Das Gehirn

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Verlag: Beck, C H
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Naturwissenschaft
Erscheinungsdatum: 02.06.2006

Rezension aus FALTER 50/1999

Abenteuer im Kopf

Drei Monografien über das Gehirn bieten für Laien und Fortgeschrittene neue Einsichten in jene graue Puddingmasse, mit der wir denken und fühlen.

Die jüngste Hirnforschung macht durch spektakuläre Im- und Transplantationsexperimente Schlagzeilen: Neuroprothesen sollen Blinde wieder sehen, Gehörlose wieder hören, Gelähmte wieder gehen lassen (siehe auch die beiliegende Ausgabe von heureka!). Forscher wie Robert White stellen gar Kopftransplantationen in Aussicht - allerdings mit Querschnittslähmung als "Nebenwirkung". Passionierte Computerwissenschaftler schwärmen bereits von der im nächsten Jahrhundert vollendeten Verschmelzung von Mensch und Maschine, bei der Realität und Simulation ununterscheidbar werden.

Gemessen an solcher Zukunftsmusik erscheinen die drei neuen Bücher zum Thema Gehirn wie ein Schritt zurück - näher besehen sind sie indes ein engagiertes Eintreten für und kritische Rückbesinnung auf die Menschen, für die und von denen Hirnforschung betrieben wird. Susan A. Greenfield wendet sich in ihrem "Reiseführer Gehirn" an interessierte Laien und macht in fünf leicht verständlichen Kapiteln mit dem aktuellen Stand des Wissens und Nichtwissens über "das sterbliche Gehirn" - diesen rätselhaften "Sitz all unserer Gedanken und Gefühle" vertraut.

Sie vermittelt einen soliden Einblick in die verschiedenen Regionen, Funktionen und biochemischen Reaktionen des Gehirns, erläutert anschaulich die Möglichkeiten und Grenzen der "Fenster zum arbeitenden Gehirn" - also von EEG und anderen Aufzeichnungsformen - und skizziert die Entwicklung des Gehirns von der befruchteten Eizelle bis zum Alter. In den verheerenden Alterserkrankungen (Parkinson, Alzheimer) sieht sie ein Hauptmotiv der Hirnforschung. Trotz aller Fortschritte stecke diese aber noch in den Kinderschuhen: Niemand könne sich vorstellen, "wie es den getrennten Regionen im Gehirn gelingt, ein Ganzes - eine Funktion wie Bewegung oder Sehen - entstehen zu lassen, das mehr ist als die Summe seiner Teile", auch individuelles Bewußtsein und Gedächtnis harren noch ihrer kausalen Erklärung durch ihre physische Basis.

Der moderne Diskurs über das Hirn beschränkt sich indes nicht auf die Naturalisierung mentaler Phänome und die seit Turing forcierte "Überidentifikation des Gehirns mit einem einzigen Modell", dem Computer. Dies zeigt der anspruchsvolle, aus einem Forschungsprojekt der Max-Planck-Instituts hervorgegangene Sammelband "Ecce Cortex", in dem der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner und zehn Mitstreiter die Geschichte des modernen Gehirns kulturhistorisch an jenen Schnittstellen beleuchten, wo sich Hirnforschung und Anthropologie, Psychologie, Philosophie, Kunst, Literatur gegenseitig befruchteten - oder auf Abwege brachten.

Wie ruinös beispielsweise die Annahme der zerebralen Determiniertheit ist, zeigt sich an Oskar Vogts Konzept der "Hirnhygiene", die sich als bloße Rassenhygiene erweist. Hirnforschung kann statt zur reduktionistischen Naturalisierung aber auch zur Emanzipation des Mentalen verhelfen: So befreite Georg Büchners anatomische Studie des Hirns von Barben (eines Karpfenfisches) seine literarische Sprache von den "Fesseln der Natur und vom Zwang zur Repräsentation".

Der prominente Mediziner, Neurologe und passionierte Querdenker Detlef Linke wiederum entdeckt in dem Aufbau und den Vorgängen des Gehirns eine Art anaximandrische Gerechtigkeit, die eine "große Duldsamkeit gegenüber dem Werden und Vergehen, Sterben und Tod" erfordert. Entsprechend empfiehlt er der Hirnforschung einen "Perspektivenwechsel, der sie in ihr Menschliches bringt". Aus diesem humanen Blickwinkel, der Schmerz, Glück und Gerechtigkeit einbezieht, sucht er in sechs Kapiteln das Hirnmodell, Bewusstsein (Nahtodeserfahrungen, Wirklichkeitsaufbau), Sprachkompetenz, Lokalisierbarkeit und die unterschiedliche Zeitwahrnehmung der beiden Hirnhälften zu beleuchten.

Indes geht in seinem unorthodoxen Wechselbad aus praktischen Lebensanweisungen, philosophischen Brokken und kaum erklärten neurophysiologischem Jargon zuweilen der rote Faden verloren. Leider bleibt damit auch Linkes verheißungsvolle Forderung nach Balance und Vernunft im luftleeren Raum. Um diesen zweifellos begrüßenswerten Appellen eine Basis zu verschaffen, braucht es wohl einen längeren Atem.

Iris Buchheim in FALTER 50/1999 vom 17.12.1999 (S. 75)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Reiseführer Gehirn (Susan A. Greenfield)
Ecce cortex (Michael Hagner, Helmut Müller-Sievers, Sven Dierig)

Rezension aus FALTER 50/1999

Abenteuer im Kopf

Der prominente Mediziner, Neurologe und passionierte Querdenker Detlef Linke wiederum entdeckt in dem Aufbau und den Vorgängen des Gehirns eine Art anaximandrische Gerechtigkeit, die eine "große Duldsamkeit gegenüber dem Werden und Vergehen, Sterben und Tod" erfordert. Entsprechend empfiehlt er der Hirnforschung einen "Perspektivenwechsel, der sie in ihr Menschliches bringt". Aus diesem humanen Blickwinkel, der Schmerz, Glück und Gerechtigkeit einbezieht, sucht er in sechs Kapiteln das Hirnmodell, Bewusstsein (Nahtodeserfahrungen, Wirklichkeitsaufbau), Sprachkompetenz, Lokalisierbarkeit und die unterschiedliche Zeitwahrnehmung der beiden Hirnhälften zu beleuchten. Indes geht in seinem unorthodoxen Wechselbad aus praktischen Lebensanweisungen, philosophischen Brocken und kaum erklärten neurophysiologischem Jargon zuweilen der rote Faden verloren. Leider bleibt damit auch Linkes verheißungsvolle Forderung nach Balance und Vernunft im luftleeren Raum. Um diesen zweifellos begrüßenswerten Appellen eine Basis zu verschaffen, braucht es wohl einen längeren Atem.

Iris Buchheim in FALTER 50/1999 vom 17.12.1999 (S. 75)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Reiseführer Gehirn (Susan A. Greenfield)
Ecce cortex (Michael Hagner, Helmut Müller-Sievers, Sven Dierig)

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