Lebensfalten
Roman

von Charles Simmons

€ 19,10
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Übersetzung: Susanne Hornfeck
Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 161 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.02.2001

Rezension aus FALTER 3/2001

Mit "Amrita", ihrem bislang besten und längsten Buch, gelingt es Banana Yoshimoto, den Leser für die fantastischsten Dinge und sogar den Sinn des Lebens zu interessieren.

Banana Yoshimoto ist eine der Autorinnen, die an einem einzigen Buch gemessen werden: 1988 erschien "Kitchen" (im Original "Kitchin"), und die damals 24-Jährige wurde mit einem Schlag berühmt. Seit damals dürften die Literaturdiplomanden und -dissertanten Japans damit beschäftigt sein, den Einfluss der Manga-Ästhetik auf Yoshimotos Erstling nachzuweisen; denn die Rezensenten von "Kitchen" hegten und pflegten das Missverständnis, die Autorin verwende "die grelle Zeichensprache des Comics". Dieser Werbeslogan machte den Roman "auch außerhalb Japans, zum Beispiel in Italien" (Klappentext von Diogenes) zu einem Welterfolg. Wobei "Kitchen" die Leser in Fans und Gegner spaltet. Zeigen sich die einen von Yoshimotos unangestrengter Sprache beeindruckt, werfen ihr die anderen vor, nicht einmal den Ansprüchen an einen Mittelschulaufsatz zu genügen. Mittlerweile hat die Autorin, auch nicht faul, mit "N.P.", "Dornröschenschlaf" und "Tsugumi" ihre Bandbreite erweitert. Nun zieht sie mit "Amrita" (1997 in Tokio als "Amurita" erschienen) eine Bilanz der Tokioter Neunzigerjahre und führt den Leser in eine Fantasiewelt, die auch arge Skeptiker übersinnlicher Phänomene in ihren Bann zieht. Der Roman hat 512 Seiten und er ist, kurz gesagt, Yoshimotos bisher längster und stärkster Text. Dem Käufer wird er drei Tage Leben stehlen, aber die zahlen sich so richtig aus.

Dabei lässt sich das Thema nicht fassen. Auch die Figuren verweigern sich der Kategorisierung, und ihre Beschreibung klingt - wie bei Yoshimoto üblich - ziemlich haarsträubend: Die tote Mayu, Schauspielerin und Schwester der Protagonistin Sakumi, schweißt eine Familie zusammen; Yoshio, der kleine Bruder, sieht UFOs landen; Ryuichiro, Schriftsteller, Exfreund von Mayu und aktueller Freund von Sakumi, bewohnt karge Hotelzimmer; Kishimen und Mesmer ("Ich greife viel zu stark in das Bewusstsein anderer Menschen ein") wissen beunruhigende Dinge; Kozumi streitet mit seiner Freundin Saseko, deren Stimme sogar die Seegurken im Meer lauschen. Sie alle tragen zu jenem poetischen Taumel bei, der diese Großstadtprosa kennzeichnet.

Von Yoshimoto möchte man sich nichts Geringeres als den Sinn des Lebens erklären lassen, obwohl Sakumi gerade darüber nicht ständig nachdenken will: "Das ist etwas, was sich auch ohne großes Palaver von selbst mitteilt. Die wichtigen Dinge gehen nämlich Stück für Stück verloren, sobald man anfängt, sie in Worte zu fassen." Solche Wahrheiten in der Tradition von Salingers Holden Caulfield erzeugen die Illusion, in dieser Welt könne jedem Einzelnen in jedem Moment buchstäblich alles widerfahren.

Ein Treppensturz mit anschließendem Gedächtnisverlust eröffnet neue Perspektiven: "Kürzlich hatte ich am eigenen Leib erfahren müssen, dass so ein Mensch, diese scheinbar stabile, feste Masse, in Wirklichkeit ein furchtbar weiches, wabbeliges Geschöpf ist, das jederzeit, durch einen winzigen Stich oder Stoß etwa, ganz einfach kaputtgehen kann."

Yoshimoto kennt nicht nur menschliche Innereien und Verhaltensweisen wie keine Zweite, sie verleiht ihnen auch Licht und Farbe - und in manchen Momenten dringt ihre lapidare Prosa in Regionen vor, die kein Mensch zuvor betreten hat. Das ist auch der Übersetzung von Annelie Ortmanns zu verdanken, die allerdings gerne mal eine Überdosis Bundesdeutsch einbringt ("Hach", "Guck mal", "Wonneproppen" et cetera).

Auch diesmal operiert Yoshimoto mitunter wieder hart an den Grenzen der Sentimentalität, aber irgendwie gelingt es ihr bei vollem Druck auf die Tränendrüse dann urplötzlich, überraschend raue Töne anzuschlagen. An diesen Stellen leuchtet im Text ein ganz seltenes Feuer auf. Eines seiner Geheimnisse ist wohl der scharfe weibliche Blick auf Frauen, etwa wenn es über Mayu heißt: "diese Art, die jede Freundin vertrieb und nur mehr den Kontakt mit Männern zuließ. Prinzessinnen, die in ihren kleinen Königreichen gefangen waren und sich einbildeten, sie wären die Einzigen auf der Welt, denen weh getan wurde." Banana Yoshimoto zeigt, wie wichtig es ist, die Dinge auf den Punkt zu bringen - und dass gute Literatur ganz einfach sein kann.Mit "Austerlitz" erweist sich W.G.Sebald einmal mehr als Klassenbester in melancholischer Vergangenheitsaufarbeitung.

Unter den deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart nimmt der aus Wertau im Allgäu gebürtige und seit über drei Jahrzehnten in England lebende W.G. Sebald eine besondere Stellung ein. In den Neunzigerjahren hat der heute 56-jährige, in Norwich an der University of East Anglia unterrichtende Literaturwissenschaftler ein essayistisches und literarisches Werk geschaffen, das ihm in relativ kurzer Zeit zu einigem Ruhm verholfen hat; dass dieser im englischsprachigen Ausland noch größer ist als in seinem Geburtsland, hat ihm sicher nicht geschadet. Seine Bücher - "Schwindel. Gefühle" (1990), "Die Ausgewanderten" (1992), "Die Ringe des Saturn" (1995), "Logis in einem Landhaus" (1998) und "Luftkrieg und Literatur" (1999) - haben Sebald den Rang eines allem Modischem entrückten Großschriftstellers erworben, "der vor allem durch seinen Anachronismus geadelt ist", wie Thomas Steinfeld in der FAZ anmerkte. Entsprechend apostrophierte ihn Susan Sontag in einer Rezension der englischen Ausgabe von "Schwindel. Gefühle" als "über alle Kritik erhaben".

W.G. Sebald, dem seine beiden Vornamen Winfried und Georg angeblich zu deutsch tönen, weswegen er sie nur als Initialen führt und sich im Übrigen Max nennen lässt, ist als ausgewanderter Dichter, der von Ausgewanderten, ins Abseits Geratenen und Gedrängten erzählt, zum Chefmelancholiker der deutschen Gegenwartsliteratur avanciert und hat sich den untadeligen Ruf eines Autors erschrieben, der große, geschichtsmächtige Themen mit sauberer Recherche und einem ebensolchen Deutsch verbindet. Sein jüngstes Opus, "Austerlitz", setzt den einmal eingeschlagenen Weg fort, indem es auf über 400 absatzlosen, nur von Fotos unterbrochenen Textseiten das Leben sowie den Lebens- und Wirklichkeitsverlust des Titelhelden rekonstruiert: Jacques Austerlitz, als Sohn von Maximilian Aychenwald und Agata Austerlitzova geboren, 1938 mit dem Kindertransport von Prag nach England geschickt, schließlich in einem walisischen Kaff von einem calvinistischen Prediger und dessen Frau aufgezogen, begegnet dem Icherzähler zum ersten Mal 1967 im Bahnhof von Antwerpen und dann, erst zwei Jahrzehnte später, in London wieder. In einer Hotelbar macht Austerlitz dort den Erzähler schließlich auch mit der oben skizzierten Geschichte der eigenen, traumatischen Jugend bekannt, die er selbst erst nach einem Treffen mit seinem Kindermädchen in Prag dem Vergessen entreißen konnte.

Austerlitz, ein von Depressionen, Welt-, Gedächtnis- und Sprachverlust gepeinigter Kunsthistoriker, recherchiert der eigenen schmerzvollen Biografie hinterher, und der Erzähler, ein allem Anschein nach durchaus geistesverwandter Mann, macht sich - ganz in der Sebald'schen Tradition der Fusionierung von Realität und Fiktion - zu dessen Sprachrohr. Genau genommen haben wir es freilich mit mehreren Sprachrohren zu tun, die nach Art der berühmten russischen Puppen ineinander geschachtelt sind, was nicht nur eine vielstimmige Bauchrednerei ("Maximilian erzählte gelegentlich, so erinnerte sich Vera, sagte Austerlitz ") zur Folge hat, sondern auch dazu führt, dass alle Figuren im altmeisterlichen Ton des Autors sebaldern. Wenn dann das Kindermädchen sich an den "kollektiven Paroxysmus der Wiener Massen" von 1938 erinnert, ist das noch ein vergleichsweise dezentes Beispiel für einen Stil, von dem Rolf Vollmann (in seiner Zeit-Rezension von "Logis in einem Landhaus") meinte, er sei in den "Ausgewanderten" "ein bisschen elegisch, ein bisschen betörend, ein bisschen unbeholfen", mittlerweile aber "nicht mehr ganz so melodisch, sondern nur noch gravitätisch".

