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Verlag: Reclam
Erscheinungsdatum: 01.01.2001

Rezension aus FALTER 43/2001

Angeblich wird dem Märchen vom Tellerwäscher, der es zum Millionär brachte, in den USA noch immer Glauben geschenkt. Sam, der Sohn einer Truckernutte aus dem Mittleren Westen und Alter Ego des 20-jährigen Schriftstellers J.T. LeRoy, glaubt mit seinen zwölf Jahren, dass eine Existenz als Kindertransvestit im Grunde nichts anderes als solch eine Traumkarriere darstellt. So unbeschwert wie einst Hans im Glück zieht der kleine Sam hinaus in die Fremde, wo er unter dem Namen Sarah und als Mädchen verkleidet beim miesesten aller Zuhälter sein Glück machen will. LeRoys Romanerstling "Sarah" ist hübsch geschrieben und völlig pervers, weil gänzlich von jeglicher Reflexion und Distanz befreit und zudem noch mit einem Happy End versehen - obwohl Sam als Bub enttarnt wird. Obwohl von Dutzenden stinkender Trucker so lange gevögelt, bis er nur noch ein Klumpen misshandelten Fleisches ist, lässt LeRoy seinen Sam in Siegerlaune nach Hause zurückkehren. Schließlich hat der käufliche Knabe mehr Leistungsbereitschaft bewiesen als alle seine Kollegen."Engel" heißt ein Roman, der sich ebenso gelungen wie gnadenlos mit dem Realitätsverlust von freakigen Amerikanern à la Sam beschäftigt. Denis Johnson erzählt von selbst ernannten Glücksrittern, die darauf programmiert sind, sich selbst möglichst effektiv zu zerstören. Hätten Jamie und Bill etwas Grips im Kopf, wären sie gute Menschen, sauber, spießig und protestantisch. Doch weil sie zu dumm sind, um zu kapieren, dass sie dumm sind, muss jeder ihrer Pläne in eine Katastrophe münden, spült es sie über den Rand der Gesellschaft hinweg und dorthin, wo der elektrische Stuhl wartet. Die beiden nehmen ungefähr so viel Drogen wie Sam, während sie in den dilettantischsten aller je schief gegangenen Banküberfälle schlittern. Nicht unbedingt der Roman, der ein patriotisch sauberes Bild der USA vermittelt; umso realistischer wirkt er.

Martin Droschke in FALTER 43/2001 vom 26.10.2001 (S. 24)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Engel (Denis Johnson, Bettina Abarbanell)

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