Das unsichtbare Meisterwerk
Die modernen Mythen der Kunst

von Hans Belting

€ 45,30
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Kunst
Umfang: 551 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.09.1998

Im Zentrum dieses zwei Jahrhunderte übergreifenden Rückblicks steht der Mythos des "Meisterwerkes"?, dessen Geschichte weder in der gegenwärtigen Kunstpraxis noch Kunstliteratur zu einem Ende gekommen ist. Da aber das Kunstwerk nur die Ideen und Ideale unserer Kultur spiegelt, weitet sich Hans Beltings Buch zur faszinierenden Bestandsaufnahme über die Kunst einer Epoche - vom Zeitalter der Museumsgründungen um 1800 bis zur Gegenwart. Seinen Anfang nahm das â"Meisterwerk"? als Mythos der Kunst im Zeitalter der Museen. In ihnen feierte das neue Publikum des bürgerlichen Zeitalters im Kult der Kunst seine Religion. So spannt dieses große Buch den Bogen von der Gründung des Louvre und den Dramen des Pariser Salons, über Gauguin, Picasso, Duchamp bis zur Pop art und Konzeptkunst unseres Jahrhunderts. In einem Epilog erfährt auch die heutige Moderne eine Würdigung. Diese betrieb die Befreiung vom Werk mit der gleichen Originalität, die einmal der Schöpfung des Werks abverlangt wurde - oder feierte Rituale zu dessen Erinnerung.

Rezension aus FALTER 5/1999

Die Furie der Kunst

Das, was ein Werk zum Kunstwerk macht, sei reine medienabhängige - Fiktion, meint Hans Belting in seinem neuen Buch "Das unsichtbare Meisterwerk".

Der genial eingefädelte Skandal ist längst Legende geworden: Marcel Duchamp signierte 1917 ein simples Urinoir mit dem Pseudonym R. Mutt, gab ihm den schönen Titel "Fountain" und machte aus diesem Pissoir durch geschickte Mobilisierung und Instrumentalisierung der Medien ein museumsreifes Kunstwerk.

Kein Künstler hat so radikal die unscheinbare Herrschaft einer nirgends vereinbarten Idee der Kunst über den populären und avantgardistischen Kunstbetrieb bloßgestellt wie Duchamp. Ihm ist denn auch das brillanteste Kapitel in Hans Beltings neuer opulenter Erzählung gewidmet, die unter dem paradoxen Titel "Das unsichtbare Meisterwerk" genau dasselbe - leider aber viel verbissener - klarmachen will: Die Kunst, also das, was ein Werk zum Kunstwerk macht, ist eine reine Fiktion, über die keine endgültige Vereinbarung möglich ist und über die deshalb die Medien beliebig verfügen können. Belting hat schon vor Jahren "Das Ende der Kunstgeschichte" (1995) eingeläutet - jetzt präsentiert er den "Kult der Kunst" als den modernen Kult einer bloßen Fiktion.

Das "unsichtbare Meisterwerk" ist Chiffre für die Dauerkrise der modernen Kunst, die bereits mit ihrer Freiheit in der Geburtsstunde der bürgerlichen Museumskultur am Anfang des 19. Jahrhunderts begann. Entlassen aus ihren religiösen Bestimmungen und traditionellen Räumen, blieb dem musealen Kunstwerk nur noch die "paradoxe Rolle", das "Ideal der absoluten Kunst" zu verkörpern: "Das unsichtbare, immer hinausgeschobene, in die Utopie verlegte und abstrahierte, das negierte, bekämpfte oder verfehlte Meisterwerk schwebt über dem Horizont der Moderne wie eine heilsversprechende Fata Morgana."

Wie eine Fata Morgana irritiert auch Belting: Er verspricht einmal eine "Ideengeschichte des Werks", dann wieder eine "Problemgeschichte der modernen Kultur", dann eine "Archäologie der Moderne" - und löst nichts davon wirklich ein. Denn er operiert mit einem denkbar inkonsistenten Werkbegriff und erzählt fast nur die Geschichte der französischen Kunstszene des 19. und 20. Jahrhunderts und deren Nachspiel in der US-amerikanischen Avantgarde.

Beltings leitende Einsicht beruht auf dem trivialen Faktum, daß Kunst sich nicht mehr von selbst versteht. Sie wird ja in der Moderne unumgänglich zum Gegenstand der kritischen Reflexion, Fragwürdigkeit und Selbstbehauptung. Belting macht dieses moderne Legitimationsproblem jedoch zum vernichtenden Fluch: "Die Kunst wird zur Furie, sobald man sie aus ihren Hüllen reißt und sie nur noch zur Selbstdarstellung zwingt."

Diese Furie, die er im "Schlüsseltext der Moderne" - Balzacs Novelle vom scheiternden Maler Frenhofer - entdeckt, macht Beltings Erzählung zu einer niederschmetternden Angelegenheit. Verfolgt von ihr, reduziert er alle modernen Werkideen, alle sich öffnenden, offenen und unvollendet bleibenden Werke und Werkprozesse - von Cezanne, Rodin, van Gogh, Picasso, Kandinsky, Malewitsch, Newman usw. - auf die unmögliche Darstellung eines absoluten Kunstideals und blendet völlig aus, welche neuen Weisen und Formen des Sehens und des Sichtbaren sie etablierten.

Allerdings kommt dabei ein anderer Aspekt der Moderne überzeugend zum Vorschein: Die neue Abhängigkeit der "autonomen" Kunstproduktion und -rezeption von einem Vermittlungsbetrieb, der seit dem 19. Jahrhundert in Kunstkritik und Literatur den Bedeutungsverlust kompensiert, indem er immer neue Mythen und Bedeutungen "der Kunst" produziert. Diese deutlich aus der Ecke der Medienwissenschaft gespeiste Kritik versöhnt im Verein mit Beltings kenntnisreichem Spektrum, das vom Vorläufer dieser Kunst-Vermittler, Vasari, bis zu den US-amerikanischen "Ritualen der Erinnerung" reicht, denn doch ein bißchen mit der Lektüre.

Iris Buchheim in FALTER 5/1999 vom 05.02.1999 (S. 60)


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