Murphy's Gesetz

von Manfred Rumpl

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Reclam
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 41/2003

Manfred Rumpls vierter Roman, "Murphy's Gesetz", befriedigt hauptsächlich voyeuristische Bedürfnisse.


Das ist ein Roman, der nur zum Teil interessiert, also zu wenig; ein Schlüsselroman aus der Grazer Literatur- und Kunstszene (wieder einmal), der keine Mühe auf seine Verschlüsselung verschwendet. Man kann jedenfalls seine voyeuristische Neugier stillen, wenn man davon noch etwas für die Grazer Verhältnisse übrig hat. Wieder einmal ist Alfred Kolleritsch dran, "das Nadelöhr der Literatur", der als "Prof. Günstler" einen sympathischen jungen Mann, Anatol heißt er, bei der Anbahnung seiner Dichterkarriere behindert: Günstler fordert mehr Trendbewusstsein von Anatol ein und rümpft die Nase über den Benzingeruch in dessen Kleidern (Anatol arbeitet als Tankwart). Prof. Günstler bleibt als Karikatur der inzwischen großväterlichen formalistischen Avantgarde zurück, insofern sein Modernismus sich schließlich mit dem Vorschlag begnügt, den Roman wenigstens in Kleinschreibung und ohne Interpunktion abzufassen. In der "Likörstube" (Haring) findet man das Personal der Grazer Kunstszene versammelt, ein verlorener Haufen, der ein bisschen Kreativität mit viel Alkohol mischt; auch hier die strenge Hierarchie des Erfolgs. Am eindrucksvollsten ist das Porträt des verkrachten Lyrikers von Kreutzbruck (im Buch: von Kreuzbruch); Wolfgang Bauer und H.C. Artmann kommen auch vor. Im satirisch gebündelten Blick des Autors erscheinen als verachtenswert, mindestens aber tragisch-komisch: der Kunstbetrieb, die Künstler, die Kunst und das Publikum.
Zur Lektürefreude trägt einerseits die gelegentliche stilistische Schlagfertigkeit und intellektuelle Schärfe des Autors und andererseits doch die Figur des Protagonisten bei, mit der man sich willig identifiziert, weil sie im Kontrast zum übrigen Romanpersonal nicht von vornherein ausdefiniert ist, weil sie über ihre Beispielfunktion hinauswächst und das Buch offen hält.
Ansonsten ist die Grazer Welt zur Übersichtlichkeit vereinfacht. Böse sind: der Kunstbetrieb, die Polizei, die Burschenschafter, die Punks. Das muss so sein, schließlich ist die Geschichte zum Beweis dafür geschrieben, dass man gegen die Grazer Bösen chancenlos ist. Szeneatmosphäre und Szenetypen sind gewiss auch gut porträtiert, erscheinen aber doch oft wie Plakate ihrer selbst, und allzu oft verblassen die Menschen in der Monochromie ihrer Gruppenzugehörigkeit.
Die Berechtigung für all diese Formen der Vereinfachung heißt Satire. Diese bedient auf literarisch legalisierte Weise vor allem die Freude an der eigenen Aggression. Darin hat sie auch ihre Berechtigung; manche Verhältnisse sind zum Aus-der-Haut-Fahren und gehören geprügelt. Immerhin ist das Prügeln gattungs- und methodenprägend: Der Aggression frönt man am besten unter Vereinfachung der Tatsachen und Typisierung der Individuen. Ich meine: Gerade Satiren müssen so gut (scharf, witzig, klug, treffsicher etc.) sein, dass ihre Wirkung ihre Bedingungen überspielt. Wo er Satire sein will, ist der vorliegende Roman meist nicht so gut.
Wahrscheinlich liegen die Ursachen für die Unzufriedenheit mit der Kraftlosigkeit oder Identitätsschwäche des Buches in den unauffälligen und ziemlich durchgehenden Gestaltungsmängeln. Anatol hat sich in Anna verliebt, ein durchaus differenziert erzählter Strang der Geschichte. Sex gibts erst in der dritten gemeinsamen Nacht: "In dieser dritten Nacht entfesselte sie einen Sturm, in dem noch die unterdrückte Lust der vorangegangenen Nächte zum Ausdruck kommt." Ein gut verständlicher Satz, Standardniveau des Buches. Entfesselt? Sturm? Lust? Ausbruch? Wir verstehen alles und erleben (fast) nichts.

Helmut Gollner in FALTER 41/2003 vom 10.10.2003 (S. 6)


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