Zirkusgasse

von Manfred Rumpl

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Verlag: Reclam
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 41/2001

Manfred Rumpl lässt in der Zirkusgasse ein buntes Völkchen exotischer Sympathieträger gegen ganz böse Haus- und Kampfhundbesitzer antreten.

Die Hauptfigur in Manfred Rumpls viertem Roman heißt Franz Maria Graf, ist, wie der Name fast unverschämt andeutet, Schriftsteller und, wie der Name sagt, über ihre sexuelle Disposition mit sich selber uneins. Hinter ihr liegt eine entsetzliche Kindheit, noch entsetzlichere Jugend. Die Eltern haben keine Gelegenheit ausgelassen, das "Wunschkind" zu quälen, haben mit übelsten Methoden das einzige von ihm geliebte und es liebende Menschenwesen, eine engelsgleiche serbische Studentin namens Zora, aus Österreich fort- und dadurch den Sohn in eine schwere Depression getrieben. Nichts Gutes ist an ihnen bis auf das eine, dass der Vater – einst ebenfalls Schriftsteller, dann erfolgreicher Versicherungskaufmann – genug Geld gemacht hat, um es, nach dem tödlichen Autounfall der Eltern, dem Sohn zu ermöglichen, aus der Steiermark nach Wien in die Leopoldstadt zu ziehen: in eine Eigentumswohnung in einem abbruchreifen Haus in der dem Roman den Titel gebenden Zirkusgasse. In diesem Haus leben unter anderen die Hausbesorgerin und Gelegenheitsnutte Wanda Petras, die slawischen Akzent spricht und dennoch (oder deshalb? Oder doch nur für Reclam/Leipzig?) zu Franz Maria, als er im Haus ankommt, sagt: "Ich komme mit hoch"; der jüdische Exartist und Spanienkämpfer Richard Löw; eine Transsexuelle namens Bella Star, die im "Cabaret Renz" in der Zirkusgasse auftritt (und mit der Franz Maria einige Zeit ein Verhältnis hat, bis er sich von ihr trennt, weil er es, trotz aller Bemühung, sich anerzogene Verhaltensmuster abzutrainieren, nicht verkraftet, dass sie nicht nur tanzt, sondern auch der Prostitution nachgeht); drei schwule Studenten in einer Wohngemeinschaft; ein Motorrad fahrender Bühnentechniker mit Vorliebe für Cannabis; ein zaubernder Fleischermeister; eine türkische Familie mit einer unglaublich aufgeweckten Tochter im Volksschulalter, die, nebst anderem, in Franz Marias Wohnung gern in Gedichtbänden von Trakl, Morgenstern und Kaser liest. Das sind die Guten. Das Böse wird repräsentiert durch den Bundesheergefreiten, Neonazi und Waffennarren Tobias Kröpfl, der im Auftrag eines unsichtbar bleibenden Hausbesitzers die Mieter aus dem Haus vertreiben soll, damit dieser was tun kann? Richtig: ein Massenquartier für Gastarbeiter daraus machen. Zu diesem Zweck bedient sich Kröpfl eines Kampfhunds und einiger junger Skinheads und schreckt auch nicht davor zurück, die kleine Tochter der Türkenfamilie zu vergewaltigen (oder vergewaltigen zu lassen) und im Kühlhaus des Fleischermeisters zwischen Schweinehälften aufzuhängen, von wo sie immerhin lebend geborgen wird. Und was tut die Polizei? Wieder richtig. Sie kommt gar nicht auf die Idee, dass Kröpfl, der Besitzer eines Kampfhunds und dreier Schusswaffen, der immer wieder durch ausländerfeindliche Parolen auffällt, etwas damit zu tun haben könnte, sondern behandelt ihn ausgesucht höflich und verdächtigt islamische Fundamentalisten oder den sizilianischen Gehilfen des Fleischermeisters. Soll ich noch weiter erzählen? Wie dann der böse Kröpfl von den guten Hausbewohnern sanft kastriert wird? Und wie Zora, als Gefolterte des Jugoslawienkriegs zwar, aber immer noch voll Lebensmut und Widerstandsgeist, wieder auftaucht und – nein? Resümee? Wie Sie wollen.

Manfred Rumpl, schriebe ich, wäre ich nur der freundliche Rezensent, der ich sein will, hat ein lesbares, leidlich spannendes, wenn auch nicht immer stilsicheres Buch geschrieben – "gewitzte Bemerkungen" beispielsweise sollte man, wenn witzige gemeint sind, in deutscher Sprache nicht machen –, das sich für eine Fernsehverfilmung ("Tatort"?) gewiss eignet. Aber da ich nicht nur der freundliche Rezensent bin, der ich sein will, sondern auch seit siebzehn Jahren in der Novaragasse wohne, die dort, wo das "Cabaret Renz" sich befindet, die Zirkusgasse quert, bin ich verärgert. Belletristik muss zwar nicht exakt sein in allen Details, aber dass beispielsweise das zwischen Franz Marias Wohnhaus und dem "Cabaret Renz" liegende, in der Wirklichkeit in mehrerlei Hinsicht das Straßenbild der Zirkusgasse bestimmende Gebäude, das älteste Gymnasium des Bezirks, ausgespart bleibt, zeigt deutlich die Bereitschaft des Autors, auf die Beschreibung des alltäglichen Zusammenlebens der Bewohner dieses Viertels zu verzichten, um die Geilheit des lesenden Spießers nach Exotik und Verruchtheit zu bedienen. Und um zu beweisen, dass er selber kein Spießer ist, wendet er ein so simples Gut-Böse- Schema an, dass es einem, wenn nicht die Haare aufstellt, den Magen umdreht. Die Leopoldstadt, nicht nur im Viertel um die Zirkusgasse, ist ein komplizierteres Gebilde. Menschen aus unterschiedlichsten Milieus und vielen Ländern leben in ihr auf engem Raum. Das schafft genügend Probleme, und dass sie dennoch kein ernsthaftes Neonaziproblem hat, hat auch damit zu tun, dass ihre Polizei viel weniger dumm und rechtsradikal ist, als Rumpl, ein beliebtes linkes Klischee bedienend, suggeriert. Natürlich, auch das ist richtig: Jeder Autor muss die Freiheit haben, seine Sicht der Dinge öffentlich darzustellen. Aber ich Novaragassenbewohner beanspruche ja auch nur das Selbstverständliche: die Freiheit, mich öffentlich zu ärgern. Stellen Sie sich vor, der Redakteur N. schickt Ihnen ein Buch zur Rezension, weil darin, wie er erklärt, eine Frau porträtiert wird, die Sie persönlich ein wenig kennen und schätzen, und Sie schlagen das Buch auf, und über diese Frau wird in diesem Buch ununterbrochen nichts anderes gesagt als: "Sie hatte einen Arsch und Titten." Das würde Sie doch auch ärgern, oder? Na eben.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2001 vom 12.10.2001 (S. 20)


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