Dieser Stil generiert nicht nur syntaktische Ungeheuer, die sich in endlosen Aufzählungen ergehen - wozu die Besuche eines Nocturamas, eines Lapidariums und eines Kolumbariums reichlich Gelegenheit bieten -, er gebiert auf den Seiten 176 ff. auch eine entfesselte Rhetorik des Sprachverfalls, wie sie in Hofmannsthals berühmten "Brief des Lord Chandos" nicht üppiger ins Kraut hätte schießen können. Zerfielen dem fiktiven Briefschreiber die Worte "im Munde wie modrige Pilze", so erscheinen sie Austerlitz als "eine Art Auswuchs unserer Ignoranz, mit dem wir, so wie manche Meerespflanzen und -tiere mit ihren Fangarmen, blindlings das Dunkel durchtasten, das uns umgibt". Die Sätze, so heißt es weiter, "lösten sich auf in lauter einzelne Worte, die Worte in eine willkürliche Folge von Buchstaben, die Buchstaben in zerbrochene Zeichen und diese in eine bleigraue, da und dort silbrig glänzende Spur, die irgendein kriechendes Wesen abgesondert und hinter sich hergezogen hatte".

Im passenden Farbton zieht sich die Spur des Grauens auch durch den ganzen Roman. "Das Grau der Luft", "die blaugraue, einem den Atem nehmende Luft" hindert die Figuren am Atmen; unter einem "gleichmäßig grauen Himmel" oder "grauen Gewitterwolken", zwischen "schiefergrauen Felsen" oder "aufgelöst in graue Luft" beziehungsweise "in einem perlgrauen Dunst" können sie sich zwar mit "Regenhüllen aus dünnem, blaugrauem Perlon" gegen den Niederschlag schützen, nichts aber gegen die diffusen Sichtverhältnisse tun, die auf das wahlweise "staubgraue" oder "eisgraue, mondscheinartige Licht" zurückzuführen sind, das naturgemäß auch nur "pulvergraue schauernde Traumbilder" zulässt. Kein Wunder, dass bei Sebald selbst belgische Schäferhunde ergrauen - von den "grauen Tauben", dem "grauen Gewimmel" der Mäuse oder dem berühmten "aschgrauen Papagei" an dieser Stelle ganz zu schweigen.

Sebald, dieser Virtuose des Verfalls, orgelt auf dem Manual der Melancholie, sodass nicht nur dem von hysterischer Epilepsie heimgesuchten Titelhelden, sondern auch dem Leser Hören und Sehen vergeht. Das ist schade, denn der Stoff, den der Autor da zutage gefördert hat, ist ja, weiß Gott, an- und aufregend genug. Nur ist Sebald zwar Klassenbester in Rhetorik und Recherche, aber zugleich auch außerstande, mit seinen Fähigkeiten und Kenntnissen hinterm Berg zu halten. Sebalds idealer Konsument, so meinte Antonio Fian in einer galligen Kritik von "Schwindel. Gefühle", sei "der routinierte Löser des Zeit-Rätsels". Und so wird jedes auf- und angelesene Detail aus Zoologie, Architektur oder Geschichte mit allem und jedem verknüpft, sodass der Leser stupende Details über den Festungsbau des 16. und 17. Jahrhunderts oder die Geschichte der Liverpool Street Station (die auf frappante Weise an Lars von Triers TV-Serie "Geister" erinnert) vermittelt bekommt, prosaischere Gemüter aber mitunter auch an einen großen Zweizeiler von Robert Gernhardt erinnert werden: "Mein Gott, ist das beziehungsreich, ich glaub', ich übergeb' mich gleich."Milan Kunderas "Die Unwissenheit" beweist, dass gewichtige Bücher nicht dick sein müssen.

Seit 1986 schreibt der in Brünn geborene und 1975 nach Frankreich emigrierte Milan Kundera auf Französisch. Damit sind seine Romane Bestandteil der französischen Literatur. Ob er deswegen auch schon ein französischer Schriftsteller ist? In gewisser Weise geht es in "Die Unwissenheit", Kunderas jüngstem Buch, genau um diese Frage.

Der Roman beginnt damit, dass Irena, die seit zwanzig Jahren in Paris lebt und zwei beinahe erwachsene Töchter hat, von den Ereignissen des Jahres 1989 sozusagen überfahren wird. Der Zusammenbruch des Kommunismus drängt sie zurück in die tschechische Heimat; zumindest in den Augen ihrer Freundin Sylvie, die Irenas Beteuerung "Mein Leben ist hier!" nicht gelten lässt: ",Bei euch ist Revolution!' Sie sagte es in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete."

Irena muss damit leben, dass sie sich ihre Heimat nicht aussuchen kann, sondern ihr diese abgesprochen oder zugewiesen wird. Selbst ihr schwedischer Freund Gustaf erblickt in ihr nur die "aus ihrer Heimat verbannte, leidende junge Frau", und ihre Prager Bekannten weigern sich, Irenas mitgebrachten Bordeaux zu trinken, stellen ihr Tschechentum durch ostentativen Bierkonsum unter Beweis. Plötzlich findet sich Irena in der Rolle des kurz davor vom Erzähler herbeizitierten Odysseus, der nach zwanzigjähriger Irrfahrt in seine Heimat zurückkehrt: Weil er in Ithaka kein Fremder ist, fordert ihn dort auch niemand auf, von seinen Abenteuern zu erzählen, die seinen Lebensmittelpunkt ausmachen.

Auch Josef, der Irena seinerzeit in Prag Avancen machte und dem sie nun zufällig am Flughafen begegnet, muss erleben, wie wenig die Zurückgebliebenen eigentlich von ihm wissen wollen: Auch nach 1989 wird er weder über den Tod nahe stehender Menschen noch über die Rückerstattung des von den Kommunisten enteigneten elterlichen Besitzes informiert. Dafür weiß "zu Hause" auch niemand vom Tod seiner Frau. Irena, die ihres fickfaulen Freundes überdrüssig geworden ist, ist entschlossen, der "traurigen Geschichte ihres Begehrens" eine neue Wendung zu geben und die vor Jahrzehnten nie wirklich in Gang gekommene Beziehung zu Josef "fortzusetzen".

Allein diese Liebesgeschichte ist Grund genug, den Roman zu lesen. Auch wenn auf die beglückende sexuelle Vereinigung im Hotelzimmer die große Ernüchterung und Kränkung folgt, als Irena erkennen muss, dass ihr Geliebter schlicht keine Ahnung hat, mit wem er es zu tun hat, und nicht einmal ihren Namen weiß.

All das wird auf eine Weise erzählt, die man mit plausiblen Argumenten als "altmodisch", ja "überholt" bezeichnen kann. Aus der souveränen Distanz des allwissenden Erzählers eröffnet Kundera seinem Leser, den er mitunter sehr höflich siezt, die Innenwelten seiner Protagonisten. Da bleibt kaum etwas unklar, alles wird auf den Begriff gebracht. Dennoch - und darin liegt das Bestechende des Romans - nimmt diese ständige Reflexion und der Hang zum Kommentar der Geschichte selbst nichts von ihrer Kraft. Allein der Geschlechtsakt der beiden Protagonisten ist den Kauf des Buches wert: Wie "diese erotische Seance" ganz ohne körperliche Konkretheit erzählt wird, beweist einmal mehr, dass Erzähldistanz nicht mit Gefühlskälte verwechselt werden darf.

Als wäre die Asymmetrie des Begehrens zwischen Irena und Josef noch nicht genug, erfährt der Leser auch noch die Geschichte Miladas, deren Jungendliebe zu Josef seinerzeit bis zum juvenil-unbedachten Selbstmordversuch gediehen ist, von dem aber Josef ebensowenig weiß wie Miladas Freundin Irena. Das Pathos explodiert sozusagen an der erzählerischen Peripherie - als leise, gleichwohl herzzerreißende Detonation.

Ohne Entlarvungsgestus zeigt der Roman, dass das Leid der Emigration unter anderem auf einer prekären Spielart des Selbstverständlichen beruht. Befragt danach, ob ihr denn ihre französischen Freunde Fragen stellten, antwortet Irena: "Natürlich nicht! Sie interessieren sich nicht füreinander, aber in aller Unschuld. Sie sind sich dessen nicht bewusst."

Banal? Schon möglich. Milan Kundera hat darüber einen 180 Seiten knappen und unaufdringlich klugen Roman geschrieben. Wer sich für dessen Figuren nicht zu interessieren vermag, dem ist nicht zu helfen.Die Welt ist nicht arm an Vorschlägen, die ausgeschlagen wurden. Und der Mensch nicht grundsätzlich schlecht. Wer ungläubig abwinkt, vielleicht überzeugt ihn ein Blick in das Panoptikum altehrwürdiger Utopisten. Ursula Naumann hat es mit der Heimholung des armen Johann Gottlieb Prieber um einen Vergessenen erweitert. Prieber strich das erste e aus seinem Namen, nachdem er 1735 Zittau verlassen hatte und im Land der Cherokee-Indianer sein "Pribers Paradies" gründete, einen auf dem Naturrecht basierenden, laut Naumann kommunistischen Idealstaat. "Pribers Paradies" war jedenfalls so ziemlich das Progressivste, was die von Hoffnungskommunen übersäte Neue Welt im Angebot hatte. Texte des gelernten Advokaten sind keine erhalten. Mühsam musste sich die Recherche durch alles hindurchkämpfen, was an abseitigen und zweifelhaften Quellen und vielfach denunziatorisch eingefärbten Berichten zu haben war. Priebers Leben und Wirken liegt so weit im Dunkeln, dass Naumann nicht mit der Wiedergabe von handfesten Vorschlägen zur Weltverbesserung glänzen kann. Dafür mit einem atemberaubend rekonstruierten Geschichtspuzzle.Apropos mühsam. Erich Mühsam wusste: Wessen Leben im Dunkeln liegt, den sehen künftige Generationen nicht. Erhellende Schaufelarbeiten wie die von Naumann sind nämlich anstrengend, also selten. Mühsam sorgte vor und verfasste zwischen 1927 und 1929 "Unpolitische Erinnerungen". Da er ständig pleite war und Geld brauchte, tat er dies im Auftrag der Vossischen Zeitung. Die wiederum pflegte das Image eines bürgerlichen Unterhaltungsblattes. Weshalb der Arbeiterrevolutionär Mühsam sich in seiner Autobiografie klassenkämpferische Attitüden verkneifen musste. Umso standhafter gibt er den lebenshungrigen Bohemien und zertrümmert als Halbobdachloser den etablierten Kunstbegriff à la Spaßguerilla.Ob der 1950 in New York geborene und seit 1982 in Südafrika lebende Fotograf und Geologe Roger Balle "ein Künstler mit enormer emotionaler Bandbreite" ist oder doch eher Sozialpornograf, sei hier einmal dahingestellt. Seine Porträts deklassierter weißer Kleinstadtbewohner Südafrikas sind jedenfalls beunruhigende Inszenierungen des Elends der Welt und erzählen tragische Geschichten von Armut, Behinderung und Isolation - so wie die vom namenlosen Sicherheitsbeamten und seiner namenlosen Freundin. Prädikat: sehr verstörend.Ein verlassenes Stück Erde im Norden Kurdistans, an der Grenze zur Türkei und dem Iran. Niemandsland. Ein paar Vögel und Echsen, die Straßen der Ameisen, doch sonst ist nichts zu sehen, keine Wege mehr, keine erkennbaren Fußabdrücke. Hier ist schlecht gehen: Nach jahrelangen Kämpfen ist das Gebiet vermint zurückgeblieben. Nur ein einziger, der Schmuggler, kennt einen Pfad. Auf allen vieren kriecht er durch das Gelände und erobert sich so sein Land zurück. "Im Grenzland", der Roman von Sherko Fatah, geht mit und zeichnet auf, was dem Schmuggler durch den Kopf geht: die Angst um seinen Sohn, der plötzlich verschwunden ist; das Wissen um die Unmöglichkeit, es mit Militär und Geheimdienst aufzunehmen; die Sorge, von Minen zerrissen oder jenseits der Grenze aufgegriffen und als Spion gefoltert zu werden.

