Stapelton, Massachusetts

von Christian Sova

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Reclam
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 12/2000

Christian Sova debütiert mit einem atemberaubend amerikanischen Roman über Liebe, Leidenschaft und Kino.
Ich soll Ihnen etwas über Stapelton, Massachusetts erzählen? Nun, es gibt nicht viel, was ich Ihnen erzählen könnte." Der 29-jährige Wiener Christian Sova stürzt sich mit einem Kopfsprung in seinen bei Reclam Leipzig im Paperback erschienenen Erstling "Stapelton, Massachusetts". Herausgekommen ist eine überwältigende Geschichte, mit einem Plot, wie er in dieser Eindringlichkeit und Rasanz wohl selten erzählt worden ist.
Das raffinierte Spiel mit Dualitäten und Versatzstücken eines äußerst kargen und inzwischen versunkenen Amerika findet in den Tagen, Monaten und Jahren rund um jenen 22. November 1963 statt, an dem Kennedy in Dallas ermordet wurde. Es beginnt in einer verregneten Kleinstadt am Atlantik. Die Nachbarn Mr. Samson und Mr. Tompkins (Letzterer Besitzer des regionalen Stapelton-Star-Kinos) tuckern täglich bourbongetränkt mit dem Boot die Klippen entlang - "Die Wellen brechen dort hoch und gefährlich gegen die Felsen. Jedes Kind wusste das, aber zwei betrunkene Männer sind natürlich unvernünftiger als Kinder und mutiger als zwei nüchterne Männer" - und sterben einen exemplarischen Taugenichtstod. Ihre Söhne Eddie Samson (der Erzähler) und Nolan Tompkins, beide Ende der Vierzigerjahre geboren und schwer in der Pubertät, wachsen fast widerstrebend in eine seltsame Freundschaft hinein.
Der knollennasige Nolan ist völlig ungeeignet zum Pferdestehlen: "Eher schon konnten einem die Pferde zusammen mit ihm leichter geklaut werden." Durch kompromisslosen Rückzug in die Kinowelt findet er seinen persönlichen Brad Pitt: den jungen Schauspieler George Earl Gadson junior aus dem Cowboyschinken "Westwind": "Jeder, der diesen Film sah, vergaß ihn rasch wieder, nur Nolan vergaß ihn nie." Nolan errichtet seiner verbotenen Liebe im Kinderzimmer einen Altar und bohrt so nebenbei ein Loch in die Wand, durch das er und Eddie dem Geheimnis von Mrs. Samson und Mrs. Tompkins auf die Spur kommen.
Der Held der zweiten Handlungsebene ist der von Nolan angebetete Schauspieler Gadson junior, ein ziemlich junger, hübscher, naiver Kerl aus den monotonen Weizenfeldern von West-Kansas, der seinen eigensinnigen Weg durch Hollywood geht und nach seinem zweiten Film (1962 spielt er einen US-Präsidenten, der ermordet wird) alles hinschmeißt. Gemeinsam mit einem jungen Farbigen fällt er in Alabama dem Ku-Klux-Klan in die Hände: Basis für ein sorgsam inszeniertes literarisches Roadmovie, bei dem Nolan (auf der Suche nach der Regengrenze, nach seiner Liebe Gadson und - wer weiß - letztlich nach seinem Vater) ausgiebig Gelegenheit kriegt, die Rolle seines Lebens zu spielen.
Heute wird mitunter darüber geklagt, dass sich ein Teil der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wie Übersetzungen aus dem Amerikanischen lese. Bei "Stapelton, Massachusetts" ist das der Fall, jedoch auf allerfeinste Art: englische Syntax als Stilmittel. Im Interview bestätigt Christian Sova gut gelaunt, die einschlägige US-Literatur (Irving, Capote, Tennessee Williams) zu 95 Prozent auf Deutsch gelesen zu haben. "Ich wollte den umgekehrten Weg gehen - die Suche nach einer neuen Diktion hätte bei dieser Geschichte niemals funktioniert."
Dieser unkomplizierte Zugang verleiht dem Text einen Glanz und eine selbstverständliche Frische, die den Leser bis um vier Uhr morgens durchhalten lässt - außergewöhnlich, ist doch österreichische Literatur gerne der blutverdickenden Tradition des Mittagsschlafs verpflichtet. Neben der lapidaren und schnörkellosen Sprache verblüfft Sovas Detailwissen über ein Jahrzehnt, in dem er keine Sekunde gelebt hat - und über einen Kontinent, den er nur von Besuchen kennt: "Alles erfunden! Es ist vor allem eine Bestandsaufnahme des Verhältnisses zwischen Amerika und mir, mit den Träumen und Albträumen, die dort und in mir drinnen kursieren. Ich kenne die USA vor allem von Auto-Urlauben in den Neunzigern, und wenn man sehr lange Auto fährt, gerät man in einen gewissen Strudel oder Rausch hinein. Wenn man in einem anderen Bundesstaat aufwacht, oder in einer anderen Klimazone, dann kriegen hundert Meilen eine ganz andere Dimension."

Martin Amanshauser in FALTER 12/2000 vom 24.03.2000 (S. 7)


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