenteil wirklich und fest zu behaupten.

Der Multikulturalismus beispielsweise ist doch eine schöne, linke Idee. "Was, wenn dieser entpolitisierte Multikulturalismus die Ideologie des derzeitigen globalen Kapitalismus wäre?", fragt Zizek in einem solchen Fall.

Zizek ist hip. Zizeks Auftritte bürgen für volle Säle, ob in Wien, Berlin, London oder New York. Seine Bücher behandeln Themen wie Hitchcock, Lenin, den 11. September, die Oper und sind in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Er ist vollbärtig, strubbelig, leicht untersetzt und trägt alte Hemden. Er ist, was man ein Ereignis nennt. Wenn er Platz nimmt, um einen Vortrag zu halten, ein Interview zu geben oder bloß ein Gespräch zu führen, erinnert er an das Prinzip des Viertaktmotors auf hohen Touren: regelmäßige, explosionsartige Verbrennung, schnelles Stakkato. Fast hysterisch Gedanken produzierend, sitzt er da, bald schon in einer Pfütze Schweiß. Er spricht in einem unverkennbar osteuropäischen High-Speed-English, macht hier eine konterintuitive Beobachtung, um ihr da seinen favorisierten Argumentationsmodus, das Paradoxon, anzuschließen. "Man muss den manischen Redeschwall seiner Vorträge erleben, die er unter expressiven Gesten hervorstößt, immer ein bisschen beängstigend und charmant zugleich", schreibt Jörg Lau, der keinen Zweifel daran lässt, wie abstoßend er den Kerl findet, der "etwas Verkommenes, geistig Verwahrlostes" an sich habe. Für ihn ist Zizek die vielleicht hässlichste Fratze des Radical Chic, jenes akademisch-radikalen Denkens, das sich in leeren Gesten verliert, diese aber in einer großen Blase fortwährend weiterproduziert. Zizeks Mit-Verdächtige sind aus solcher Sicht Theoretiker wie Judith Butler, Giorgio Agamben, Jean Baudrillard, die Empire-Autoren Toni Negri und Michael Hardt, aber auch Postmarxisten wie Ernesto Laclau, Chantal Mouffe oder Frederic Jameson.

Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek ist ein Weltstar geworden, der die Geister scheidet: Der "Merkur" hält ihn für "geistig verwahrlost", der "New Yorker" fragt sich, ob er ein "Philosoph oder ein Komödiant" ist. Erkundungen über einen global operierenden Philosophie-Entertainer.

Mit Symptomen schlägt sich Slavoj Zizek viel herum. Sie sind die geheimnisvollen Wegmarken, die etwas wirklich sichtbar machen im Meer des allzu offenkundig Sichtbaren, "im Sinne eines zweideutigen Zeichens, das auf einen verborgenen Inhalt verweist", um das mit seinen eigenen Worten zu sagen. Aber was, wenn , was wenn Slavoj Zizek selbst in dieser Weise ein Symptom ist? Dass der slowenische Philosoph sich "beinahe schon sagenhaften Ruhmes" erfreut, wie Jörg Lau unlängst im Merkur formulierte, sorgt für zunehmende aggressiv-nervöse Abwehr in Kreisen des soft-links-liberalen Mainstreams, und auch wohlwollendere Beobachter fragen sich, wie zuletzt Rebecca Mead in ihrem zehnseitigen Großporträt im New Yorker über den "international star from Slovenia", ob Zizek gar bloß als linker Intellektueller erscheint, "er in Wahrheit aber ein Komödiant ist".

Was also, wenn Zizeks Ruhm ein Symptom ist für ein simples Unbehagen an der globalen kapitalistischen Kultur? Und für die Hoffnung auf eine Radikalität, die weder altbacken-gutmenschlich, aber doch nicht nur ästhetizistisch ist? Und, dies ebenso, für die Schwierigkeiten, diese Radikalität zu realisieren? Die Frage, so gestellt, führt mitten in die Gedankenwelt Slavoj Zizeks hinein.