Ein Erstling, der es mit einer großen Metapher aufnimmt und mit erstaunlichem sprachlichem Eigensinn durch eine magische Landschaft zieht: Satz für Satz entsteht eine Ansicht der Fremde, die fremd und archaisch bleibt und sich nicht anbiedert an romantische Sehnsüchte. Eine sparsame, zurückhaltende Prosa, in der schon die kleinsten Störungen in Rhythmus und Lexik fatal auffallen. Sie bleiben selten. Sherko Fatah, Berliner mit kurdischem Vater, zeichnet mit wenigen Strichen die Geschichte einer Region auf, ohne sich auf eine politische Gewissenserforschung einzulassen. Gleichzeitig beschwört er das Bild eines toten Landstrichs, in dem die Natur geheime Schriftzeichen hinterlassen hat, Botschaften aus dem Damals. Das frühere Leben ist verloren, ein Volk verstört und zerstreut. "Für dich gibt es nur die Gegenwart", erkennt der Schmuggler. "Alles andere ist Sperrgebiet."Trotzig ist dem neuen Roman von Jörg Uwe Sauer ein Zitat aus Thomas Bernhards "Verstörung" vorangestellt: "Das Zitieren geht mir auf die Nerven." Daran anknüpfend wäre anzumerken: Es geht einem auch auf die Nerven, bei Sauer ("Uniklinik", 1999) stets die enge thematische und stilistische Verwandtschaft zu Thomas Bernhard herbeizuzitieren und Vergleiche anzustellen. Sauer präsentiert in "Das Traumpaar" einen von Wahnsinn und Zerrüttung angenagten 41-jährigen Langzeitstudenten, der durch drei europäische Hauptstädte mäandert und obsessiv daran interessiert ist, seine "Schönberg-Studien" abzuschließen. In Berlin, Triest und Salzburg stapelt er sich jeweils zum Professor an der jeweiligen Universität hoch und kommt erst zur Ruhe, nachdem der "Rundum-Gescheiterte" in Steinhof gelandet ist. Von hier aus erzählt er in einem furiosen Monolog seine Geschichte: Dabei spielen Gurken, Tafelspitz mit Kirschknödel, Thomas Manns "Zauberberg" oder Maestro Karajans Verhalten, wenn ihm eine Sekretärin an den Reißverschluss will, eine tragende Rolle. Kurz und gut: Jedes noch so unwichtige Detail wird in die Sauersche Literatur-Verwertungsmaschinerie gesogen, um dann mit Starkstrom und manches Mal mit herrlichem Humor aufgeladen wieder ausgespuckt zu werden.Einen der schlimmsten Sätze, die mir in den letzten Jahren unterkamen, fand ich bei Stefan Beuse: "Wir treiben einfach nur durch die Nacht wie Cornflakes in Milch und haben keine Ahnung davon, ob wir untergehen oder irgendwann ausgelöffelt werden." Der beim Bachmann-Wettbewerb erfolgreiche Beuse gab seinem Buch den Titel "Wir schießen Gummibänder zu den Sternen" und klassifizierte es als "Geschichtenroman". Ob es dieses spezielle belletristische Genre ist, dem Unheil anhaftet? Der Schweizer Alex Capus jedenfalls bezeichnete sein drittes Buch als "Roman in 14 Geschichten", und schlimme Sätze finden sich darin fast noch häufiger als in Beuses literarischer Sarah-Kay-Schmonzette. Darüber hinaus ist "Mein Studium ferner Welten" von einer stilistischen Altbackenheit, die ihresgleichen sucht. Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich Sätze lesen muss wie "Ein leichtes Beben in der Stimme kündigte einen von Tante Olgas gefürchteten Wutausbrüchen an, die immer schnell und unerwartet aufzogen und gewalttätig sein konnten wie Sommergewitter im Gebirge", und diese Tante Olga dann auch noch "Max! Mahax!" schreien höre, dann muss ich an Rosamunde Pilcher meets "Hanni und Nanni" meets "Gulla am Ziel" denken. Und auch inhaltlich besticht Capus' literarischer Leporello über das Leben des scheuen Journalisten Max Mohn bestenfalls als Einschlafhilfe.Kommissar Maigret gibt es tatsächlich. Er arbeitet als Kommissar in Paris und "es ist wirklich der aus dem Buch". Und weil die französische Regierung überlegt, Georges Simenon posthum zu einer Art exemplarischem Nationalschriftsteller zu machen, wird der berühmte Polizist damit beauftragt, in der Vergangenheit jenes Autors zu schnüffeln, der sich ihn einst zum Vorbild für seinen Romanhelden auserkoren hat. So will es jedenfalls der Roman "Maigret und der Fall Simenon". Was nach postmoderner, intertextueller Spiegelfechterei klingt, ist in Wirklichkeit ein erstaunlich simpel gestrickter Roman. Autor Maurizio Testa, pfeiferauchender Cheflektor eines italienischen Verlages, hat sich die literarische Freiheit genommen, berühmte Weggefährten des erotomanischen Vielschreibers Simenon ins Leben zurückzuholen. Eine hübsche Idee, aus der Testa so gut wie gar nichts macht: Colette ist "eine Frau mit starker Persönlichkeit" und einem Pagenkopf; Josephine Baker ist "zwar nicht mehr die Jüngste, aber noch immer in Topform", und Henry Miller freut sich diebisch über einen Orden. Der erwähnte Alexandre Stavitsky respektive Stavitzky hieß in Wirklichkeit Stavisky. Ob die anderen "Fakten" auch so genau recherchiert wurden oder der freizügige Umgang damit gerade der Witz daran ist, entzieht sich meiner Kenntnis, ich habe ihn (den Witz) aber ohnehin nicht verstanden. Ein stilistisch schlampiges, narrativ hanebüchenes Buch, dessen äußerste literarische Raffinesse darin besteht, Speise- und Getränkefolgen penibel aufzulisten.Als sich um 1915 Amerikas weiße Musiker in die bis dahin schwarze Musik des Jazz zu drängen beginnen, brechen selige Zeiten für einen legendären Exzentriker an. "Nicht gemästet" sei sein Spiel gewesen. Treffender als es Ror Wolf in seiner Radioballade über "Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika" tut, lässt sich der Charme dieser Musik nicht beschreiben, der schon die eingefleischtesten Feinde des New-Orleans-Sounds vom Hocker gerissen hat. Zwei Versionen bieten sich an, den Hörspielklassiker neu zu erleben. Auf CD hüpft Beiderbeckes Kornett über den Korpus der Band, während die Passagiere eines Raddampfers in der Zeit vor dem Schwarzen Freitag schwelgen - Nordamerika eine einzige Party und trotz Prohibition immer vorn an der Schnapstheke dieses musikalischen Ausnahmekindes. Tonlos hingegen will der selbstvergessene Beiderbecke in einem Sammelband Wolf'scher Hörspieltexte einfach nicht mehr herauskommen aus dem Traumland verrauchter Kneipen, zu denen der Realität der Zugang verwehrt ist. Wenn er keine Platten aufnimmt, dann trinkt er. Mit 28 rafft ihn der Schnaps dahin.

Die Wahl wird zur Qual, denn auch dem Buch liegt eine Audiodisc bei. Darauf vier von Wolfs O-Ton-Collagen, zum Beispiel das berühmte "Der Ball ist rund" - sozusagen eine Zusammenfassung aller je ausgetragenen und noch auszutragenden Fußballbegegnungen. Mit ihr könnte der Zwang verschwinden, Ligawochenende für Ligawochenende vorm Bildschirm zu hocken; könnten wir unsere Zeit wieder einem geistvollen Hobby widmen - dem Jazz vielleicht. Und da gibt es nun einmal kein traurig-schöneres Hörspiel als Wolfs "Bix Beiderbecke", das die Gehörgänge mit Butter auspinselt, auf dass es einem warm wird im Trommelfell.Die Meinung, dass es sich bei den erstaunlich zahlreichen gediegenen Fotobänden mit mehr oder weniger nackten Frauen schlicht um "Wichserbücher" handle, ist nicht ganz von der Hand zu weisen und trifft jedenfalls im vorliegenden Falle vollrohr zu. Aiko T. hat sich nämlich, so weiß es der Verlagskatalog, vor der Linse des aus Zürich gebürtigen Fotografen Michel Comte drei Orgasmen runtergerubbelt. Das ist nicht wirklich zu überprüfen, aber auch nicht ausgeschlossen. Sie macht das jedenfalls sehr elegant und will damit eventuell auch ganz bewusst die asiatische Sexualmoral provozieren. Es gibt gewiss weniger würdige Aufgaben und Beschäftigungen.Große Alte-Männer-Literatur: Charles Simmons' "Lebensfalten" und Louis Begleys "Schmidts Bewährung".

