Triumphgemüse
Geschichten

von Jochen Schmidt

€ 18,00
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Anthologien
Umfang: 248 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.08.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Jochen Schmidts Geschichten, die unter dem schönen Titel "Triumphgemüse" versammelt sind, erzählen von melancholischen Männern in Berlin oder gehen aufs Land.
Normalerweise beginnt eine literarische Karriere mit dem ersten Buch. Das ist auch im Falle von Jochen Schmidt nicht ganz falsch. Und doch ist "Triumphgemüse" die Folgeerscheinung andernorts erworbenen Ruhmes. Als er im Herbst 1999 den "Open Mike"-Wettbewerb der Berliner Literaturwerkstatt gewann, war schon klar, dass das Buch bald folgen würde, denn die Lektoren- und Agentendichte im Publikum ist bei diesem Nachwuchswettbewerb fast so hoch wie in Klagenfurt. Auch auf der "Chaussee der Enthusiasten", wo Woche für Woche die selbst ernannten "schönsten Schriftsteller Berlins" in einer Kellerkneipe "was erzählen", kann man Schmidt in schöner Regelmäßigkeit bewundern. Auch hier, in der Off-Szene der Berliner Literatur, gibt es einen untergründigen Drang zum Buch, der im Falle von Jochen Schmidt jedoch durchaus zu begrüßen ist.
Die Geschichten aus Schmidts Debüt "Triumphgemüse" spielen zur Hälfte in Berlin, zur Hälfte im Oderbruch, einer sehr ländlichen Gegend an der Grenze zu Polen. Die schönste davon trägt den schönen Titel "Harnusch mäht als wärs ein Tanz". Es geht darin um einen alten Bauern, der von seinen verlorenen Gütern im Osten träumt, Frau und Nachbarn schikaniert und mit der Sense so gut umzugehen weiß, dass am Ende sogar der Tod neidisch wird. Erzählerin ist eine alte Frau, und sie spricht so direkt, so lebensecht, dass man glauben könnte, es handle sich um ein Tonbandprotokoll und beim Autor um einen Ethnologen, der einer demnächst untergehenden Spezies zu ihrem Recht und ihrer Sprache verhelfen möchte. Dennoch haftet dem Text nichts vorzeigerisch Bewahrendes, nichts dröge Dokumentarisches an. Mit Witz und subtiler Ironie behandelt er die Dorfwelt, ohne sich über seine Figuren lustig zu machen. Harnusch ist ein Kauz, der mit Würde in den Tod geht.
In den Texten, die in Berlin spielen, wird der Autor als melancholischer junger Mann sichtbar. Ihr Held ist der ums Schreiben ringende verhinderte Theaterliebhaber Jürgen Reip, der sich über viel, vor allem aber über die Frauen grämt - unerreichbar ferne Wesen, anhimmelbar durchaus, aber auch Ursache so mancher Demütigung. Jürgen Reip ist ein klassischer loser, umstellt von Dingen und Zeiten, die längst vergangen sind - inklusive der eigenen Jugend. Dasseinerseits frühere Lebensabschnitte näher rücken, man andererseits schon die Gegenwart als verloren gegangen erlebt, bezeichnet Jochen Schmidt als eine Berufskrankheit. Wer schreibt, steht ja immer irgendwie daneben, sonst könnte er nicht schreiben. Vermutlich drückt sich darin aber auch ein spezifisches ostdeutsches Nachwende-Lebensgefühl aus, das aus dem Privileg, einen Systemwandel miterlebt zu haben, resultiert. Neben sich zu stehen ist ja unvermeidlich, wenn sich die ganze Gesellschaft um einen herum verändert.
Jochen Schmidt wurde 1970 in Ostberlin geboren, und das ausgerechnet- als habe er von Anfang an am Symbolgehalt seiner Biografie gefeilt - am 9. November, dem Tag des Mauerfalls.Als er sieben Jahre alt war, zog die Familie aus dem Altbaubezirk Friedrichshain in einen Plattenbau im Vorort Buch, was einem Wechsel vom Abenteuerspielplatz ins aufgeräumte Spießertum gleichkommt. Immerhin entdeckte Schmidt schon damals mit den Eltern die Gegend an der Oder. In der Oder hat er schwimmen gelernt, das ländliche Brandenburg zu kennen empfindet er als Privileg - und es ist sein schriftstellerisches Kapital. Thomas Brussig, fünf Jahre älter, hat ihm das Schreiben über die Jugend in der DDR weggenommen, Judith Hermann hat das Genre des melancholischen Schweifens durch den Osten okkupiert und wird deshalb in "Triumphgemüse" in Gestalt einer gewissen "Jule Lehmann" gezaust, die ein Buch mit dem Titel "Datsche, demnächst" geschrieben hat. Berlin und die DDR muss Schmidt sich mit vielen anderen teilen, das verstimmt. Das Oderbruch aber ist seine literarische Landschaft, die ihm niemand anders streitig macht und die er eifersüchtig hütet.
Die DDR erlebte Schmidt in der Phase ihres Niedergangs und der zahnlosen Stagnation, und er erinnert sich folglich eher an abbröckelnde Balkonbrüstungen und die Siege des BFC Dynamo als an staatliche Repression. Jochen Schmidt war BFC-Fan. Es machte ihm nichts aus, dass das der Club von Erich Mielcke war. Dass er, weil er kein DDR-Trauma mit sich herumschleppt, gelegentlich Leute beleidigt, die von der Stasi eingesperrt wurden, bedauert er zwar, kann es aber nicht ändern. Er gehört zu einer Generation, die zu jung ist, um sich an der DDR mehr als im Rahmen des Schulüblichen gerieben zu haben.
Auch in "Triumphgemüse" schlägt die Fußballleidenschaft mehrfach durch. Jürgen Reip erlebt auf dem Fußballplatz seine befriedigendsten Momente. Und unter den Berufsportr-ts - kleinen, charmanten Prosastücken, die Schmidt zwischen die größeren Geschichten gestreut hat - kommen Torwart und Trainer zu Ehren, von denen gleich eine ganze Typologie erarbeitet wird. Dieser Text mit dem Titel "Elf Trainer" ist literaturgeschichtlich betrachtet die erste Simultan-Hommage an Fußball und Franz Kafka. Kafkas Erzählung "Elf Söhne" dient als formale Folie. Heißt es bei Kafka: "Ich habe elf Söhne", so lautet Schmidts modernisierte Variante: "Ich hatte elf Trainer."
Ein literarisches Vorbild wäre damit genannt. Daneben muss noch Heiner Müller erwähnt werden. Dessen Einfluss auf Schmidts frühe unveröffentlicht gebliebene Theaterstücke mit Titeln wie "Materialschlacht" ist nicht zu übersehen. In "Triumphgemüse" blättert der Held, wenn es ihm schlecht geht, Trost suchend in einem dicken Heiner-Müller-Bildband. Müller und Schmidt also - zwei Namen, die man sich merken muss.

Jörg Magenau in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 9)


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