Hitler Lieben
Roman einer Krankheit. Mit einem Nachwort von Egon Schwarz

von Peter Roos

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Reclam
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 12/1999

Den sprachlosen Vätern

Verleiht die Gnade der späten Geburt schon die Immunität gegenüber der "Hitlerkrankheit"? Peter Roos ist in seinem Roman "Hitler Lieben" dem deutschen Jedermann auf der Spur.
Hitler lieben! Hitler lieben? Hier steht zusammen, was nicht zusammengehort, nicht zusammengehoren darf. Der Titel exponiert, woran der Autor leidet - er bezeichnet sich als hitlerkrank. Und dagegen schreibt er an und sucht nach Worten für "alle Sohne, die Väter haben, die schweigen", für "meinen sprachlosen Vater", wie er es in seiner Widmung formuliert.
Der Autor kann nicht "ich" sagen und muß "ich" sagen und setzt dem Schweigen und der Stummheit ein Leben entgegen: "Vater schweigt, Mutter stumm, Hitler lebt und ich daneben." Das erzählende Ich wird zum Symbol eines Lebens, das dem lebenden Hitler mit dem eigenen Überleben trotzt - ein krankes Leben zwar, aber kein stummes: Erzählt wird vom Schweigen da, vom Leisereden dort, vom Flüstern hier, vom Geheimnis und von der Geheimnistuerei; erzählt wird "vom deutschen Jedermann", vom "Jedermann-Syndrom" - beschreibbar als "Zweifel an der personlichen Resistenz und der subjektiven politischen Immunität", das diesen "Roman einer Krankheit" zugleich ermoglicht wie notwendig gemacht hat.
Krank macht die Ungewißheit über die eigene Haltung und Handlungsfähigkeit. Das erzählende Ich ist der Sohn, der durch die Last der Väter nie zur Ruhe kommt, sich von der Krankheit nicht erholt, gegen die es kein wirksames Heilmittel gibt. Nur Worte gibt es und viele Leerstellen, oftmals fast unbeschriebene Seiten, die für das kaum Sagbare und Beschreibbare stehen, das Roos dennoch und beinahe zwanghaft als Geschichte aufsucht.
Erzählt wird unter anderem die Geschichte des Mitläufers Hermann Gradl, Lieblingslandschaftsmaler des Führers, Akademiedirektor und Ratsherr der Stadt der Reichsparteitage. Mann der Geschichte insofern, als er sie wohl überstanden hat - beinahe ausgestattet mit der Goethe-Medaille, ausgestattet mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt Marktheidenfeld und wieder ausgestattet mit einem neuen DKW-Kabriolett (1951), als Ersatz für den braunen BMW, der ihm 1945 von den Amis "weggenommen" wurde. Roos kontrastiert den Lebensweg Gradls mit dem Schicksal jener, die nicht einmal bestattet wurden, montiert in schneller Abfolge, lakonisch fast, was schwer zusammen gedacht werden kann: "Am 20. Juli 1933 werden 300 Juden in aller Öffentlichkeit durch Nürnbergs Straßen getrieben, geschlagen und auf die Deutschherrenwiese, einen SA-Sportplatz, gebracht. Dort wurden auch 70- und 80jährige gezwungen, mit den Zähnen Gras auszureißen. 1933: Hermann Gradl deklarierte beim Finanzamt neben seinem Gehalt 30.000,- Reichsmark an Einkommen aus Verkäufen von Bildern, unter anderem einer Bleistiftzeichnung der Nürnberger Bindergasse, hakenkreuzfahnengeschmückt."
"Ich. Verstehe. Das. Alles. Nicht." Sagt der Erzähler. Eine neue Geschichte wird aufgesucht, gelesen im Staatsarchiv Würzburg als Akte der Ilse Sonja Totzke, "die schonste und grausamste Akte des Archivs", geschrieben als "Die Gestapo-Akte und Ich". Der Erzähler spricht, liest und schreibt und liest, hetzt von einer Zeile der Akte zur nächsten. Die Chiffren der Akte variieren kontrapunktisch mit den Schriftzügen auf den Kleintransportern, Lieferwagen und Omnibussen draußen vor der Tür des Staatsarchivs: "Eilkurier: Wir sind schneller, als Sie denken!"; "Die Schutzhaftgefangene wurde am 4.6.43 mit Sammeltransport nach dem KL.-Ravensbrück in Marsch gesetzt"; "Hinaus in die Ferne - mit Honle's Omnibus; ihre Einweisung in das KL-Ravensbrück verfügt; Erdgas - wir sorgen für eine saubere Umwelt".
Der Erzähler erwischt den Faschismus fast überall, er geht dem "Virus Verbrechen" nach, das nicht "plotzlich aus unserer Welt verschwunden sein (kann), bloß weil Mord nicht mehr ausgezeichnet, verlangt, mit Orden bedacht und unterstützt wird" (Ingeborg Bachmann). Das Bild vom Virus kann den Ekel des Ich-Erzählers illustrieren. Es wird sichtbar als Hakenkreuz auf frischen Betonwänden, als Wiener Wunschkennzeichen "W-EHRM 8", horbar und spürbar im Stammtischgegrole der ewig Gestrigen. Peter Roos' Text verleiht Ohren, Augen - Gesicht. Das erlost nicht vom "Jedermann-Syndrom", aber sichtbar wird es.

Anna Babka in FALTER 12/1999 vom 26.03.1999 (S. 7)


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