Alte Männer sind geil. Das unterscheidet sie nicht im Geringsten von jungen Männern. Allenfalls die performative Umsetzung dieser Geilheit soll, wie man so hört, mit den Jahren schwieriger sein. Man wird ja sehen. Dennoch kann es nicht schaden, sich schon früher Gedanken darüber zu machen. Der amerikanische Schriftsteller und Kritiker Charles Simmons, der jahrzehntelang Redakteur der New York Times Book Review war und hierzulande mit seiner grandiosen Turgenjew-Neudichtung "Salzwasser" (1999) bekannt wurde, hat genau das getan.

Sein schlanker Roman "Lebensfalten" ("Wrinkles") erschien im Original 1978, als Simmons 54 Jahre alt war. Die Endlichkeit des Daseins ist nicht nur das Thema des Buches, sie prägt dessen Struktur wie die Falten ein Gesicht. Der ganze Roman besteht aus einer losen Abfolge von kurzen, in der Regel drei bis vier Seiten langen Kapiteln, die den Lebensweg des Icherzählers entlang eines ungenannten Stichwortes abschreiten: Was war? Was ist? Was wird sein? Zum Beispiel mit den Frauen. Und dem Sex. Und den Mösen. Aber auch mit dem Schreiben, dem Alkohol, dem Geld, mit Tante Mae, Freund Robert, mit der Verarbeitung von Holz oder jenen gediegenen Taschenmessern, die sich der namenlose Schriftsteller aus Anlass von Seitensprüngen oder ehelichen Aufwärtsentwicklungen zu kaufen pflegte.

Der Verfasser des Klappentextes hat gewiss nicht Unrecht, wenn er "Lebensfalten" als "leicht wehmütigen Roman" bezeichnet. Jeder Abschnitt ist zum überwiegenden Teil im Imperfekt erzählt, worauf kurze Passagen im Präsens und Futur folgen. Schon durch dieses durchgehaltene Erzählprinzip wird klar, dass da ein Leben dem Ende entgegentreibt wie ein Boot einem unausweichlichen Wasserfall, dessen Rauschen schon zu vernehmen ist. Zugleich sind Simmons' biografische Tiefbohrungen aber frei von Sentimentalität. Mit Witz und nüchternem Blick erzählt da einer, der es nicht nötig hat, die eigenen Fehler zu beschönigen oder zu dämonisieren: "Einmal fragte ihn ein Literaturkritiker, ob er nicht auch der Ansicht sei, wahre Erzähler hätten Spaß am Lügen. Er verneinte und sagte, er schreibe die Wahrheit, wann immer er könne."

Simmons zeichnet das Bild eines selbstsicheren, bei den Frauen wie im Beruf allem Anschein nach erfolgreichen Mannes, der gleichwohl einiges besser hätte machen können, zum Beispiel "nicht so viel Zeit mit einsamem Schreiben verbringen". Als Leser kann man nur froh sein sein, dass Mr. Simmons nicht noch mehr Zeit mit Frauen, Familie und Sex verplempert hat, und vom Verlag darf man erwarten, dass er die anderen Bücher des spät Entdeckten schleunigst nachliefert.An einer Stelle imaginiert Simmons eine Szene im Chefbüro, während der der Satz "Aber das können wir ihm nicht zumuten" fällt. Und der Icherzähler "wird merken, dass über ihn gesprochen wurde und dass man in ihm einen alternden Verlierer sieht, dem man seine Illusionen nicht zerstören will". Diese Phase hat Albert Schmidt schon hinter sich. Als Frühpensionist hat er New York und der mondänen Anwaltskanzlei Wood & King den Rücken zugekehrt. In "Schmidt" (1997) haben wir Schmidtie, wie ihn Freunde nennen, mit gebrochener Rippe in der Pflege von Bryan zurückgelassen - dem Ex von Schmidties blutjunger Freundin, der puertoricanischen Kellnerin Carrie.

In "Schmidts Bewährung" ist eigentlich soweit alles beim Alten. Freud und Leid sprudeln munter aus denselben Quellen: Mit Carrie hat Schmidt Sex, mit seiner Tochter Charlotte nur Ärger. Dass Letztere sich mit ihrem ehrgeizigen, von Schmidt verachteten Gatten überworfen hat, nachdem dieser eine berufliche Niederlage im Cinemascope-Format erlitten hatte, stimmt den (Schwieger-)Vater auch nicht fröhlicher. Charlottes Forderungen an ihn haben sich dadurch nicht grundsätzlich geändert: Sie will Geld. Ziemlich viel Geld.

Keiner Figur ist Begley bislang so nahe gekommen wie Schmidt. Die Erzählkommentare und Briefe, die als Element der Distanznahme in "Schmidt" eingefügt waren, fehlen im jüngsten Roman völlig. Und Begley-Leser haben möglicherweise längst vergessen, dass "Bonhomie nicht zu Schmidts hervorstechendsten Merkmalen" gehört. Nun zählt eine große Imaginationskraft in Hinblick auf unangenehme Menschen und Situationen ganz entschieden zu den hervorstechendsten Merkmalen des Autors, und so hat sich dieser für Schmidtie noch ein paar Zusatzprüfungen einfallen lassen.

Bryan ist von seinem Renovierungsjob in Florida zurückgekehrt, jammert Schmidtie mit seiner Ich-dachte-wir-wären-Freunde-Nummer die Ohren voll und ergeht sich in Details über Carries reichhaltiges Sexleben. Neu auf der Besetzungsliste hingegen ist Michael Mansour, ein ebenso reicher wie paternalistischer ägyptischer Jude, der Schmidtie mit Einladungen, Ratschlägen und unerbetenen Freundschaftsdiensten drangsaliert. Und schließlich wäre da auch noch Mansours Leibwächter Jason, mit dem Carrie offensichtlich nicht nur Sport betreibt: "Ich meine, du bist schon okay und gesund und alles, aber, Mensch, Schmidtie, du bist älter als mein Dad."

Mit "Schmidts Bewährung" erweist sich Begley als Meister der Empathie, dem es weniger um die Entlarvung von Lebenslügen als um die Erfindung von Lebenslagen geht, an denen wir unsere Herzensbildung trainieren können - was so ziemlich das Gegenteil zu jener selbstgefälligen Gefühligkeit ist, mit denen uns schlechtere Literatur zu ködern sucht. Der Roman führt uns diesmal bis nach Paris, wo Schmidtie und Charlotte auf einer Parkbank Gelegenheit zu einer längst fälligen Aussprache haben. Damit ist zwar noch nicht alles im Lot, aber eine gute Basis für die nächste Folge geschaffen. Denn eine Schmidt-Trilogie ist wohl das Mindeste, was wir von Mr. Begley erwarten dürfen.Das Charisma von Frankfurt am Main steht bekanntlich in indirekt proportionalem Verhältnis zu den Geldsummen, die dort bewegt werden. Jemand, der FfM mit Marilyn Monroe vergleicht, muss als blindwütiger Lokalpatriot gelten. Die Rede ist von Kemal Kayankaya, der in "Kismet" wie stets unter der Doppelbelastung von Verbrechen und Alltagsrassismus zu leiden hat, gegen den er sich mit charmanter Hinterfotzigkeit wehrt. Gleich zu Beginn nietet er mit seinem Spezi Slibulsky (früher: Drogen, jetzt: Speiseeis) zwei Schutzgelderpresser der "Armee der Vernunft" um. Die blutige Spur führt einerseits nach Kroatien - was die ansässigen albanischen Schutzgelderpresser verstimmt -, andererseits zu einem zwielichtigen Frankfurter Tütensuppenfabrikanten, verglichen mit dessen Praktiken die österreichische Schweinezucht als leuchtendes Vorbild der europäischen Nahrungsmittelindustrie gelten muss.

Die Ingredienzien, aus denen sich der jüngste Roman von Jakob Arjouni zusammensetzt, stammen aus kontrolliertem Anbau und sind seit Jahrzehnten bewährt: Das Modell Marlowe (raue Schale, weicher Kern, dicke Lippe) wird hier unter Zuhilfenahme von Lokalkolorit, politischem Hintergrund (Bosnien-Krieg!) und Multikulti-Thematik für die deutsche Gegenwart adaptiert. Das alles ist routiniert, mitunter witzig ("Sie sin hier inem kroatischen Restaurant. Des is meine Heimat, da schläscht mein Hetz") und stellenweise etwas angestrengt umgesetzt. Wie zu erwarten fällt Kayankaya zuerst aufs Maul, dann auf die Füße und darf am Schluss sein Teilzeitzölibat beenden. Zudem ist "Kismet" vermutlich der letzte Roman, in dem noch über den Luxus philosophiert wird, "den es bedeutet, kein Mobiltelefon zu haben". Kein Grund, Arjouni als Retter der deutschen Literatur zu feiern; brauchbare Zugslektüre allemal.Robbie Williams, pro oder contra? Die "Falter"-Redaktion ist sich nicht einig und debattiert eifrig. Es gibt aber auch noch eine dritte Meinung zu dem Pop-Phänomen: Egal. Verfechter dieser souveränsten aller Positionen können sich mit einem neuen Fotoband nun ein Bild davon machen, was den Rest der Menschheit denn so an dem ehemaligen Boygroup-Sänger fasziniert bzw. abstößt: sein nackter Hintern, seine abgekauten Fingernägel oder sein Repertoire an besonders coolen Gesichtsausdrücken und Gesten, mit denen er immerhin knapp 200 Schwarz-Weiß-Fotografien von Hamish Brown bestreitet. Man kanns aber auch bleiben lassen, sein Zeit sinnvoll verbringen und beispielsweise Beethoven hören.Mit Witz und Sinn für Dramaturgie erzählt Vladimir Vertlibs jüngster Roman davon, wie die 92-jährige Rosa Masur das 20.Jahrhundert erlebt und erlitten hat.

