Die schonende Abwehr verliebter Frauen
oder Die Kunst der Verstellung

von Adam Soboczynski

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Kiepenheuer
Erscheinungsdatum: 01.07.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Die Verstellung blüht in flachen Hierarchien

Einen hübscheren Titel wird man diesen Herbst nicht finden, ein hübscher gemachtes Buch auch kaum. Dass es nicht schon längst erschienen ist, liegt wohl an dem bekannten Umstand, dass die Eulen der Minerva ­ihren Flug erst in der Dämmerung beginnen. Denn der naive Glaube an eine Authentizität, die noch die größte Plumpheit und Rüpelhaftigkeit als genuinen Ausdruck des eigenen, ach so schillernden Selbst durchgehen lässt, hat längst abgedankt.
Gegen den hilflosen Traditionalismus einer sich selbst als "Neo-" missverstehenden Bürgerlichkeit, die nun wieder zum Benimmbuch greift und die Messerbänkchen aus der Schublade holt, setzt der Zeit Magazin-Redakteur und Erfolgsautor ("Polski Tango") Adam Soboczynski auf die gute alte Verstellungskunst und greift dabei auf Baldassare Castigliones Vorstellung vom Uomo universale ebenso zurück wie auf den französischen Moralisten François de La Rochefoucauld, vor allem aber auf den spanischen Jesuiten Baltasar Gracián (1601–1658), dessen "Hand-Orakel und Kunst der Weltläufigkeit" von Schopenhauer ins Deutsche übersetzt wurde.

In 33 Kapiteln versucht Soboczynski die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Affektkontrolle nachzuweisen, über die einst jeder Shakespeare'sche Intrigant Bescheid wusste und die der Anthropologie des Barocks zugrunde lag. Die Selbstverstellung aber soll eben nicht als Lüge entlarvt, sondern als Kunst estimiert werden.
Dass diese Position notwendig zwischen Ästhetik und Ethik, Utilitarismus und sozialer Verantwortung oszilliert, wird vom Autor ein bisschen unterschlagen, weil Soboczynski die zivilisatorische Leistung jener "sanften Lügen", die man Höflichkeit nennt, zwar explizit erwähnt, über weite Strecken aber lieber mit deren machtpolitischen Facetten kokettiert.
Fragen der Moral sind freilich nicht schon dadurch suspendiert, dass man sie in solche des Stils oder der Lebenskunst überzuführen meint, denn auch das, was elegant, schön oder nützlich ist, muss deswegen noch nicht gewollt und gesollt werden.
Gegen das Buch, das fraglos mit zahlreichen beherzigenswerten Einsichten aufwartet – "wer mit Entrüstung sich vorzeitig vom Spieltisch der Liebe entfernt, ist ein schlechter Verlierer, der durchaus noch hätte gewinnen können" – oder so manch verkannte Wahrheit ausspricht (etwa die, dass Kleidung mitnichten dazu da ist, dass sich ihre Träger darin wohlfühlen), lassen sich zwei grundsätzlich verschiedene Einwände erheben. Der eine wäre moralisch (man kann ihn aber auch "politisch" nennen): Soboczynskis Wiedereinführung höfischer Tugenden im Zeitalter flacher Hierarchien und prekärer Arbeits- sowie Liebesverhältnisse läuft letztendlich auf eine Apologie dessen hinaus, was man schlampig als "Neoliberalismus" bezeichnet: Geordnete Lebens- und Berufsläufe produzierten Langeweile, die der Verstellungskunst nicht günstig war, jetzt, in Zeiten der "flirrenden Beweglichkeit", in denen "das notorische Schließen von Fabriken und ihre Neueröffnung an anderer Stelle" endlich wieder für Abwechslung sorgt, hat sie wieder Konjunktur.

Schwerer aber noch wiegt der zweite Vorwurf, und der ist ästhetisch-literarischer Natur: Soboczynskis Buch ist mitunter von einer schwer erträglichen Selbstgefälligkeit. Schon die Skizze der Prenzlauer-Berg-Welt mit ihren Paaren in mittleren Jahren, ihren Junganwälten und -architekten, Malern und Schriftstellern, Lustige-T-Shirt-Designerinnen und Mütter­cafékellnern geht einem mit der Zeit auf die Nerven.
Hinzu kommen stilistische Missgriffe und Manierismen, die nicht nur den massiven Einsatz des Pluralis auctoris, die postadornitisch eh schon zu Tode genudelte Postponierung des Reflexivums und bizarre Wortstellungen, also schlechtes, sondern darüber hinaus auch schlicht falsches Deutsch hervorbringen (Indikativ in der abhängigen Rede).
Letztendlich laboriert "Die schonende Abwehr verliebter Frauen" an einem klassischen Selbstwiderspruch: Soboczynski scheitert in der Kunst der Verstellung, weil es ihm nicht gelingt, deren eherne Grundregel durchgängig einzuhalten – nämlich die, dass man die Verstellung verstellen muss. So aber merkt der Leser die Absicht und ist verstimmt: Leichtigkeit verkommt zur Koketterie, Esprit zum frivolen Parlando, Bildung zur Dünkelhaftigkeit. Mag man die ständige Erwähnung ­eines Bordeaux Saint Estèphe noch als Ironisierung eines vermeintlich kultivierten Lebensstils gelten lassen, so ist Soboczynskis herablassende Weitergabe eine Rezepts, das "einfacher vonstatten geht, als gemeinhin angenommen", nur noch peinlich: Pesto kann nun wirklich jeder!

Klaus Nüchtern in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 39)


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