Hitlers Gesicht
Eine physiognomische Biographie

von Claudia Schmölders

€ 10,20
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Umfang: 264 Seiten
Erscheinungsdatum: 11.10.2000

Rezension aus FALTER 12/2001

Frank R.Wilson will uns begreiflich machen, dass wir ohne unsere Hände ziemlich dumm dastehen würden: Ohne sie hätte es keine Entwicklung von Sprache und Denken gegeben.

Vor der Erfindung des Klappentextes wusste man meist bereits nach der Lektüre des Titels eines Buches, was einen inhaltlich erwarten würde. Heute ist die so nüchterne wie ausufernde Titelgebung früherer Zeiten rar geworden, aber es gibt sie noch: "Die Hand - Geniestreich der Evolution. Ihr Einfluss auf Gehirn, Sprache und Kultur des Menschen". Was den Neurologen Frank R. Wilson also an den menschlichen Greiforganen interessiert, ist nichts weniger als der Zusammenhang von Bewegung, Fühlen und Denken.

Ausgehend von Charles Bells epochalem Werk "The Hand, Its Mechanism and Virtual Endowments, as Evincing Design" von 1833 und der Studie des Anthropologen John Napier "Hands" von 1980, geht es Wilson um Belege dafür, dass jede Theorie der menschlichen Intelligenz, "die die Wechselbeziehung von Hand und Hirnfunktion, die historischen Ursprünge dieser Beziehung oder ihren Einfluss auf die Entwicklungsdynamik des modernen Menschen außer Acht lässt, irreführend und unfruchtbar" sein muss. Die komplexen Funktionen des "spezialisierten Endabschnitts einer kranartigen Struktur, die an Hals und Schultergürtel aufgehängt ist", eben der Hand, werden dabei aus evolutionärer, physiologischer und neurobehavioral-entwicklungspsychologischer Perspektive beleuchtet.

Nachdem unsere Vorfahren von den Bäumen gestiegen waren, so Wilson, gewannen sie nicht nur den aufrechten Gang und die Freiheit der vorderen Extremitäten, sondern durch kleine Modifikationen an Ellbogen, Handgelenk und Hand auch die Möglichkeit zur exakten Manipulation kleiner Gegenstände. Ein ebenso einmaliges wie weitreichendes Geschenk der Natur, denn nur der Mensch kann etwa den Daumen in Richtung kleinen Finger bewegen und umgekehrt. Dass eine geringfügige anatomische Veränderung des Homo habilis - die so genannte ulnare Opposition - zu vermehrtem, neuartigem Werkzeuggebrauch und damit zu einem Wachstum des Gehirnvolumens führte, ist unumstritten. Dass sie aber auch unmittelbar mit der Evolution von Sprache und Denken zusammenhängen könnte, gehört zur spannendsten These dieses gut lesbaren Buchs.

Zu Unrecht, beklagt Wilson, sei der "Hand-Hirn-Komplex" von Linguisten und Neurologen lange Zeit stiefmütterlich behandelt worden, denn aufgrund der neuen, hoch komplexen Handbewegungen "brauchte das Gehirn eine neue Physik, eine neue Methode, das Verhalten von Objekten zu registrieren und zu repräsentieren, die sich unter dem Einfluss der Hand bewegten und veränderten. Haargenau dieses Repräsentationssystem - eine Syntax von Ursache und Wirkung, von Geschichten und Experimenten, alle mit einem Anfang, einem Hauptteil und einem Ende - existiert auf den tiefsten Organisationsebenen der menschlichen Sprache."

Anhand zahlreicher "Hand-Fälle" - Interviews mit Puppenspielern, Handwerkern, Chirurgen, Köchen, Heilpraktikern, ja sogar Zauberkünstlern - versucht Wilson die vielleicht etwas überspitzte Hypothese zu bestätigen, "dass die Hand eine genauso wichtige Rolle im menschlichen Leben spielt wie das Gehirn". Und gerät mit seinem Plädoyer für ein praxisorientiertes Lernen - obschon mit seiner Betonung von körpereigenem Wissen und sozialer Intelligenz durchaus im Trend liegend - in beinahe missionarischen Eifer."Hände berühren, greifen, formen " - auch dieser Titel eines Bildbands zum Thema Hände von Karl Gröning, der in den Fünfzigern mit Gisela Pferdmenges die ersten 500 Umschläge für die Reihe rororo gestaltete und damit ein Stück Buchgrafikgeschichte schrieb, lässt auf den Inhalt schließen. Man sollte sich aber von den "missionarischen" Assoziationen der ersten Bilder (die obligatorischen Erde haltenden Hände und Säuglinge in Mutterhand) nicht abschrecken lassen und auch nicht von den bisweilen arg kontemplativen Zitaten, Gedichten und Begleittexten von zwölf renommierten Autoren, von Samy Molcho über Elke Heidenreich bis zu Zen-Krimiautor Janwillem van de Wetering. Denn dieser Bildband zur Hand in Naturgeschichte, Kultur und Politik ist einfach schön.Das Ohr ist, auf die Gesichtslandschaft bezogen, ein Küstenstrich, gegen den ein wildes Meer von Haaren anbrandet." Der Wissenschaftspublizist Daniel McNeill beherrscht die anglo-amerikanische Kunst der unterhaltsamen Darstellung komplexer und scheinbar trockener Zusammenhänge aus dem Effeff. In seinem neuen Buch beschäftigt er sich mit der "wichtigsten und geheimnisvollsten Oberfläche, mit der wir konfrontiert werden können": dem menschlichen Gesicht. "Es ist das Zentrum unseres Körpers. Mit ihm essen, trinken, atmen und sprechen wir, vier der klassischen fünf Sinne sind hier untergebracht."