Zu ihrer 750-Jahr-Feier plant die deutsche Kleinstadt Gigricht ein Buch herauszugeben, das - politisch korrekt - jeweils einen Vertreter der dort lebenden Minderheiten durch "detaillierten Lebenslauf und Beschreibung seiner Lebensumstände in Deutschland" vorstellen soll. Von "5000 Mark für Zeitzeugen" und von "älteren, aus Russland stammenden Personen" ist in dem Zeitungsartikel die Rede, auf den hin sich die 92-jährige Rosa Masur trotz Protests ihrer Verwandten und Freunde meldet. 1907 in der weißrussischen Kleinstadt Witschi nahe Tschernobyl geboren, werden in ihrem Schicksal, wie es Oberbürgermeister Notscher ausdrücklich wünscht, wahrhaftig die Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts sichtbar - von den Pogromen ihrer Kindheit über die Zeit der Revolution, den Zweiten Weltkrieg, den sie in Leningrad übersteht, und die Schikanen der Stalinzeit bis zur Übersiedlung in das Land der brennenden Asylantenheime, in dem die studierte Übersetzerin trotz hervorragender Sprachkenntnisse nicht mehr heimisch wird.

"Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" heißt der zweite Roman des 1966 in Leningrad geborenen und seit zwanzig Jahren in Österreich lebenden Autors Vladimir Vertlib. Und das Erinnerungsvermögen der rüstigen Titelheldin ist in der Tat erstaunlich. Da jeder Interview-Tag zusätzlich fünfzig Mark bringt, lässt sie sich Zeit. "Es gibt da eine Geschichte, mit der ich sie geködert habe, aber auf die müssen sie noch eine Weile warten", verrät sie ihrem Sohn Kostik, dem sie mit dem Honorar den Lebenstraum von einer Reise nach Aix-en-Provence erfüllen möchte. Und so ufert der Roman zu einem wahren Epos aus, einem Frauenschicksal vor dem Hintergrund der gesamten Geschichte Russlands im 20. Jahrhunderts.

Die Versatzstücke - vom Verheizen der Privatbibliotheken während der Blockade Leningrads bis zu Verhaftungen aufgrund von Tippfehlern in der Stalinzeit - sind bekannt, aber Vertlib versteht es glücklicherweise zu erzählen. Unspektakulär, aber immer im richtigen Tempo und nicht zuletzt mit einer gehörigen Portion Humor, der die Brutalität der zum Großteil authentischen Geschichten ein wenig erträglicher macht.

Etwa wenn Rosa Masurs Tochter Schelja während der Blockade im Jahr 1941 die Katze Murka mit den Worten "Fisch! Fisch! Fisch!" tröstet, während Kostik das Tier mit dem Hammer erschlägt. "Als wir Murka in der Küche kochten, musste ich, mit Küchenmesser und Besenstiel bewaffnet, die Nachbarn fernhalten." Nach dem Krieg kehrt Rosa nach Witschi zurück, wo Rosas Eltern ermordet wurden, und sieht sich mit dem Antisemitismus derer konfrontiert, die mit den Deutschen zumindest in der Judenhatz kollaboriert haben. Endgültig zerfällt ihr letzter Glaube an die Revolution und die internationale Solidarität.

Dass es Vertlib gelingt, die Spannung über 400 Seiten aufrechtzuerhalten, liegt auch an seinem Geschick als Dramaturg, dem gekonnten Spiel mit Wahrheit und Lüge. Denn die Urkunde, die die 750-jährige Existenz der Stadt Gigricht belegen soll, erweist sich als Fälschung, und Rosa muss ihre Erzählungen, die für sie zu einer Art Lebenselixier wurden, kurz nach jenem "Schlüsselerlebnis" abbrechen, das hier nicht verraten werden soll. "Es ist mir alles recht, solange ich erzählen darf", hatte sie - konfrontiert mit dem Vorwurf der Beweisfälschung - ihrem Übersetzer Dmitrij erklärt und dem Verzicht auf nähere Prüfung dieses Beweises nur allzu gern zugestimmt. "Außerdem bin ich schon zu alt, um noch der Meinung zu sein, die Grenze zwischen Moral und Unmoral sei jene zwischen Wahrheit und Lüge."

Geld gibt es nun keines, und der peinliche Empfang bei Oberbürgermeister Notscher reiht sich wie selbstverständlich in die Reihe der Desillusionierungen ein, die Rosa durch ihr langes Leben begleitet haben - vervollständigt durch die real existierende Provence, die Rosa, Kostik und seine Frau zum Schluss doch noch zu sehen bekommen. "Du wirst alt werden und weise und manchmal zynisch sein und trotzdem noch an das Gute im Menschen glauben. Und gerade deswegen, glaub mir das, wirst du ein hohes Alter erreichen", hatte die spröde Freundin Mascha Rosa schon früh prophezeit - übrigens eine der interessantesten Figuren des Buchs, das auch von seinen starken Frauengestalten lebt. "Es wunderte mich immer wieder, warum gerade Männer die Welt regieren", sagt Rosa im Angedenken an ihren unpraktischen und schweigsamen Ehemann Naum. "Es muss sich um eine der vielen Anomalien handeln, mit denen Gott uns unsere Unvollkommenheit vor Augen führt."In "Das Fest des Ziegenbocks" macht Mario Vargas Llosa einen scheinbaren Opportunisten und unscheinbaren Polit-Pragmatiker zum heimlichen Helden.

Ein Roman hat mich immer in dem Maß fasziniert, in dem er in einer kompakten Geschichte Gewalt, Melodram und Sex verbindet", schrieb Mario Vargas Llosa in seinem großen Essay über Flaubert, eines seiner literarischen Vorbilder. Gewalt gibt es in Llosas neuem Roman an allen Ecken und Enden, erzählt der Peruaner doch die Geschichte der Dominikanischen Republik zur Zeit des "Ziegenbocks", des Diktators Rafael Trujillo, der 1961 nach 30-jähriger Herrschaft einem Attentat zum Opfer fiel.

Mit "Das Fest des Ziegenbocks" reiht sich Vargas Llosa ein in die lateinamerikanische Tradition der Diktatorenromane. Im Unterschied zu Garcia Marquez oder Roa Bastos interessiert ihn aber nicht so sehr die Psychologie der absoluten Macht als deren Mechanismen, die am Ende auch den zerstören, der über sie verfügt. Mit seinem druchdringenden Blick, seiner Ordnungsliebe und einem gewissen Maß an Sadismus (der bei seinen Brüdern und Söhnen viel stärker ausgeprägt ist) erscheint Trujillo als ziemlich normaler Mensch. Was ihn auszeichnet, ist die Beherrschung der politischen Technik.

Mangelnde Beherrschung der politischen Technik nannte Llosa 1990 als Grund für sein Scheitern im Wahlkampf um die peruanische Staatspräsidentschaft. Heute ist Llosa als politischer Kommentator und Berater (für den voraussichtlich nächsten Präsidenten Alejandro Toledo) tätig, aber nicht mehr als Politiker im engeren Sinn. Für die Literatur ist das gewiss ein Glück, für die Politik möglicherweise auch. "Das Fest des Ziegenbocks" entwirft die Gestalt eines Politikers, der lange im Hintergrund agiert, im entscheidenden Moment aber die Fäden in die Hand nimmt und sein Land behutsam zur Demokratie führt. Dieser unscheinbare Mann namens Balaguer, der jahrelang Trujillos Marionettenpräsident gewesen war, ist Llosas geheimer Held. Man könnte ihn - und der Leser hat das Recht dazu - als einen Opportunisten betrachten, der sich geschickter und flinker als andere an die wechselnden Verhältnisse anzupassen vermag. Man kann ihn aber auch - und das tut der Autor - als Pragmatiker sehen, der jeweils für das kleinere Übel optiert.

Balaguer ist kein strahlender Held. Er vertritt die westliche Rationalität und - nach Maßgabe des Möglichen - die freiheitliche Demokratie. Die fundamentale Auseinandersetzung zwischen Vernunft und Aberglauben zieht sich durch alle großen Romane von Vargas Llosa. Sie ist der Keim, aus dem sich die hochkomplexen Erzählstrukturen entfalten. Dabei sind die Gegnerschaften und Verbindungen nicht immer eindeutig. Llosa geht es nicht darum, das Irrationale einfach zu denunzieren. Er versucht lediglich zu zeigen, dass es in der Politik, wie er in "Tod in den Anden" und nun im neuen Roman zu zeigen versucht, nichts verloren hat, weil es dort stets zur Gewalt - sei es der linken Guerilla, sei es des rechten Diktators - führt.

Das vom Autor geforderte Melodram hat in "Das Fest des Ziegenbocks" nicht allzu viel Raum. Das liegt nicht zuletzt an den Macht ausübenden Machos - allen voran der Diktator -, die nicht an Liebe, sondern nur am Sex interessiert sind, der ihre eigene Großartigkeit bestätigen soll. Durch diese Engführung von Machismo und Diktatur rührt Vargas Llosa an einem lateinamerikanischen Tabu, das noch heute, Jahre nach dem Fall von Trujillo, Pinochet und Konsorten, weiterbesteht.

