Moskauer Eis

von Annett Gröschner

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Verlag: Kiepenheuer
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 50/2000

Kulinarisch machte die DDR nie besonders viel her. Den vierzigjährigen Mangel an aromatischem Feingefühl allein mit der schwierigen Versorgungslage oder dem eher proletarischen Habitus einer Arbeiter- und Bauerngesellschaft zu erklären greift jedoch zu kurz. Wer "Moskauer Eis", den Debütroman von Annett Gröschner gelesen hat, weiß, woran die sozialistische Küche auch krankte: an der Kühlkette. In der DDR spielte Tiefkühlkost (oder Feinfrost, wie man zwischen Ostsee und Erzgebirge noch heute sagt) eine soziale Schlüsselrolle: in der Kantine, in der Kinderkrippe und natürlich auch zu Hause, wo die berufstätige Mutter für kluge Vorratshaltung zu sorgen hatte. Sozialistisches Familienleben war von einem bestimmten Moment der technisch-ökonomischen Entwicklung an (der ausgerechnet mit der Eskalation des Kalten Krieges zusammenfällt) auf Kältetechnik angewiesen.

AnnettGröschner nun erzählt die autobiografisch unterfütterte Geschichte der Familie Kobe, die sich über zwei Generationen Verdienste um die Lebensmittelkühlung erworben hat, dabei aber vergeblich auf den Dank der Werktätigen wartete. Im Gegenteil: Der Kampf gegen sture Genossen, die zum Beispiel das korrekte Abtauen partout nicht lernen wollten, trieb Vater Kobe oft genug in die Verzweiflung. Solche Gleichgültigkeit führte seine Vision von einer modernen Versorgung mit Nahrungsmitteln ad absurdum. Sein Forschungsinstitut fällt der Wende zum Opfer, die Tochter findet ihn tiefgefroren in einer Kühltruhe. Keine Steckdose weit und breit: Ein letzter Triumph sozialistischen Erfindergeistes?

"Moskauer Eis" konserviert den sozialistischen Alltag mit allen abgründigen Details eines tragikomischen Familienromans. Von Erstarrung freilich kann keine Rede sein, vielmehr herrscht hier eine burleske Komik, die allen Vorstellungen von realsozialistischer Tristesse Hohn spricht. Sie reißt auch die viel beschworene Wende mit in den Abgrund, begleitet von einem sardonischen Gelächter, das schon im Ohr hat, wer Brussig oder Kumpfmüller gelesen hat. Gegen dieses Gelächter anzukommen, haben Geschichte und Politik keine Chance mehr.

Tobias Heyl in FALTER 50/2000 vom 15.12.2000 (S. 74)


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