"Das Gesicht. Eine Kulturgeschichte" befasst sich mit Anatomie, Singularität, Ausdruck und Schönheit unseres Antlitzes und allem, was dazugehört: von den Haaren bis zur Schauspielerei, von der Geschichte der Kosmetik bis zum Doppelgänger, vom Kuss bis zur Verbrecheridentifizierung. Obwohl dieses Kompendium keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse präsentiert, hat es als Zusammenschau von Informativem aus Physiologie, Evolutionsforschung, Soziologie, Psychologie und Kulturgeschichte durchaus das Zeug zum Standardwerk für ein hochaktuelles Thema. Denn das Gesicht ist heutzutage omnipräsent, sei es als Werbemittel, sei es als Ikone der Macht.

Wussten Sie zum Beispiel, dass auf einem gelähmten Gesicht die nasolabialen Falten verschwinden, auf dem Gesicht eines Toten jedoch nicht? Oder dass wir uns von den meisten Säugetieren dadurch unterscheiden, dass die Oberlippe nicht am Gaumen festgewachsen ist und das Gesicht so zu komplexeren mimischen Ausdrucksformen fähig wurde? McNeill beantwortet alle Fragen zum Gesicht als Spiegel der Seele und Instrument der sozialen Interaktion, das oft mehr sagt als tausend Worte, da der Gesichtsausdruck verglichen mit der Sprache das weitaus ältere Kommunikationsmittel ist. Denn der primäre Gesichtsausdruck ist universal und kulturunabhängig - im Gegensatz zu paralingualen Zeichen wie etwa sozialem Lächeln oder Schulterzucken. Mit dem Gesicht sprechen alle Menschen die gleiche Sprache.Punkt, Punkt, Schrägstrich, Quadrat: So leicht lässt sich eines der bekanntesten Gesichter des 20. Jahrhunderts darstellen - jenes von Adolf Hitler. Ein Gesicht, das mit seiner Haartracht hinreichend charakterisiert war; eine physiognomische Leerstelle, die sich für Projektionen aller Art geradezu anbot. "Hitlers Gesicht. Eine physiognomische Biografie" von Claudia Schmölders erzählt die Geschichte des Diktators aus der "Perspektive jener Parawissenschaft, die zwischen 1918 und 1945 die körperliche Wahrnehmungslehre in Deutschland insgesamt beherrscht hat" - vom Projekt der nationalen Porträtgalerie von 1913 über die Entwicklung der Massenmedien Fotografie und Film und den "hypnotisierten Blick auf den (Ver-)Führer" bis zur Dehumanisierung des "nicht deutschen" Gesichts in der Rassenkunde. Dabei rückt Schmölders interessantes, bislang kaum beachtetes Material aus Kultur und Politik ins Blickfeld, wenn auch manche Bezüge - wie etwa die zu den Kaiserbildnissen oder zum "Gesichtsverlust" der Deutschen durch den Versailler Vertrag - etwas weit hergeholt scheinen.

Unangenehm fällt auch die mangelnde Abgrenzung der Autorin zu ihrem Studienobjekt Physiognomik auf, verfällt sie doch bisweilen selbst in unreflektierte Gesichtsauslegungen - etwa eines späten Hitlergemäldes, das ja seinerseits schon eine Interpretation darstellt. Das Vorhaben, die unbestreitbare "physiognomische Dressur" der Deutschen anhand des Gesichts ihres Führers abzuhandeln, erscheint insgesamt problematisch. Denn dieses entsprach bekanntlich nicht nur keineswegs der deutschen "Idealphysiognomie": Hitler, der sich in seiner Frühzeit nur ungern ablichten ließ und sich als Redner durch Beleuchtungstricks unsichtbar machte, war bereits zur Kultfigur avanciert, als es bekannt wurde.

"Wie sieht Hitler aus?", fragte eine Karikatur des Simplicissimus im Mai 1923, um zum Schluss zu kommen: "Die Frage muss unbeantwortet bleiben. Hitler ist überhaupt kein Individuum. Er ist ein Zustand. Nur der Futurist kann ihn bildlich darstellen."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2001 vom 23.03.2001 (S. 28)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das Gesicht (Daniel McNeill, Michael Müller)
Die Hand - Geniestreich der Evolution (Frank R. Wilson, Hainer Kober)
Hände berühren, greifen, formen ... (Karl Gröning)

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