Bleibt, um noch einmal zum Eingangszitat des Autors zurückzukehren, die Verbindung in einer "kompakten Geschichte", womit auf das Ideal des totalen Romans angespielt wird. "Das Fest des Ziegenbocks" kommt diesem dank Llosas erzählerischer Virtuosität sehr nahe und erlaubt ihm aufgrund der wie nebenbei erzeugten Spannung dennoch, ein Massenpublikum zu erreichen. Es ist ein in zweifachem Sinn technischer Roman geworden: Einer, der einerseits hervorragend funktioniert, andererseits auch die Figuren in ihrem Funktionieren zeigt, als hätte ihnen der Diktator die Seele geraubt und sie so zurückgelassen wie das von ihm missbrauchte 14-jährige Mädchen, das in die USA emigriert, wo heute eine asexuelle Korrektheit herrscht, die der Autor als Alternative auch nicht so recht hinnehmen will.Mit dem Interviewband "Im Verborgenen" liegt nun erstmals ein Buch des bedeutenden französischen Kritikers Serge Daney in deutscher Übersetzung vor.

Für die Lektüre von Serge Daneys "Perseverance" (deutsch: "Im Verborgenen") empfiehlt sich der Strandkorb. Gehörte Daney doch zu jenen wirklichen Denkern, die sich nach nichts mehr als nach Muße sehnen. Auf seinen vielen Reisen, die ihn in alle Weltgegenden führten, genoss er das Entzücken dessen, der den Beruf hinter sich lässt und froh ist, auf der Erde zu sein, froh darüber, dass man ihn existieren lässt und vielleicht sogar ein bisschen akzeptiert.

Ein Jahr vor seinem Tod - Daney starb 1992 im Alter von 48 Jahren an Aids - führte Serge Toubiana mit ihm drei Tage lang ein Gespräch, das den Hauptteil von "Perseverance" bildet. Dabei fasste Daney, wenn es um Film ging, stets auch das allgemeine Gemälde des Lebens und Daseins, nicht zuletzt seines eigenen, fest ins Auge, um das Bild, das für ihn ein Film darstellte, zu enträtseln und zu verstehen.

Gleichzeitig war ihm aber auch bewusst, dass alle Erkenntnis nicht heranzureichen vermag an die stille Fruchtbarkeit unserer ersten, frühesten Kinoeindrücke, die man genießend und leidend, ohne zersplitterndes Urteil in sich aufnimmt. So rühmte Daney die Schönheit des Ausspruchs eines Kollegen, der von den Filmen sprach, "die auf unsere Kindheit geschaut haben".

Als Autor kam Daney früh zu den Cahiers du Cinema, wechselte später zu Liberation, um schließlich in seinem Todesjahr die Zeitschrift Trafic zu gründen. Seine Gedanken zum Film, wie er sie im Gespräch mit Toubiana äußerte, lassen einen Menschen erkennen, für den die Kultur und die Filmkultur eine große Idee gewesen ist. Sie erlaubte ihm, die Religion hinter sich zu lassen und doch eine Öffnung auf das Sakrale hin für sich zu ermöglichen.

Für Daney war es zunächst von entscheidender Bedeutung, dass sich die einzelnen Einstellungen eines Filmes auch als solche zu erkennen geben. "Für mich war der Kader wichtig als Schnitt ins Lebendige, als Skalpell des Auges, als chirurgisches Rechteck." Es ging um die Wahrnehmung dessen, was drin und was draußen ist, und speziell um die Wahrnehmung dieses Außerhalb des Films. Danach hat Daney angefangen, diejenigen Filme schön zu finden, die ihre Energie aus der Mitte des Bildes schöpfen, die die wichtigen Dinge ins Zentrum stellen, damit man sie gut sieht. Das war bei Walsh und vor allem bei Ford der Fall. Schließlich ist diese ganze Frage für ihn in den Hintergrund getreten, "denn die Regisseure des Bildkaders waren weniger gut, und nach Rossellini hat sich das Beste des modernen Films in einer Überstürzung der Aufnahmen abgespielt, mit einer Optik, die die zu durchmessenden Räume kurzschloss und nicht mehr mit der Moral des Kadrierens und des Travellings zu tun hatte".

Indessen hat Daney dieser - auch in deren Spätzeit von der deutschen Zeitschrift Filmkritik verfochtenen - Moral einen Text gewidmet, der 1992 in Trafic erschienen und in "Perseverance" (1994) dem Toubiana-Interview vorangestellt ist. Eine glückliche Zusammenstellung! Der Text heißt "Das Travelling in ,Kapo'" und verdankt sich dem nachhaltigen Eindruck, den ein bahnbrechender Artikel von Jacques Rivette, 1961 in den Cahiers gedruckt, auf den damals 17-jährigen Daney gemacht hatte. "Kapo" (1960) war ein italienisch-französischer Film mit eingeflochtener Liebesgeschichte, der in einem KZ spielte. Und Rivette hatte sich darauf beschränkt, eine einzige Einstellung zu behandeln: eben das im Titel angeführte Travelling in "Kapo". Mit Rivette kam Daney zu dem Schluss, dass dieses Travelling unmoralisch sei, da es eine Distanz aufhebe, die hätte eingehalten werden müssen.

Was war zu sehen? Die Heldin des Films bringt sich um, indem sie sich in den elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun des Lagers stürzt. Rivette war wütend. "Der Mensch", schrieb er auf, "der sich in diesem Augenblick zu einer Kamerafahrt vorwärts entschließt, um den Leichnam in Untersicht aufzunehmen, wobei er es sich auch noch angelegen sein lässt, die erhobene Hand des Opfers in einem bestimmten Winkel seiner endgültigen Kadrage zu fixieren, für diesen Menschen kann man nur tiefste Verachtung empfinden."

Der Moralismus brachte es mit sich, dass bei den Cahiers-Leuten in ihrer Abneigung gegen bestimmte Filme wie auch in ihrer Bewunderung anderer immer auch die betreffenden Regisseure ganz persönlich mit eingeschlossen waren. Davon zeugen in "Perseverance" vor allem diejenigen Partien, die von einer Hollywoodreise erzählen. Daney, der damals gerade 20 war, hatte sie 1964 zusammen mit seinem Cahiers-Kollegen Louis Skorecki unternommen, um einige illustre, betagte Regisseure aufzusuchen. Enttäuschend für die beiden Jünglinge war dabei nur, dass sie mit ihrem Enthusiasmus nicht immer auf Gegenliebe stießen.

Als sie zum Beispiel George Cukor gegenüber beteuerten,wie sehr sie dessen "Sylvia Scarlett" (1936) mochten, fand dieser es gar nicht nett, von den angereisten Lümmeln an einen Reinfall vom Beginn seiner Karriere erinnert zu werden. Entgegen dem Gesetz des Showbiz, das besagt, dass ein kommerziell erfolgloser Film auf gar keinen Fall ein guter Film sein kann, hatten sich Cukors überseeische Bewunderer schon längst dafür entschieden, das amerikanische Kino auf ihre Weise zu lieben, nach den Regeln, die sie selbst aufgestellt hatten.Als Erika Stone noch Erika Klopfer hieß, emigrierte sie 1936 als 12-jähriges Mädchen gemeinsam mit ihren Eltern in die USA. Ihren Einstieg in die professionelle Fotografie fand sie über kleine Hilfsjobs. 1941 schloss sie sich der Photo League an, die die Fotografie als Mittel zur Aufdeckung sozialer Missstände begriff und Stones dokumentarische Arbeitsweise unterstützte. Obwohl Stone auch Zelebritäten wie Ginger Rogers, Marlene Dietrich oder Clark Gable fotografierte, galt ihr primäres Interesse den "ordinary people" - den Menschen von und auf der Straße; den Sandlern in der Bowery oder Kindern in Harlem.Frederic Beigbeder ist wirklich ein sympathischer Typ, und außerdem löckt er wider den Stachel der neoliberalen Einheitsideologie, und irgendwie witzig ist er auch, wie soll man da etwas gegen ihn haben? Am Ende wird man es ihm noch als Pluspunkt anrechnen, dass er kein großer Schriftsteller ist. Große Schriftsteller gibt es schon genug. Also durchsurft man sein fetziges Buch und denkt: Na gut, das ist jetzt eine zeitgenössische Satire auf das moderne Leben, mit Abziehbildern und Zeichentrickfiguren und fast plots und short cuts - oberflächlich wie die Wirklichkeit, nur ein bisschen überzeichnet, Sprache der Werbung im Negativ.

Ein bisschen Statistik und Traktat dazu, warum nicht, bei den Großschriftstellern heißt das "Essayismus". Der Autor streitet tapfer gegen übermächtige Gegner, die ungreifbar sind wie Quijotes Windmühlen und trotzdem real: Kultur gegen Kommerz - dieser Mann will Rache üben um jeden Preis, auch wenn er verlieren wird. Die Wut des Autors erinnert an die Wut eines Schülers, der sich schwört, dem Lehrer eins auszuwischen, sobald sich das Schultor für immer hinter ihm geschlossen hat. Die meisten Schüler vergessen ihr Vorhaben sehr bald, einige nicht. Die werden dann Künstler.

Es ist natürlich kein Zufall, dass "99 Francs" bei französischen Mittelschülern sehr erfolgreich ist: Nike, Barbie und McDonald's, das kennen sie aus ihrer Erfahrung. Insgesamt wurden von dem Buch bisher über 300.000 Exemplare verkauft. Es ist leicht konsumierbar, man kann es sich reinziehen wie einen MTV-Clip. Zugleich wird man aufgeklärt über den Zustand unserer Gesellschaft: Unterhaltung und Nutzen vertragen sich bestens.

Vielleicht kommt einer der Schüler bei der Lektüre sogar auf den Gedanken, dass er da gerade den neuesten Voltaire liest: Beigbeders Protagonist Octave surft durch die bessere Welt des Konsumismus wie weiland Candide durch die schlechte Welt im Glauben an die beste. Bloß mit der Naivität ist es längst vorbei, und Octave ist selbst nicht weniger zynisch als das System, das er denunziert. Außerdem ist er schon ziemlich durchgeknallt, weshalb man auch nicht alles wörtlich nehmen muss, was er von sich gibt. "Es besteht kein allzu großer Unterschied zwischen konsumieren und liquidieren." Oder: "Schließlich und endlich haben die Nazis gewonnen: Die Blacks blondieren sich die Haare." "Wenn sich eine Schwangere umbringt, macht das zwei Leichen zum Preis von einer, wie bei einem Waschmittelsonderangebot."

