Die Dunkelkammer des Damokles

von Willem Frederik Hermans, Waltraud Hüsmert

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Verlag: Kiepenheuer
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 39/2001

Die niederländische Literatur wird im deutschen Sprachraum alles andere als vernachlässigt, und doch ist Willem Frederik Hermans (1921-1995) außerhalb seiner Heimat weitgehend unbekannt, obwohl "die niederländische Literatur ohne ihn undenkbar ist" - wie Cees Nooteboom im Nachwort zu dem nun erstmals auf Deutsch erschienenen Roman "Die Dunkelkammer des Damokles" schreibt.

Schon der etwas sperrige, Antike und Moderne zusammenspannende Titel nimmt zwei wichtige Aspekte dieses im Original 1958 erschienenen Romans vorweg: das Verhängnis, das über dem Kopf des Protagonisten schwebt, und die Fotografie als Wahrheitsmetapher, als jenes Medium, das die Tatsachen buchstäblich "ans Licht" bringt. Hinzu kommt das in der Literaturgeschichte noch wesentlich tiefer verankerte Motiv des Doppelgängers: Henri Osewoudt gleicht dem Offizier Dorbeck so auffällig, dass sogar Henris Frau Ria (seine um sieben Jahre ältere Cousine, die ihn schon als Buben verführt hat) meint, die beiden ähnelten einander so wie das Negativ eines Fotos seinem Positiv oder - weniger schmeichelhaft - "wie ein misslungener Pudding einem gelungenen Pudding".

Der misslungene Pudding ist eindeutig Henri: Mit seinem "Näschen" und den zeitlebens bartlosen Wangen sieht er wie ein unattraktives Mädchen aus, was ihm später nicht nur die Zuneigung eines homosexuellen Gestapooffiziers eintragen, sondern auch ermöglichen wird, für kurze Zeit in Schwesterntracht unterzutauchen.

Nach einem kurzen Auftakt, der Osewoudts Kindheit im Zeitraffer durchmisst und eher beiläufig vom Mord erzählt, den Osewoudts verrückte Mutter an dessen Vater begeht (was das Kind nicht nachhaltig zu irritieren scheint), beginnt die eigentliche Romanhandlung, die das bekannte Schema so vieler in "bewegter Zeit" spielender Romane - zart asynchroner Gleichklang von individuellem und kollektivem Schicksal - insofern unterläuft, als er das Innenleben des Helden vollständig ausklammert. Widerspruchslos lässt sich Osewoudt, ein versierter Judoka, von Dorbeck für den Widerstand rekrutieren und befolgt die ihm erteilten Anweisungen mit ungerührter Pragmatik: "Ehe sie einen Laut geben konnte, kniete sie bereits auf dem Boden. Er hielt ihren Hinterkopf an den Haaren fest und brach ihr an der Spülsteinkante das Genick. Dann ließ er sie zu Boden fallen."

Aber nicht nur für die Nazikollaborateure, auch für die Widerstandskämpfer endet der Kontakt mit Osewoudt letal: Nach dem Krieg sind alle Kameraden und Mithelfer, die seinen Kontakt zu dem wie vom Erdboden verschluckten Dorbeck bestätigen könnten, tot, die jüdische Geliebte lebt mittlerweile in Palästina. Aus dem einst von den Nazis gejagten und misshandelten Patrioten ist ein berüchtigter Zeitgenosse geworden, den fast alle für einen Spion und Verräter halten. "Die Dunkelkammer des Damokles" endet finster, denn der Film in Osewoudts Leica, der ihn entlasten sollte, ist großteils hell geblieben, sprich: unbelichtet.

Hermans Roman sei "kein Buch über den Krieg, sondern über die Tragik der menschlichen Existenz", schreibt Nooteboom, und er bewundert, "wie unentrinnbar das Netz ist, das Hermans geknüpft hat". Daher rührt aber auch das Unbehagen, das sich bei der Lektüre einstellt. Der Autor, deklarierter Misanthrop und Verfasser eines Romans mit dem schwer bestreitbaren Titel "Ich habe immer recht", hat das Damoklesschwert seiner Weltanschauung über die Figuren gehängt, und der Roman exekutiert das Programm dieser Weltanschauung bis zum blutigen Ende.Auch Harry Mulisch kommt in seinem jüngsten Roman "Siegfried" nicht ohne Doppelgänger aus: Rudolf Herter ist ein berühmter niederländischer Schriftsteller, der anlässlich der Präsentation seines Romans "Die Erfindung der Liebe" nach Wien kommt (woher auch sein Vater stammte). Dort beschließt er, ein Buch über Hitler zu schreiben, in dem dieser - unter dem Druck einer fiktiven Versuchsanordnung - endlich sein Geheimnis preisgeben soll, denn: "Die Reihe der Bücher, die über ihn erschienen sind, reicht von hier bis zum Stephansdom , doch sie haben uns keinen Schritt weitergebracht."

