Europa in Bewegung
Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

von Klaus J. Bade

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: C.H. Beck
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Alles ist historisch geworden, so auch die Schubhaft, der Pass und der Fremde.Ein voluminöser Sammelband über die Staatswerdung der österreichischen Monarchie führt das historisch Konstruierte von Grenzen und nationalen Identitäten vor Augen.
Der 7. Juli 1822 ist kein guter Tag für Josef Weibel. Wegen "Bettelns ohne Ausweisung" wird der 75-jährige "Zimmergesell" in Perchtoldsdorf aufgegriffen. Er gibt Riegl am Bodensee als Geburtsort an und soll dahin abgeschoben werden. Da aber an der bayerischen Grenze nicht nachgewiesen werden kann, dass Weibel tatsächlich aus Riegl stammt, wird er nach Perchtoldsdorf zurückgeschoben und am 10. August wieder freigelassen.
Bürokratische Durchdringung - 41 verschiedene Amtsstellen finden sich auf Weibels Schubpass vermerkt - und Effizienz entsprechen einander nicht unbedingt. Das Schubsystem funktioniert in diesem Fall mit der Präzision eines Uhrwerks, ohne die Probleme, die es gleichermaßen erkennt wie produziert, lösen zu können.
Die Herausbildung des modernen Staates, seiner Verwaltung, die Formierung eines Staatsvolks und dessen Kontrolle ist immer auch die Geschichte eines partiellen oder temporären Scheiterns oder zumindest vielfältiger Schwierigkeiten und Kompromisse.
Der von Waltraud Heindl und Edith Saurer herausgegebene Sammelband "Grenze und Staat" dokumentiert dies anhand des Übergangs von den habsburgischen Erblanden zur österreichischen Doppelmonarchie (1750-1867), und zwar unter der fruchtbaren Perspektive von "Passwesen, Staatsbürgerschaft, Heimatrecht und Fremdengesetzgebung".
Immer wieder gelingt es den Individuen, sich dem behördlichen Zugriff zu entziehen. Oder es ist schlicht die Unkenntnis der Vorschriften, die die Behörden zu Nachsicht und zur pragmatischen Neugestaltung gegenüber den Grenzpendlern und passlos Reisenden zwingt. Eine Grenze ist weit mehr als nur Schlagbaum und Passkontrolle. Die galizisch-russische Grenze oder der Grenzfluss Po sind auch Lebensraum, bieten neue Einkommensmöglichkeiten durch Schmuggel oder das Hinüberschleusen von Menschen. Und entlang dieser Trennlinien werden über kurz oder lang ortsbezogene Identitäten gebildet.
Ein zentrales Instrument hierfür ist das Passwesen, das "zur Voraussetzung für die Herausbildung des modernen Territorialstaates" wird. Dem Einzelnen wird eine eindeutig zuschreibbare Identität abverlangt (Alter, Statur, Haare, besondere Kennzeichen . Die Moderne zeigt dabei wie immer zwei Gesichter: Im Bemühen der Obrigkeit, die Bewegung ihrer Untertanen zu überwachen und zu reglementieren, liegen gleichzeitig auch die Wurzeln des Sozialstaates.
Der staatliche Wille zur Identifizierung des Individuums, des Staatsbürgers, verstärkt aber auch die Angst bzw. die Abwehrhaltung gegenüber allem "Fremden". Die Kategorie des Fremden wird kodifiziert und verrechtlicht. Und hier hat das Buch seine besten Momente - wenn es nämlich gelingt, die gegenwärtigen Verhältnisse zu verflüssigen, uns das historisch Gewordene, genauer Konstruierte von Grenzen und Identitäten in ihrer Zufälligkeit und Künstlichkeit vor Augen zu führen.
Die Herausgeberinnen fordern zu Recht, dass auch die politische und die Rechtsgeschichte mit den Methoden der Mikrogeschichte und der Historischen Anthropologie bearbeitet werden sollten. Der mit größeren und kleineren Fallstudien gespickte Sammelband löst dies aber nur bedingt ein. So finden sich etwa zahlreiche Verhörprotokolle von Personen abgedruckt, die aufgegriffen und in Schub genommen worden sind, ohne dass diese aber weiter interpretiert werden. Zugestanden: Wer Neuland betritt, kann dies nicht völlig abschreiten, sondern muss erstmal Fuß fassen. Aber etwas mehr hätte man schon gerne gewusst über die Erfahrungen und das Erleben der "einfachen" Menschen.
