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Verlag: Reclam
Erscheinungsdatum: 01.01.2003

Rezension aus FALTER 48/2003

Mit gleich zwei Romanen in einem Jahr machte die Döblin-Preisträgerin Kathrin Groß-Striffler eine spektakuläre literarische Karriere.

Johanna hat Angst vor ihrem Mann. Mit einem Stipendium war sie in die USA gekommen. Die übereilte Hochzeit "war ein Teil der unausgesprochenen Abmachung zwischen uns gewesen, ich hatte mir seinen Schutz erworben und er sich die Freiheit, mit mir zu tun, was ihm beliebte". Jetzt, zu Beginn des Romans "Die Hütte", versteckt sich Johanna auf einer Farm irgendwo in der Weite des nordamerikanischen Kontinents. Sie weiß, dass er sie sucht, weiß, dass sie etwas unternehmen muss, um ihr Selbstbewusstsein zurück zu gewinnen. Sie dreht den Spieß um, sucht und verfolgt nun ihrerseits ihn Über den Zeitraum eines Jahres wird die Innenwelt der Protagonistin ausgeleuchtet, wird erzählt, wie sich Johanna allmählich stabilisiert, dann von ihrer Kindheit eingeholt wird und sich schließlich vom Ballast ihrer Biografie befreit.

Geschrieben hat den Roman Kathrin Groß-Striffler - der Name steht für eine der spektakulärsten Autorenkarrieren 2003. Wie aus dem Nichts war er im Frühjahr aufgetaucht, als die Autorin den von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preis erhielt. Im Herbst debütierte sie dann mit gleich zwei Romanen, dem preisgekrönten "Die Hütte" und der nicht minder fulminant komponierten Familiengeschichte "Das Gut".

Kathrin Groß-Striffler nach etwaigen autobiografischen Bezügen ihrer Romane zu fragen, ist hilfreich, denn erst nachdem sie diese in Abrede gestellt hat, werden weitere Auskünfte über den Lebensweg erteilt: "Das Autobiografische beschränkt sich auf die Orte, die Geschichten, Personen und alles andere ist frei erfunden."

Von der Ausbildung her ist Groß-Striffler eigentlich Lehrerin. Nach zwei Studienaufenthalten in Nantes und Amerika wurde ihr jedoch klar, dass sie das Unterrichten nicht ausfüllen würde. Sie ging erneut in die USA. Damit hatte sie sich den Berufseinstieg verbaut, ohne wirklich eine Entscheidung treffen zu müssen. Groß-Striffler heiratete. Vor fünf Jahren, als ihr Jüngster dann alt genug für den Kindergarten war, fasste sie einen folgenreichen Entschluss. Seitdem sitzt sie schon lange am Schreibtisch, wenn ihre insgesamt vier Kinder morgens aufstehen, und verlässt diesen auch erst mittags wieder. Auf diese Weise entstanden zunächst Kurzgeschichten, für die sie bald einen ersten kleinen Literaturpreis erhielt. Weil das Genre im deutschsprachigen Raum bei Lesern und Verlagen nicht besonders populär ist, machte sich die spät berufene Autorin an ihren Roman "Das Gut", den sie nach fünf Monaten fertig hatte. Direkt im Anschluss "überkam" sie dann "Die Hütte".

Beide Bücher sind von einer in der deutschen Gegenwartsliteratur seltenen gesellschaftspolitischen Relevanz und sprachlichen Kraft. Die Plastizität der Orte und Figuren, die subtile, nie offen ausgesprochene Psychologie, die Komplexität der Themen lassen keinen Zweifel, das die Jury des Döblin-Preises die richtige Wahl getroffen hat.

In "Das Gut" erzählt Groß-Striffler eine Familiengeschichte der Nachkriegszeit: Torsten, der Sohn eines kleinbürgerlichen Schuhhändlers, heiratet Hanna, die Erbin eines traditionsreichen Junkerhofs - gegen den Widerstand ihrer Eltern. Torsten wird als Taugenichts vorverurteilt, da er den Fortbestand des elitären Kosmos gefährdet. Den ganzen Roman über bleibt offen, weshalb es ihm nicht gelingt, mit dem Gut schwarze Zahlen zu erwirtschaften. Möglicherweise fehlt es ihm wirklich an Kompetenz, vielleicht scheitert er, weil man ihm zu viele Steine in den Weg legt. Die Ablehnung Torstens als vollwertiges Familienmitglied entwickelt sich zur Zerreißprobe, die die Familie nicht überstehen wird. Noch zwei Generationen später, der Roman ist in der Gegenwart angekommen, müssen sich die Nachkommen für eine der verfeindeten Parteien entscheiden.

Martin Droschke in FALTER 48/2003 vom 28.11.2003 (S. 61)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Hütte (Kathrin Groß-Striffler)

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