Mitunter fragt man sich, ob Mulisch sein Alter ego entglitten ist, oder ob es schon wieder bewundernswert konsequent ist, wie er dieses Porträt eines Schriftstellers als eitler Mann zeichnet; eines Schriftstellers, der es wohl nicht nur ironisch meint, wenn er, müde geworden, sagt: "Ich fühl mich wie das zwanzigste Jahrhundert." Und diesem steht - das Buch spielt 1999 - noch ein heißes Finale bevor: Hitler gegen Herter: Das ist Brutalität!

Aber noch während wir den Romancier bei der Arbeit an der Fiktion beobachten dürfen, wird diese durch die (fiktive) Realität überboten: In einem jüdischen Altersheim besucht Herter Julia und Ullrich Falk, die ihn nach einer Lesung kontaktiert hatten. Er nimmt dem greisen, ihm bislang unbekannten Ehepaar gleichsam die Lebensbeichte ab und muss Ungeheuerliches erfahren: Die beiden hatten sich 1934 am Naziputsch gegen Dollfuß beteiligt, zwei Jahre später stellte sie Hitler als Kammerdiener ein. Die Erinnerungen und Anekdoten, die die beiden zum Besten geben, werden von Herters Versuchen begleitet, Hitler begrifflich zu fassen, ihn als Nekrophilen, als Vampir ("ein ,Untoter', der kein Spiegelbild hat") oder traditionell theologisch als "mysterium tremendum ac fascinans: ,das schreckliche und zugleich verzaubernde Geheimnis'" zu begreifen.

Die Spekulationen werden allerdings erneut von der Realität überboten, als ihm das Ehepaar anvertraut, dass Eva Braun von Hitler schwanger war. Aus Gründen der Demagogie - schließlich war ein kollektives Phantasma der deutschen Frau, Hitlers Kind auszutragen - musste dies geheim gehalten werden, und so wurde beschlossen, Hitlers Sohn Siegfried (ein Foto von ihm steht im Zimmer der Falks und ziert, möglicherweise, auch das Buchcover) dem Kammerdienerehepaar unterzuschieben.

Die prekäre psychologische Situation der "Leihmutter" wird noch durch Hitlers wie auch immer gearteten Wahn verschärft: Siegfrieds Geburt lässt ihn eigenartig unberührt, weil er mehr mit der "Reichskristallnacht" beschäftigt ist, und als er Zweifel an der Reinrassigkeit Eva Brauns hegt, lässt er Ullrich den Befehl erteilen, Siegfried zu töten. Das geschieht.Verglichen mit Mulischs virtuosem Vexierspiel, das sich in einer Spirale der Selbstreflexivität hochschraubt, die Gefahren einer Sakralisierung Hitlers mit bedenkt und am Ende doch Hitler - dem Teufel, möglicherweise? - den Sieg über Herter gönnt, nehmen sich die Auseinandersetzungen der Nachfolgegeneration einigermaßen schlicht aus. Jessica Durlacher (Jahrgang 1961) lässt in ihrem Roman "Die Tochter" die Söhne und Töchter der Täter und Opfer noch einmal schwer an der väterlichen Vergangenheit kiefeln.

Als Max Lipschitz Sabine Edelstein im Amsterdamer Anne-Frank-Haus zum ersten Mal begegnet - beide sind Anfang zwanzig -, ist er von deren inbrünstiger und naiver Obsession für die Vergangenheit eher genervt. Sie arbeitet an der Gedenkstätte, obwohl es für sie "einer der schaurigsten Orte, ist, die ich kenne" - und zwar, weil "mir was an diesen Gefühlen liegt. Weil diese Gefühle ein Muss für mich sind."

Max, Sohn eines - in diesen Belangen allerdings reichlich wortkargen - Holocaustüberlebenden, kann Sabines Einstellung nur als eine Art emotionaler Ausbeutung und unstatthafter Glorifizierung des Opferstatus auffassen. Dennoch entspinnt sich eine seltsame, zusehends leidenschaftlicher werdende Romanze zwischen den beiden, bis Sabine sich Hals über Kopf und aus undurchsichtigen Gründen entscheidet, aus Max' Leben zu verschwinden.

Erst 17 Jahre später begegnen die beiden einander zufällig auf der Frankfurter Buchmesse wieder. Er ist mittlerweile Verleger geworden, sie arbeitet als Fotografin und ist mit dem jüdischen Filmproduzenten Sam befreundet, den sie gleichsam an Vaters statt adoptiert hat. Nach anfänglichem Zögern setzen sie ihr abrupt abgebrochenes Verhältnis fort. Auch die Geschichte von Liebe und Verrat in Zeiten des Holocaust, die ihre Schatten schon über den ersten Teil des Romans geworfen hatte, wird wieder aufgegriffen und - im Unterschied zur ostentativ obskuren "Dunkelkammer des Damokles" - einer sauberen Erklärung zugeführt. Am Ende des Romans bittet Max Sabine schluchzend um Vergebung, und es besteht die berechtigte Hoffnung, dass dieser kathartische Akt ihn und auch den Leser von der Schuld der Väter endlich befreit, die eine hübsch erzählte Liebesgeschichte mitunter bis an die Grenzen der Plausibilität belastet hat.

Klaus Nüchtern in FALTER 39/2001 vom 28.09.2001 (S. 68)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Tochter (Jessica Durlacher, Hanni Ehlers)
Siegfried

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