Denn das Wortpaar "was, wenn " ist die meistgebrauchte Wendung in Zizeks Texten (die auf Englisch geschrieben werden, also: ,what, if'), sie ist sein Handwerkszeug, markiert aber auch seine Gedankenbewegung. "Was, wenn " eröffnet den Horizont zur paradoxen Wendung, manchmal zur absurden Volte, immer zum unerwarteten Widerspruch, auch zum Selbst-Widerspruch. "Was, wenn " erlaubt aber auch, sich nicht allzu deutlich festzulegen. "Was, wenn " ist die Formel des Experimentellen, wenn man so will die goldene Regel der Feuilletonistischen. Textbausteine, Gedankenbausteine Zizeks - und seine Texte sind allesamt Baustein-Texte - funktionieren im Wesentlichen nach einer Logik: Er entwickelt eine These oder einen Sachverhalt, dessen innere Logik auf eine Deutung hin zurast. Mit "was, wenn " kann er einen Haken schlagen und insinuieren, es sei vielleicht das genaue Gegenteil dessen wahr, was der Common Sense annehmen würde. Wobei die "Was, wenn "-Logik nicht so weit gehen muss, dieses Gegenteil wirklich und fest zu behaupten.

Der Multikulturalismus beispielsweise ist doch eine schöne, linke Idee. "Was, wenn dieser entpolitisierte Multikulturalismus die Ideologie des derzeitigen globalen Kapitalismus wäre?", fragt Zizek in einem solchen Fall.

Zizek ist hip. Zizeks Auftritte bürgen für volle Säle, ob in Wien, Berlin, London oder New York. Seine Bücher behandeln Themen wie Hitchcock, Lenin, den 11. September, die Oper und sind in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Er ist vollbärtig, strubbelig, leicht untersetzt und trägt alte Hemden. Er ist, was man ein Ereignis nennt. Wenn er Platz nimmt, um einen Vortrag zu halten, ein Interview zu geben oder bloß ein Gespräch zu führen, erinnert er an das Prinzip des Viertaktmotors auf hohen Touren: regelmäßige, explosionsartige Verbrennung, schnelles Stakkato. Fast hysterisch Gedanken produzierend, sitzt er da, bald schon in einer Pfütze Schweiß. Er spricht in einem unverkennbar osteuropäischen High-Speed-English, macht hier eine konterintuitive Beobachtung, um ihr da seinen favorisierten Argumentationsmodus, das Paradoxon, anzuschließen. "Man muss den manischen Redeschwall seiner Vorträge erleben, die er unter expressiven Gesten hervorstößt, immer ein bisschen beängstigend und charmant zugleich", schreibt Jörg Lau, der keinen Zweifel daran lässt, wie abstoßend er den Kerl findet, der "etwas Verkommenes, geistig Verwahrlostes" an sich habe. Für ihn ist Zizek die vielleicht hässlichste Fratze des Radical Chic, jenes akademisch-radikalen Denkens, das sich in leeren Gesten verliert, diese aber in einer großen Blase fortwährend weiterproduziert. Zizeks Mit-Verdächtige sind aus solcher Sicht Theoretiker wie Judith Butler, Giorgio Agamben, Jean Baudrillard, die Empire-Autoren Toni Negri und Michael Hardt, aber auch Postmarxisten wie Ernesto Laclau, Chantal Mouffe oder Frederic Jameson.

Wobei sich Zizek und der liberalkonservative Mainstream in der Aversion gegen den Radical Chic durchaus treffen. Für Zizek stellen die professoralen Softlinken des Cultural-Studies-Trends die Protagonisten des zeitgenössischen Radical Chic dar. Die reden scharf, halten aber peinlich genau die Grenzen der liberalen politischen Correctness ein, tun auf radikalreformerisch, "um sicher zu gehen, dass sich nichts wirklich verändern wird!"

Zizek dagegen lotet zunehmend drängend aus, ob es nicht doch Grenzen gibt, deren Verletzung eine emanzipative Perspektive bietet. Wobei er sich gelegentlich auch widerspricht. "In der Postmoderne verliert der Exzess der Überschreitung seine Schockwirkung und wird völlig in den etablierten Kunstmarkt integriert", heißt es da, an anderer Stelle meint er aber, man solle nicht die Schlussfolgerung ziehen, "dass der Kapitalismus die endlose Fähigkeit besäße, alle Sonderwünsche zu integrieren und ihnen die subversive Spitze zu nehmen". Es ist nicht so, dass es keine möglichen Tabubrüche mehr gäbe. "Vielleicht sollte man in diesen langweiligen Zeiten um sich greifender Rufe nach Toleranz das Risiko eingehen, sich die befreiende Wirkung solcher ,Exzesse' in Erinnerung zu rufen."

