Raoul Wallenberg
So viele Menschen retten wie möglich

von Christoph Gann

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Verlag: C.H. Beck
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 41/1999

Die Biografie "Raoul Wallenberg. So viele Menschen retten wie möglich" rekonstruiert die humanitären Verdienste des jungen Schweden ebenso wie das Schicksal ungarischer Juden in den Jahren 1944 und 1945.

Nirgendwo verlief die Deportation so "reibungslos" (Adolf Eichmann) wie in der ungarischen Provinz. Die von Eichmann organisierte, aber von Ungarn ausgeführte Aktion führte zu einem sogar für diese Zeiten unvergleichlichen Leid: Nirgendwo sonst wurden so viele Juden in so kurzer Zeit verschleppt und umgebracht – von Ende April bis Ende Juni 1944 insgesamt 437.402 Menschen. Zugleich konnten in keiner anderen Stadt des besetzten Europa so viele Juden überleben wie in Budapest: Allein aus den allgemeinen und internationalen Ghettos befreite die Rote Armee im Januar 1945 mehr als 70.000 Juden.
Wesentlich beteiligt an ihrer Rettung war der 1912 geborene Schwede Raoul Wallenberg, der auf Initiative eines nach Schweden geflohenen ungarischen Geschäftsmanns und im Namen des War Refugee Board am 9. Juli 1944 als schwedischer Gesandter in Budapest eintraf und dort ein halbes Jahr später auf rätselhafte Weise für immer verschwand. Bald wurde klar, dass Wallenberg in sowjetischer Gefangenschaft war, aber bis heute haben sich verschiedenste Organisationen in aller Welt vergeblich um die Aufklärung seines Schicksals bemüht.
Warum wurde er verhaftet? War er tatsächlich ein deutscher oder US-amerikanischer Spion? Warum ließen sie ihn trotz des internationalen Drucks nie frei, zumal er als Mitglied der prominenten Bankiersfamilie als geeignetes "Tauschobjekt" gelten konnte? Warum beharrten die Sowjets auf den unglaubwürdigen Aussagen über seinen angeblichen Tod 1947? Fragen über Fragen. Der thüringische Richter und passionierte Hobbyhistoriker Christoph Gann wirft sie in seinem soeben erschienenen Buch "Raoul Wallenberg. So viele Menschen retten wie möglich" von neuem auf und recherchiert exakt, was bislang geklärt werden konnte.
Obwohl der Untertitel – ein Zitat Wallenbergs – es suggeriert, liefert Gann keine hollywoodreife Heldenstory, sondern ein ziemlich komplexes und daher auch zuweilen irritierendes Bild vom humanen Wirken des jungen Schweden und der sich ständig verändernden politischen Lage in Budapest, die viele Bemühungen vereitelte und immer neue Strategien erforderlich machte. Gann spielt Wallenbergs Verdienste nicht gegen die seiner Vor- und Mitstreiter aus, denn auch Diplomaten anderer neutraler Staaten hatten Rettungsaktionen eingeleitet. Aber er hält fest, dass Wallenberg der einzige Gesandte war, der sich ausschließlich für die Rettung der Juden einsetzte, und der erste, der eine Organisation zur Verteilung von "Schutzpässen" aufbaute und damit einen neuen Schutzstatus schuf.
Als seine Mission begann, hatte der ungarische Reichsverweser Horthy gerade auf internationalen Druck hin beschlossen, die Deportationen zu stoppen. Mit großem Verhandlungsgeschick erwirkte Wallenberg bald die Anerkennung von über 1000 Schutzpässen, die auch von Zwangsarbeit und dem Tragen des Judensterns befreiten, sowie die Einrichtung von Schutzhäusern. Brisant wurde damit aber auch das Dilemma, mit dem sich Wallenberg ans schwedische Außenministerium wandte: "Er wolle wissen, nach welchen Grundsätzen er diese Menschen auswählen solle." Es sollten familiäre oder mindestens geschäftliche Beziehungen zu Schweden bestehen. Wallenberg musste angesichts der Flut von Anträgen nicht nur seine Organisation schließlich auf 400 Mitarbeiter vergrößern, sondern wiederholt neue Einschränkungen machen – eine Inflationierung der Schutzpässe wäre ihr Aus gewesen.

Auch als der antisemitische Pfeilkreuzler Szalasi an die Macht kam, konnte Wallenberg seine Schützlinge durch enormen persönlichen Einsatz vor Zwangsarbeit und Eichmanns Todesmärschen bewahren. Seine Unterstützung des allgemeinen Ghettos beschränkte sich auch nicht auf großzügige Lebensmittellieferungen, sondern lag in seiner beispielhaften Präsenz und Mobilisierung der Öffentlichkeit, hatte er doch angesichts des grenzenlosen Leidens in Budapest gleich begriffen: "Es gilt unter den Juden das Gefühl zu beseitigen, sie seien vergessen."

Iris Buchheim in FALTER 41/1999 vom 15.10.1999 (S. 29)


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