Richtig, unser revoltierender Held entkommt dem System der Werbung und der Sprache der Sprücheklopfer auch nicht. Gegen Ende des Buchs spitzt sich einiges zu, es wird mystisch (wie auch am Ende Michel Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone"), bevor sich doch noch einmal die Slogans durchsetzen. "Tout est consomme", steht da, und in der deutschen Übersetzung liest man: "Alles ist konsumiert". Was auch irgendwie witzig ist, aber eigentlich handelt es sich um ein Zitat, die Rede vom Konsum, das sind die vorletzten Worte Christi am Kreuze, auf Lutherdeutsch: "Es ist vollbracht." Beigbeder ist, wie oben stehendes Interview zeigt, religiösen Diskursen nicht vollkommen abhold.Der Schriftsteller Warwick Collins war Berater von Margaret Thatcher und Yachten-Designer.Der "Falter" traf Collins in London, um mit ihm über seinen jüngsten Roman "Herren" zu sprechen, in dem jamaikanische Kloputzer sich gegen das Treiben schwuler Kunden empören.

Fast alle Bücher kann man auf dem Klo lesen. Manche Bücher möchte man am liebsten ins Klo stopfen. Aber nur ganz wenige Bücher haben ein Klo zum Schauplatz. "Herren" von Warwick Collins spielt zwischen Urinalen und Klosettschüsseln in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt in London. Auf die Frage "Warum ausgerechnet ein Klo?" hat der Autor, verständnisvoll lächelnd, die Antwort sofort parat: "Man denkt normalerweise: Dort sind alle Menschen gleich. Tatsächlich aber sind Herrentoiletten enorm dramatische Orte voll unterdrückter Spannung, an denen man jeden Blickkontakt meidet."

Die Helden der Großstadtlatrine in Collins' Roman sind drei Jamaikaner, beständig im Kampf gegen Urinstein und noch schlimmere Übel. Denn die Lokalität ist beliebt bei Klappengängern: Männer, die es mit anderen Männern ganz auf die Schnelle in den Kabinen treiben. Und weil das erstens ungesetzlich und zweitens - so finden zumindest die Aufseher des Etablissements - widerlich ist, soll der Sumpf trockengelegt werden.

Verstärkung erhoffen sich die Saubermänner von Ez, der soeben seinen neuen Job in der grün-weiß gekachelten Unterwelt angetreten hat und glücklich ist, überhaupt wieder in Lohn und Brot zu stehen; der aber zunächst nichts ahnt vom zwischenmännlichen Treiben am sonst so stillen Örtchen. Bis plötzlich eine Kabine zum Leben erwacht: "In der jähen Stille schien sie, ganz leicht nur, zu vibrieren, wie eine Waschmaschine, in der die Kleidungsstücke immer wieder hin und her geworfen wurden. Dann schließlich schaltete sie sich mit einem leisen Seufzer ab." Abstoßend und anziehend zugleich findet Familienvater Ez dieses Schauspiel. Stellung beziehen, heißt es nun für ihn.

"Herren"-Autor Warwick Collins gehört nicht zur hippen Garde der so genannten NewBritLit. Die Bücher des 52-Jährigen handeln schlicht davon, wie Menschen zusammenleben, wie sie einander beurteilen und was daraus folgt. Reich und berühmt geworden ist Collins damit nicht. Trotz Nominierung für den renommierten Booker-Prize lag sein Roman "The Rationalist" in Großbritannien wie Blei in den Regalen, der Nachfolger "Gents" (so der Originaltitel von "Herren") erreichte auch nur eine Auflage von 5000 Stück. Im Ausland ist Collins da schon wesentlich beliebter. Seine Bücher sind in elf Sprachen übersetzt. Vor allem in Frankreich hat er seine Fans, und "The Rationalist" - ein Roman über unterdrückte Sexualität im 18. Jahrhundert - war dort wochenlang in den Bestsellerlisten zu finden.

In "Herren" gehts um den Krieg der Underdogs im Untergrund: Die Schwarzen müssen den Weißen das Klo putzen; die Schwulen gelten als abartig. Intoleranz, so erzählt Collins im Interview, habe auch die Weichen in seinem eigenen Leben gestellt. Als Junge musste er die Heimat Südafrika verlassen, weil sein Vater, ein weißer Schriftsteller, gegen die Apartheid anschrieb. Die Familie zog nach England. Collins studierte in Sussex Biologie, allerdings nur mit mäßigem Erfolg, weil er sich dem herrschenden Dogma der natürlichen Auslese nicht anschließen wollte. Er ließ die wissenschaftliche Karriere fahren, schrieb stattdessen Gedichte und jobbte als Buchverkäufer. Wenn er nicht gerade über den Atlantik segelte. "Die See ist meine große Liebe. Sie ist so schön furchteinflößend", gesteht Collins mit einem scheuen Grinsen und zieht dabei die schmalen Schultern hoch.

Warwick Collins ist ein Mann der Widersprüche. Obwohl er sich politisch "eher links" einordnet, glaubt er an die allheilenden Kräfte der freien Marktwirtschaft. Margaret Thatcher holte den Gedichteschreiber deshalb 1979 in ihren Think-Tank, wo Collins zwei Jahre lang über die Privatisierung von Bahn, Post und Krankenhäusern brütete. Nach dem Tod des Vaters zog der 30-Jährige zurück zur Mutter nach Lymington, einem Badeort an der englischen Südküste, und widmete sich seiner unheimlichen Liebe zum Meer, indem er Yacht-Designer wurde: "Für mich war das eher eine ästhetische Herausforderung als eine technische", verrät Collins. Schönheit siegt: Das 25-Meter-Boot "Ocean Leopard", ausgestattet mit einer radikal neuen Art von Kiel, segelte der Konkurrenz bei zahlreichen Rennen davon. Anschließend entwickelte Multitalent Collins im Auftrag der British Army ein Kriegsflugzeug, das im Falle des Krieges sowjetische Panzer zerstören sollte.

1988 dann, Gorbatschow war jetzt an der Macht und Collins mittlerweile vierzig, fing er an, Romane zu schreiben. "Challenge", Beginn einer Trilogie über das Leben auf dem Meer, brachte ihm genug Geld, um sich fortan gänzlich seiner neuen Leidenschaft widmen zu können. Sieben weitere Romane hat er bislang veröffentlicht, und nach Ansicht der Kritik werden sie immer besser.

The Times lobte an "Gents" vor allem die Direktheit der Sprache. Tatsächlich gibt es in "Herren" kein überflüssiges Wort. Collins schreibt wie einer dieser japanischen Schriftsteller, die die Welt sozusagen im Spiegel eines am Strand hingeworfenen Pausenbrotes betrachten: Vom Mikrokosmos des Pissoirs lässt sich aufs große Ganze schließen.

Collins beschreibt seine Sicht ohne Furcht vor Kontroversen. Heldin seines allerjüngsten Buches "F(uck)-Woman" ist eine Feministin, die es liebt, Männer zu quälen. Aus Angst, der Political Correctness ins Messer zu laufen, traute sich zunächst kein englischer Verlag, das Buch zu verlegen. Mit "Herren" lief Warwick Collins Gefahr, gleichzeitig Schwarze und Schwule zu verärgern, denn beide Gruppen kommen in dem Buch nicht besonders gut weg. Dass es trotzdem allgemein gelobt wurde, erklärt sich der Autor so: "Man sollte Menschen nicht nötigen, Minderheiten zu mögen. Das wäre zwar politisch korrekt, aber dumm. Was wir brauchen, ist nicht Sympathie, sondern Toleranz. Denn wer uns heute sympathisch ist, ist es morgen vielleicht nicht mehr - darauf kann man doch keine Gesellschaft bauen. Aber Toleranz ist ein philosophisches System, mit festen Verhaltensregeln für ein friedliches Zusammenleben."

Und wo die Nächstenliebe aufhört, würden - so Collins' These - ökonomische Sachzwänge der Toleranz auf die Sprünge helfen. So auch bei den Kloputzern in "Herren", deren Feldzug gegen die "Perversen" einfach schlecht fürs Geschäft ist: Die Kunden ziehen buchstäblich den Schwanz ein, die Münzbox bleibt leer. Ez, der anfangs das Großreinemachen mit einem Satz aus der Bibel rechtfertigt ("Denn schon mancher ist in die Fänge des Bösen geraten, nur weil er gleichgültig war gegen das Treiben seiner Nächsten"), hat zum Schluss wieder eine passende Weisheit zur Hand, diesmal halt eine andere: "Der wahre Christ sorgt sich zuerst um sein eigenes Leben, bevor er sich um die Sünden anderer sorgt."Dass Wolf Wondratschek jetzt auch in Wien lebt, ist mittlerweile bekannt. Dass die vier Erzählungen seines jüngsten Werkes "Die große Beleidigung" auch alle in Wien geschrieben wurden, steht im Nachspann. Gleich in der ersten Geschichte kann man lesen, dass die Wiener die "Ureinwohner der menschlichen Seele" sind. Hm. Noch mehr darüber erfahren wir in der Titelgeschichte über einen Zahnarztsohn, der sich nur ohne Publikum zu den höchsten Höhen des Geigenvirtuosentums aufzuschwingen vermag: "Das waren die besten Kunden, die Wiener. Sie waren einmalig. Keine Nation war wie sie. Die Monotonie ihres Geschmacks besaß Weltgeltung. War ein Jahrhundert überstanden, schalteten sie in den Rückwärtsgang." Hhmm. Wo dergleichen Klischees erblühen, ist Vorsicht geboten, denn Wondratscheks Geschichten haben mindestens einen doppelten Boden, und nicht nur der Schriftsteller Wrenkh ("Die Erfindung eines glücklichen Menschen") neigt dazu, seine Erzählung "unerwarteten Einfällen und hymnisch aufschäumenden Abschweifungen anzuvertrauen".