Die Beiträge dieser internationalen Forschungsgruppe aus vier Ländern fallen naturgemäß recht unterschiedlich aus und reichen von theoretisch durchreflektierten Arbeiten bis hin zu positivistischer Faktenhuberei, die in ihrem Material förmlich ertrinkt. Alle greifen sie auf wenig bis gar nicht bearbeitete Quellen zurück, was mitunter zu einer Art Entdeckungsrausch führt, sprich: die nötige Distanz und Auswahlfähigkeit vermissen lässt.
So mutiert das Buch, das Ergebnis eines fünfjährigen Forschungsprojektes, zu einer gigantischen Materialsammlung. Die acht Einzelstudien von meist über hundert Seiten haben für sich genommen schon beinahe Buchlänge. Damit stellt sich die Frage, ob Autoren und Verlag sich einen Gefallen getan haben, dieses spannende Thema in dieser doch allzu gewichtigen (1,8 kg) und teuren Form aufzubereiten, und ob weniger, sprich: eine auf die Hälfte, besser noch auf ein Drittel eingedampfte, handlichere und klarer strukturierte Version nicht mehr gewesen wäre. Auch der Leser hat seine Grenzen.Man nannte sie Golondrinas (Schwalben), und für sie war das ganze Jahr Sommer. Als Ende des 19. Jahrhunderts die Preise für eine Atlantiküberfahrt erschwinglich wurden, setzte zwischen Italien und Argentinien ein reger Pendlerverkehr ein. Zigtausende Erntearbeiter verbrachten jeweils ein halbes Jahr auf dem einen, ein halbes Jahr auf dem anderen Kontinent, Plantagensetter, wenn man so will.
Die Schlagworte "Globalisierung" und "Mobilität" zur Beschreibung unserer Gegenwart lassen nur allzu leicht vergessen, dass "Europa in Bewegung" ist, seit wir es kennen. Klaus Bade handelt - so der Untertitel - von "Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart". Mit Konzepten wie Kettenwanderungen, Migrationsnetzwerken und Wanderungstraditionen macht er das Ausmaß und die Muster der Bewegungen deutlich. Stellt man sich diese als Fäden vor, so legen sie sich wie ein unentwirrbares Knäuel um den Globus.
Im 19. Jahrhundert findet nicht nur ein europäischer Massenexodus in die USA statt. Die saisonalen Arbeitswanderungen deutscher Torfstecher nach Holland und der Tessiner Kaminfegerkinder oder der Versuch der Briten, das "soziale Problem" durch Verschickung der Armen in die Kolonien zu lösen, illustrieren die Vielfalt der Migration und ihrer Ursachen. Neben wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Aspekten berücksichtigt der Autor vor allem auch politische Faktoren. Das 20. Jahrhundert ist zunächst geprägt von Krieg und Vertreibung, durch den nationalsozialistischen Völkermord und "völkische Umsiedlungspolitik" und endet mit den Flüchtlingstrecks der Kosovoalbaner im letzten Jahr. Die Nachkriegszeit wird dominiert von Arbeitsmigration und der Debatte um die "Einwanderung". Bade hat ein Werk der Synthese und eine verständliche Überblicksdarstellung geschrieben, die manchmal etwas zu faktengetränkt und zahlenselig wirkt. Bei aller Sachlichkeit übt Bade jedoch auch deutliche Kritik an der europäischen Flüchtlings- und Asylpolitik der Neunzigerjahre, die mit Stereotypen argumentiere, kurzsichtig und häufig inhuman sei. Für die Zukunft zeichnet er ein düsteres Bild: Bevölkerungswachstum, Umweltkatastrophen und politische Instabilität sind in zunehmendem Maße die Ursachen für riesige Wanderungsbewegungen vor allem innerhalb Afrikas und Asiens. Nur ein Bruchteil der Migranten gelangt überhaupt an die Außenmauern der "Festung Europa". Hier übt man sich in Unbeweglichkeit.

Oliver Hochadel in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 34)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Grenze und Staat

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb