Salzwasser
Roman

von Charles Simmons

€ 18,00
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Übersetzung: Susanne Hornfeck
Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 136 Seiten
Erscheinungsdatum: 13.08.1999

Rezension aus FALTER 3/2000

Erst unlängst hat der manische Romanleser Rolf Vollmann in der Zeit festgestellt, dass die meisten großen Romane mit ziemlich unspektakulären ersten Sätzen anfangen. "Salzwasser", der fünfte Roman von Charles Simmons, ist ein - zumindest dem Umfang nach - kleiner Roman und beginnt mit einem großen Satz: "Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank."
So ein Satz kann auch eine Hypothek sein, denn diese Art von lakonisch gebändigtem Pathos, in dem Eros und Thanatos nur durch einen Beistrich getrennt sind, muss man erst einmal durchhalten, die Erwartungen, die ein solcher zugleich gelassener und fulminanter Auftakt erweckt, erst einmal erfüllen. Und als ob das alles nicht genug wäre, hat sich der 1924 geborene Autor, der jahrzehntelang Literaturredakteur der New York Times war, gleich noch eine schwere Bürde auferlegt: Sein 1998 im amerikanischen Original erschienener Roman unternimmt nämlich nichts Geringeres, als Iwan Turgenjews berühmte "Erste Liebe" um 130 Jahre und an die amerikanische Ostküste zu versetzen, wo der 15-jährige Michael sich "kopfunter" in die um fünf Jahre ältere Zina verliebt - die Zinaida aus Turgenjews 1860 erschienener Novelle.
Weil in der Zwischenzeit doch einiges Wasser die Newa heruntergeflossen ist, hat sich das ödipale Drama zwischen Vater, Sohn und der von beiden begehrten Frau verschärft: Der Vater stirbt nicht mehr am "Schlagfluss", sondern stürzt vom Deck der "Angela" ins Meer, der Sohn manövriert das Boot gegen einen Felsen, Zina ist ebenfalls an Bord, und letztlich bleibt unklar, ob es sich hier um einen Unfall handelt: "Ich konnte ihr direkt in die Augen schauen, und sie schaute in meine, und sie wusste es."
Man muss "Erste Liebe" nicht gelesen haben, um "Salzwasser" mit Gewinn lesen zu können, aber es steigert das Lektürevergnügen und den Respekt vor der schriftstellerischen Leistung Simmons', der das ganze Spektrum ihm zur Verfügung stehender Möglichkeiten nutzt, um Turgenjews Text weiterzuweben. Am auffälligsten und schönsten ist vielleicht die Aufwertung der Mütter: Im "Original" ist die Mutter des Icherzählers eine verhärmte, eifersüchtige Frau, deren um zehn Jahre jüngerer Mann sie nur "aus Berechnung" geheiratet hat; Zinaidas Mutter ist eine abgetakelte und verarmte Fürsten-Witwe. Simmons holt diese beiden eindimensionalen Randfiguren ins Zentrum seines kleinen Romans über die Liebe, macht sie zu Rivalinnen und Verbündeten: wechselhaft glücklich verheiratet, eifersüchtig und resignativ die eine; von ihrem Mann getrennt, aber welt(zu)gewandt und frivol die andere. Viel wird über Liebe und Sex gesprochen, und meist sind es die Frauen, die die erotische Semantik verhandeln, wohingegen sich die Männer eher darauf einigen, dass ein Gentleman in Liebesdingen zu schweigen hat. Michael, von der melancholisch-koketten Zina zu Mischa russifiziert, ist zugleich unerfahren und draufgängerisch, romantisch und abgebrüht. Als er - gleichsam auf Zinas Rat hin - mit Melissa schläft, vermerkt er trocken: "Zweimal machten wir es", und fügt hinzu: "Ich konnte nicht verstehen, wieso ich nicht irritiert war."
Wo in Turgenjews Novelle immer wieder auf die Distanz zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit verwiesen wird und die bittersüßen Freuden der Jugend ("sogar die Trauer ist dir Genuss") emphatisch beschworen werden, da scheint in "Salzwasser" die Differenz zwischen dem Bewusstsein des jugendlichen Michael und des erwachsenen Icherzählers immer wieder suspendiert. Wenn Michael hofft, dass er "eines Tages auch so gut mit Frauen würde umgehen können" wie sein Vater, wird darin auch auf ganz unaufdringliche Weise etwas von jener männlichen Sozialisation sichtbar, die sich abseits jeglicher erzieherischen Anstrengung durchsetzt ("Mutter war diejenige, die mir sagte, was ich tun durfte").
Die letzten beiden Sätze dieses so täuschend leicht erzählten Romans sind dem Anfang ebenbürtig, dazwischen liegt ein "kleines Meisterwerk" (New York Times Book Review): "Ich bin jetzt älter als Vater bei seinem Tod. Warum ich mich immer noch fühle wie ein Kind, weiß ich nicht."

Klaus Nüchtern in FALTER 3/2000 vom 21.01.2000 (S. 54)


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