Die goldenen Siebziger
Ein notwendiges Wörterbuch

von Gerald Fricke, Frank Schäfer, Rüdiger Wertusch

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Reclam
Erscheinungsdatum: 01.01.1997

Rezension aus FALTER 9/1999

Sunkist, Soma und Sinalco

Ein neues Online-Buch rekonstruiert das kollektive Gedächtnis der heute Dreißigjährigen und erinnert an Barbapapa, Wickie, Slime und andere wichtige Trivialitäten. Über die erste Generation von Österreichern, die mit zwei Fernsehkanälen und Massenkonsum aufwuchs.

Teil einer Jugendbewegung zu sein ist ein Job für Alf und Schlumpfencowboy Joe. Teil einer Retrogesellschaft zu sein ist das Schlagzeugsolo des Liedes, das wir Leben nennen.

Tex Rubinowitz / Mäuse

Anette von Aretin, Hans Sachs, Guido Baumann sowie alternierend Marianne Koch und Anneliese Fleyenschmidt. Erinnern Sie sich? Natürlich erinnern Sie sich: das heitere Beruferaten, in dem Robert Lembke immer zuerst fragte "Welches Schweinderl hätten S' denn gern?" und sich der Kandidat dann ein Sparschwein mit einer bestimmten Farbe aussuchen durfte. Was wieder den meisten Fernsehzuschauern egal war, weil die in den frühen siebziger Jahren zumeist nur Schwarzweißgeräte hatten.

"Anette von Aretin, Hans Sachs ...", das war auch der etwas ungewöhnliche Titel eines Textes von Max Goldt, in dem sich der Titanic-Kolumnist vor ein paar Jahren Gedanken über solche und ähnliche banale Dinge seiner Kindheit machte. Und trotz etlicher grauenhafter Erinnerungen - wie jene an die George Baker Selection und ihr Lied "Una Paloma Blanca" - plädierte Goldt dafür, daß Menschen über dreißig regelmäßig "Erinnerungssport" treiben sollten. Denn nur so könnten sich Gleichaltrige, die sich eben erst kennengelernt haben, in Zeiten der Individualisierung wenigstens über irgend etwas Gemeinsames unterhalten und zueinander finden.

Tatsächlich: Wenn erst einmal das Siezen von Alterskollegen das Duzen abzulösen beginnt, dann wird es zunehmend schwerer, Gemeinsamkeiten mit Jahrgangsnachbarn festzustellen - einmal vorausgesetzt, daß es nicht um berufliche Dinge gehen soll. Echte Jugendliche können das, indem sie über die neuesten Trends in Sachen Brit-Pop oder Trip-Hop Bescheid wissen. Jenen Leuten aber, die mit dreißig spät, aber doch der Jugend abgeschworen haben, bleibt allenthalben die Erinnerung daran - und das Kramen im Schatzkästchen des kollektiven Gedächtnisses.

Eine wahre Fundgrube für retrospektiv gesonnene Kinder der siebziger Jahre bietet seit kurzem das Erinnerungsalbum "Wickie, Slime und Paiper", das aus einem sogenannten Online-Forum hervorgegangen ist. Initiiert wurde das Internet-Projekt im November 1997 von der damals 29jährigen Journalistin Susanne Pauser, die vor dem Erreichen der magischen Dreißiger-Marke noch einmal ihre Erinnerungen an ihre Kinder- und Jugendzeit mit Gleichaltrigen teilen wollte. Also fragte sie die Netz-Öffentlichkeit des Mailboxbetreibers BlackBox, ob sich noch jemand an Leckerschmecker, den Faserschmeichler-Song oder den Doppellutscher erinnern könne.

Dutzende Round-about-Dreißigjährige, die sich mittlerweile auch persönlich kennen, kramten in ihrem Gedächtnis, und prompt gingen Tausende Mails ein, in denen die siebziger und frühen achtziger Jahre Wiederauferstehung feierten. In kollektiven Mikroerinnerungen wurden die wesentlichen Süßigkeiten (Paiper, Bonitos, Pop-Rock) und Getränke (Keli, Konki, Afri-Cola) der Zeit ebenso vergegenwärtigt wie die einprägsamsten Werbemelodien (Creme 21, Strahler 80), die Irrtümer der Mode (Jeans mit weißer Naht, Fellohrenschützer oder jene Ansteck-Accessoires, die unter dem Namen Flöhe bekannt waren) oder die Pop-Stars der Zeit (Baccara, Shakin' Stevens, Bay City Rollers).

Politik und Wirtschaft hingegen drangen nur sehr vermittelt in das Leben der damaligen "Madln und Buam" (Heinz Conrads). Die Ölkrise etwa machte sich durch das Wochentagspickerl (MO, DI, MI ...) auf der Windschutzscheibe des väterlichen Autos - vorzugsweise ein VW-Käfer - bemerkbar. Und die Politik lächelte vor allem in Gestalt von Rudolf Kirchschläger ins Klassenzimmer. Allenthalben wurde präpubertär über den "Bär von Schasien" und den Schi-Hit'n-Führer gewitzelt, oder man(n) memorierte die lange Liste der internationalen Sexminister: Di Puderiano (Italien), Vik van Hinden (Niederlande), Kamushi Kasaki (Japan), Fut Z'eng (China), Kahaar ahm Sakh (Arabien) oder Iwan Diwan Zahriman (Wanna reisd dann Nahr Iman) (Persien) ... et al. Der RAF-Terrorismus, Vietnam und Watergate jedenfalls waren für die damaligen Volksschüler weit weg. Und Bruno Kreisky regierte für die damalige jüngste Generation so selbstverständlich, als ob er immer schon an der Macht gewesen wäre.