Kein Wunder, dass manche Zizek selbst für einen wandelnden Exzess halten. "Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin", heißt sein jüngster, bei Suhrkamp erschienener Band. Über "die heutigen Chancen radikaler Politik" hat er bei der Wiener Documenta-11 Plattform nachgedacht. Ein anderes der Zizek-Pamphlete trägt den Titel: "Ein Plädoyer für die Intoleranz". Wer sich gerne provozieren lässt, ist bei ihm an der richtigen Adresse. Wer sich gerne irritieren lassen oder womöglich nicht akzeptieren will, dass die Prämissen des "globalen Kapitalismus als das einzige Spiel, das gespielt werden kann, und des liberal-demokratischen Systems als der endgültig gefundenen optimalen politischen Organisation der Gesellschaft" zu gelten haben, ist es ebenso.

Zizeks Kunst besteht darin, Populärkultur, Alltagsverstand, Theorie und radikale Thesen so aneinander zu montieren, dass sich überraschende Perspektiven eröffnen. Damit will er nicht, wie Marx, intervenieren, um die Welt zu verändern, "sondern die hegemonialen ideologischen Koordinaten infrage stellen". Die Gedanken, die ihm dabei so durch den Kopf flirren, finden sich, variiert und wiederholt, in seiner kaum noch überschaubaren Textproduktion. "Copy/Paste", der Zweisprung der Netzkultur ist sein eigentliches Arbeitsprinzip, und in diesem Sinn erinnert die Theorieproduktion Zizeks ein wenig an das Theater René Polleschs, der seinen Protagonisten, die eigentlich Textträger sind, auch immer die gleichen, aber doch variierten Sätze sagen lässt und das in einem atemberaubenden, fast möchte man sagen Zizek'schen Tempo. "Zizek arbeitet ohne Unterbrechung und publiziert so schnell, wie er denkt, manchmal schneller", heißt es mit leiser Ironie im New Yorker.

Ein paar Beispiele dieser immer wiederkehrenden Zizek-Gedanken: Die ökologische Bewegung hat es absolut einsichtig gemacht, den Weltuntergang für höchst realistisch zu halten. Gleichzeitig aber kann sich keiner mehr auch nur kleinste Änderungen des Wirtschaftssystems vorstellen. Die Endlichkeit der Welt mag realistisch sein, der Kapitalismus ist ewig.

Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss ließ Eingeborene die Struktur ihres Dorfes zeichnen. Je nach hierarchischer Stellung hatten sie zwei völlig konträre Bilder von der Topographie ihres Gemeinwesens im Kopf. Nun könnte man, sagt Zizek, wie das dem Common Sense naheliegend wäre, einen Hubschrauber mieten und das Dorf von oben fotografieren. Man erhielte so eine unverfälschte Ansicht der Realität, aber keine Ahnung vom Realen des sozialen Antagonismus.

Das Reale und die Realität, das Symbolische, das Gespenstische, Signifikant und Signifikat, der Große Andere: Es sind die Begriffe des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan, mit denen Zizek operiert. Von diesen ging er aus, ebenso wie von der Theorie des marxistischen Philosophen Louis Althusser, dessen Studien über Ideologie und Ideologie-Effekte; und natürlich von Marx und Freud. Wobei Zizeks Erfolg womöglich darin gründet, sich nicht einzugraben in diese Begrifflichkeit: Er produziert keine hermetischen Texte, sondern ist zur Hälfte auch "global operierender Philosophie-Entertainer", wie es so schön in einem Klappentext zu einem seiner jüngsten Bücher heißt. Dazu gehört nicht nur eine gewisse tänzelnde Leichtfüßigkeit, sondern immer auch, die Dinge in jener Spannung zu halten, in der sie auch "in der Realität" vorkommen. Auch wenn wir - mit Lacan und Althusser und Foucault - wissen, dass "Ideologie in allem immer schon am Werke ist, was wir als ,Realität' erleben, müssen wir dennoch die Spannung aufrechterhalten, die die Ideologiekritik lebendig hält." Insofern ist Zizek, bei allem radikalen Getue, erstaunlich "vernünftig", verrennt sich nicht bis zum Fluchtpunkt einer These, sondern hält irgendwie doch - einerseits, andererseits - die Balance, den Mittelweg: Überall ist immer schon ein Ideologie-Effekt? Ja. Es gibt keinen Nicht-Ideologie-Ort, von dem Ideologie kritisierbar wäre? Ja. Ideologiekritik ist unmöglich? Nein, das auch wieder nicht!

Es ist unbestreitbar, dass Zizek Alltagsphänomene und Theorie fruchtbar ins Verhältnis bringt, Hegel mit Hitchcock sozusagen, und neue Lesarten und Deutungen anbietet. "In der spätkapitalistischen Konsumgesellschaft nimmt das ,reale soziale Leben' selbst Züge eines inszenierten Schwindels an, indem sich unsere realen Nachbarn wie Schauspieler und Statisten verhalten", analysiert Zizek. Er ist gewissermaßen der Vermesser der Kurzschlüsse des sozialen Lebens in der Postmoderne. Seine Kritik hat, trotz der sanften Ironie, immer auch etwas Schonungsloses, vor allem wenn die Sprache auf Phänomene der Post-Politik kommt, etwa auf den liberalen Multikulturalismus. Für den globalen Kapitalismus ist dieser Multikulturalismus darum die ideale Form der Ideologie, weil er "von einer Art leerem globalen Platz aus jede Lokalkultur so behandelt, wie der Kolonist die kolonisierten Menschen behandelt - als ,Eingeborene', deren Sitten genau studiert werden müssen und die zu ,respektieren' sind."

Zizek hebt jeden Brocken auf, dreht ihn, setzt ihn in Verhältnisse mit anderen, bricht die Perspektive - in rasender Geschwindigkeit. Vielleicht ist ein gewisses Maß an Scharlatanerie da unvermeidbar. Aber was, wenn der assoziative Witz und Aberwitz, wenn solche Scharlatanerie Bedingung des Produktiven sind?

Das ist es vielleicht, was ihn so irritierend macht: dass man nicht weiß, ob er das, was er sagt, auch ernst meint. Und auf welche Weise er es ernst meint. Was heißt es, die subversive Schärfe des "Signifikant ,Lenin'" zu bewahren, wie Zizek fordert? Die "Lenin'sche Geste", die Zizek zum Leben erwecken will, heißt den Augenblick, die Gelegenheit beim Schopf packen, das Gehäuse des ewig Determinierten (oder determiniert scheinenden) aufzubrechen - radikaler Voluntarismus als Gegengift zur liberal-kapitalistischen Posthistorie, für die ja gilt: "Die Wahrnehmung, dass wir in einer Gesellschaft der freien Wahlmöglichkeiten leben ist die Erscheinungsform ihres genauen Gegenteils, des Fehlens echter Wahlmöglichkeiten." Die "innere Größe des Stalinismus" habe darin bestanden, meint Zizek sogar, das zu tun, was kein vernünftiger Mensch tun würde - etwa Verbrechen zu gestehen, die man nie getan hat, der "Geschichte" wegen. Es ist diese fast naive Weise, in der Zizek seine Andeutungen macht: Gibt es nicht eine "innere Größe des Stalinismus" fragt er, und das klingt ja ganz unschuldig. Manche zucken da innerlich zusammen und rufen: "Verniedlichung des Massenterrors!"

In der Welt ohne Wahlmöglichkeiten ist der Exzentriker und Abenteurer der eigentliche Revolutionär, dessen Experimente - Versuche über Lenin, heißt Zizeks Buch - auch dann, ja vielleicht gerade dann, erfolgreich sind, wenn sie scheitern, weil sie immerhin authentische Akte sind, die Erlebnisse produzieren, Übergangsakte. Die Grenzübertretung ist immer auch eine Perspektivenverschiebung. Ohne Zweifel ist Slavoj Zizek eine der seltsamsten Erscheinungen des globalen Theorie-Jetsets. Aber was, wenn dieser Ironiker und Manisch-Politisch-Inkorrekte in Wahrheit ein großer Moralist ist? Ein Moralist, der freilich gefangen ist in dem von ihm so gut durchschauten Debattenkosmos, in dem der Radikale dem Fluch nicht entkommt, Unterhalter zu sein - es sei denn, er sei unamüsant, was dann freilich nichts weniger bedeuten würde als ein öffentliches Todesurteil? "Ich kann mich einfach in der Figur, die er als ,Zizek' konstruiert, nicht wieder erkennen", wehrte er sich unlängst im "Perlentaucher" gegen Laus Attacke.

Um es mit dem von Zizek so geliebten Marx - Groucho, nicht Karl! - zu sagen: Wollen Sie Entertainer, ernsthafter Intellektueller oder provozierender Rebell sein? Der Marx-Brother hat ja bekanntlich auf solche Fragen eine Entscheidung vermieden, indem er die entwaffnende Antwort gab: "Yes, please."

Robert Misik in FALTER 32/2003 vom 08.08.2003 (S. 12)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Liebe deinen Nächsten? Nein danke! (Slavoj Zizek, Nikolaus G. Schneider)
Die Revolution steht bevor (Slavoj Žižek, Nikolaus G. Schneider)

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