Jahrhunderte hindurch wurden in alle Dinge Tiefen hineingeheimnist, die sie niemals hatten. Das hat sehr viel Unheil angerichtet. "Banalisiere die Dinge, und du wirst Erfolg ernten", heißt es bei Walter Serner. Bleibt trotzdem die Frage, welche Bedeutung solche und ähnliche Erinnerungen an die triviale Dingwelt der Kindheit haben. Sind sie bloß ein weiterer Beweis für die Lust am Banalen, die unsere jugendliche Spaßgesellschaft kennzeichnet? Was ist das für eine seltsame Generation, die sich bereits mit dreißig kollektiv an ihre Vergangenheit zu erinnern beginnt? Und was ist das überhaupt: eine Generation?

Gemeinhin beschreibt dieser Begriff, wie aus Gleichaltrigen Gleichartige werden. Die Herstellung einer kollektiven Identität und einer Generation bedarf bestimmter Voraussetzungen. Der Soziologe Karl Mannheim nennt als solche historische Schlüsselereignisse, neue Leitideen und Wertorientierungen sowie politische Krisen. Mannheims einflußreiches Konzept, das in den späten zwanziger Jahren entwickelt wurde, traf auf die Kriegs- und die Wiederaufbaugeneration, wohl auch noch auf die 68er zu.

Was aber ist mit den Kindern der 68er? Ob auch diese eine einheitliche Generation bilden können, wird erst im Rückblick entschieden werden; die Chancen dafür stehen allerdings nicht besonders gut: Schon jetzt gibt es etliche Angebote, wie man die heute 25- bis 35jährigen nennen soll. Der deutsche Politikwissenschaftler Claus Leggewie prägte den Begriff der 89er Generation. Andere sprachen von der Hornhaut-, Benutzer- oder @-Generation. Und der US-Amerikaner Douglas Coupland erfand die Generation X, von der nicht wirklich klar sei, was sie eigentlich ausmache.

Ein historisches Schlüsselereignis hatten die heutigen österreichischen Jungerwachsenen allenfalls im Jahr 1989 erlebt - die Erfahrung einer politischen Krise jedoch fehlte völlig. So ist es auch kein Wunder, daß das Gleichartige der Gleichaltrigen in ihrer Widersprüchlichkeit liegt - wie die Analysen einschlägiger Gesellschaftsbeobachter nahelegen. Nur so läßt sich vereinbaren, daß die heute 30jährigen die politischste und die unpolitischste Generation zugleich sind, die karrieregeilste und ambitionsloseste, die konsumfixierteste und ökologischste.

Diese radikale Ausdifferenzierung von Lebensstilen und dazugehörigen Wertehierarchien folgte freilich auf eine Egalisierung der alltäglichen (Kinder-)Lebenswelten. Und genau die ist es, die im kollektiven Gedächtnis der heute Dreißigjährigen zum Ausdruck kommt. Für Österreich, das bis in die späten sechziger Jahre einen erheblichen Modernisierungsrückstand gegenüber seinen westlichen Nachbarn aufwies, brachen in den siebziger Jahren tatsächlich neue Zeiten an. Und so waren die Kinder dieses Jahrzehnts auch die ersten, die in einem demokratisierten Bildungssystem (Gratisschulbücher, Freifahrten ...) mitsamt den Verlockungen des Massenkonsums und zweier staatlicher Fernsehkanäle aufwuchsen.

Die schöne neue Warenwelt stand in der SPÖ-geprägten "Insel der Seligen" (Papst Paul VI. im Jahr 1971 über Österreich) erstmals weiten Teilen der Bevölkerung zur Verfügung; die siebziger Jahre waren auch die Zeit, in der sich IKEA in Österreich niederließ und die ersten McDonald's nicht mehr aufzuhalten waren. Erstmals wurden die Kinder und Jugendlichen als Massenkaufkraft und Zielpublikum entdeckt. Und die Begleitmusik dazu spielte das Fernsehen, dessen Werbemelodien die heute 30jährigen bis zu ihrem Tod nicht mehr vergessen werden. "Wir sind die Faserschmeichler, die kleinen Faserschmeichler ..."

Und heute? Kabelfernsehen und Internet haben die auratischen Imaginationswelten von FS 1 und FS 2 längst verdrängt; die Kaufkraft der Kinder und Jugendlichen hat in den letzten Jahren wieder abgenommen. Zugleich vergehen die Moden und Kultobjekte der Gegenwart derart schnell, daß sie immer schon wieder halb vergangen sind. Den entsprechenden Hinweis darauf gibt die im Magazin der Hamburger Wochenzeitschrift Die Zeit erscheinende Kolumne "Was wir einmal vermissen werden", in der die Dingwelt der Gegenwart bereits historisiert ist.

So gesehen ist Max Goldts Ratschlag an die Jugendlichen von heute fast schon überflüssig: "Merkt euch die Namen all der Liedchen, wo zuerst ein Mann rappt und dann die Frau den Refrain singt. Merkt euch die Herstellerfirmen eurer gesteinsbrockenartigen Schuhe. Büffelt Energielimonadenamen. Starrt vor dem Trinken minutenlang auf die Dose, und prägt sie euch ein. Wenn ihr das tut, werdet ihr in fünfzehn Jahren gerngesehene Gäste retrospektiver Runden sein."

in FALTER 9/1999 vom 05.03.1999 (S. 22)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Wickie, Slime und Paiper (Susanne Pauser, Wolfgang Ritschl)
70er. Einmal Zukunft und zurück (Markus Caspers)

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