Neben der erwähnten moussierenden Digression haben die Erzählungen, die mehr in einem fiktiven Russland als im realen Wien beheimatet sind, gemein, dass ihre Protagonisten über der Kunst das Leben verfehlen. In "Giotto" folgt der Erzähler den Spuren eines Regisseurs, der mit Frauen nur im Film etwas anzufangen weiß, aber auch die Passionen des Erzählers sind letztlich blutleer. "Auf dem Graben" sinnt eine Frau der eigenen bewegten Vergangenheit nach, und dem erwähnten Geiger dämmert trotz oder gerade wegen seiner Verrücktheit, dass er aufs falsche Pferd gesetzt hat: "Da ist gleichgültig, was die Kunst kann. Sie ist lächerlich - lächerlich wie die Misshandlungen, die sich Künstler zufügen, nur um nicht zu scheitern."Hermann Nitsch bezieht sich auf Friedrich Nietzsche, Josef Beuys und Rudolf Steiner. Die Zeichen sind leichter geworden, und wenn John Bock (Jahrgang 1965) in Form und Material zur Neo-Avantgarde übergeht, führt im Geiste Helge Schneider Regie. Ein Fiat Panda wird über acht Katalogseiten gestreckt und mit viel Bock, Kartoffeln und Spiegeleiern beladen. Der in Berlin lebende Künstler aus Gribbohm bei Itzehoe krabbelt durch die Materialkisten der Alltags- und Bildungsbestände, als hätte Dieter Roth aus dem Jenseits einen Lieblingsschüler auserkoren. "Bauer, sauf aus! Bub, hol Wein!", sagt er oder: "Raus, und die Hyperbel geht nach Haus."Frauen lesen mehr und bekanntlich anders. Sie verschlingen zum Beispiel Romane einer Bestsellerautorin namens Ingrid Noll und scheinen mehrheitlich übereingekommen zu sein, dass dreistes Verschwörergehabe Zeichen von Emanzipiertheit ist. Und nicht merkwürdig. Als "Selige Witwen" streifen Cora und Maja in Nolls Schmöker Nummer sieben die geistige Hausfrauen- und Mutterrolle ab, um sich selbst zu verwirklichen. So weit, so positiv. Schade nur, dass die Autorin ihren Leserinnen Vorbilder empfiehlt, die jeden Mann an das Blondinchen und Dummchen aus dem Frisiersalon Ete Petete erinnern müssen. Zwei Klischees wollen etwas aus sich machen - alles, nur keine Ehegattinnen. Also entschließen sich diese "Schelminnen", Männern ans Erbe zu gehen und sich die sündteure Villa einer anderen in der Toskana zu erschleichen - inklusive Swimmingpool und leckerem Gärtner, versteht sich. Geht man nach diesem Roman, kriegen Frauen in Sachen "Selbstverwirklichung" wirklich nichts Eigenständiges auf die Reihe.Während die bösen Mädchen bis nach Italien vordringen können, schafft es der brave Bo gerade einmal bis ans Südende des Gotthard-Tunnels: Autounfall. Meine Damen, nehmen sie ihn zum Beispiel: "Bellinzona, Nacht": Während seine Frau im Koma liegt, macht sich Bo Sorgen, läuft panisch durch die Tessiner Kleinstadt, legt sich mit einem Luden an, dessen Dame ihm an die Wäsche will. Denn er liebt. Obwohl Martin Gülich seinem Helden von "Bellinzona, Nacht" den Jahresurlaub und den Traum von Italien vermiest, verhält sich sein Bo den Umständen entsprechend altruistisch. Ja, er quält sich sogar mit Erinnerungen an seine unglückliche Sozialisation zum Mann. Der Sozialisation zum treuen emanzipiert-biederen Gatten, welcher Ihnen, meine Damen, geben Sie es zu, im Zweifelsfall doch lieber ist als die Freundschaft mit selbstbesessenen Mörder-Ladys.Raymond Carver gilt als Meister der literarischen Verknappung.Dass sein berühmter "Minimalismus" nicht den ganzen, vielleicht nicht einmal den besten Carver ausmacht, beweist der soeben neu übersetzte Erzählband "Kathedrale".

Carlyle war in Schwierigkeiten. Er war den ganzen Sommer in Schwierigkeiten gewesen, seit Anfang Juni, als seine Frau ihn verlassen hatte."

Knapp und klar. Binnen weniger Sätze ist der Leser mitten in der Story. Sie heißt "Fieber" und findet sich in dem 1983 erstmals im amerikanischen Original erschienenen Band "Kathedrale", der soeben auf Deutsch erschienen ist - als dritter Teil der vom Berlin Verlag in chronologischer Reihenfolge edierten und neu übersetzten Ausgabe von Raymond Carvers Erzählungen.

Man könne über Carvers Werk nicht reden, meinte einst dessen Freund Geoffrey Wolff, "ohne über das Tempo seiner Anfänge zu reden". Carver selbst hat in seinem Essay "On Writing" (1981) seine Präferenz für Gedichte und Short Stories mit seiner geringen Aufmerksamkeitsspanne begründet. Schon Mitte der Sechzigerjahre habe er Schwierigkeiten gehabt, längere Prosatexte zu schreiben und zu lesen. Dagegen setzt Carver sein Plädoyer für die Zügigkeit: "Get in, get out. Don't linger. Go on."

Dabei ist Carvers Prosa alles andere als gehetzt. Und über ihren rigorosen Minimalismus ist viel spekuliert worden. Exemplarisch findet er sich in dem Band "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden" (1981), der Carver eine Nominierung für den Pulitzer-Preis eintrug. Allein schon ein flüchtiger Blick auf den Umfang der Erzählungen beweist, dass der Begriff "Minimalismus", über den Carver alles andere als erfreut war, in Hinblick auf "Kathedrale" wenig angebracht ist: Betrug der durchschnittliche Umfang der einzelnen Stories in "Wovon wir reden " gerade einmal acht Seiten, so sind es in dem nachfolgenden Band immerhin 20 Seiten.

Wesentlich aufschlussreicher als die schiere Statistik ist freilich der literarische Vergleich, der sich in einem Falle nachgerade aufdrängt. "Das Bad" ("Worüber wir reden ") und "Eine kleine, gute Sache" ("Kathedrale") greifen beide auf den gleichen Handlungskern zurück: Der achtjährige Scottie, dessen Mutter zwei Tage davor eine Geburtstagstorte bestellt hat, wird auf dem Schulweg von einem Auto angefahren. Zu Hause fällt er in eine Art Koma und muss ins Spital. Währenddessen ruft der zusehends unwirsch werdende Bäcker immer wieder bei den Eltern an, weil er die bestellte Torte endlich loswerden will. In der Erstversion "Das Bad", die mit ihren knapp zehn Seiten nicht einmal ein Drittel des Umfanges von "Eine kleine, gute Sache" ausmacht, bleibt alles in Schwebe, und die Geschichte endet mit dem unterspielten Pathos kalkulierter Ambivalenz: Das Telefon klingelt, Scottys Mutter hebt ab, eine Männerstimme meldet sich:
"Ja", sagte sie. "Ich bin Mrs. Weiss. Ist es wegen Scotty?"
"Scotty", sagte die Stimme. "Es ist wegen Scotty", sagte die Stimme. "Es hat mit Scotty zu tun, ja."

Ganz anders die Zweitfassung, die Robert Altman in seinem aus Motiven von Carver collagierten Film "Short Cuts" (1993) verwendet hat: Hier stirbt Scotty im Spital vor den Augen der Eltern. Als nach ihrer Heimkehr der Bäcker anruft ("Ihr Scotty, ich hab ihn fertig für Sie"), wird er von dem Ehepaar aufgesucht und zur Rede gestellt. Der Bäcker entschuldigt sich, und paradoxerweise ist es nun er, der den verzweifelten Eltern sein Leid klagt:

Sie nickten, als der Bäcker von der Einsamkeit sprach, und von dem Gefühl des Zweifels und der Begrenztheit, das in der Mitte seines Lebens über ihn gekommen war. Er erzählte ihnen, wie es war, all die Jahre über ohne Kinder zu sein. Sie hörten ihm zu. Sie aßen, so viel sie essen konnten. Sie verzehrten das dunkle Brot. Es war grell wie am Tag unter den Neonröhren. Sie redeten weiter, bis in den frühen Morgen hinein, der hohe fahle Lichtschimmer stand in den Fenstern, und sie dachten nicht daran zu gehen.

Viel ist über den Einfluss von Carvers Lektor Gordon Lish gerätselt worden, der einige von dessen Stories bis zu 70 Prozent gekürzt hat und der "wahre" Urheber des typischen Carver-Stils sein soll. Angesichts der Unterschiede zwischen "Das Bad" und "Eine kleine, gute Sache" scheint es freilich absurd, die eine Erzählung bloß als die Strichfassung der anderen zu betrachten. Dass Carver die lange Version in "Kathedrale" aufgenommen hat, nachdem die kurze bereits in dem zwei Jahre davor erschienenen (und noch von Lish betreuten) "Worüber wir reden " publiziert worden war, spricht jedenfalls dafür, dass er mit der ersten Fassung nicht zufrieden gewesen ist. In dem kurzen Aufsatz "On Rewriting" hat Carver dargelegt, dass er das Überarbeiten seiner Geschichten als wichtiger betrachtet als die erste Niederschrift, denn erst in diesem Prozess des Neu-Schreibens stoße er zum Kern der Erzählung vor - "into the heart of what the story is about".

Zehn Jahre lang war Carver schwer alkoholkrank gewesen. Als 1976 sein erster Band "Würdest du bitte endlich still sein, bitte" erschien, der die Summe eines 14 Jahre währenden Schriftstellerdaseins enthielt, hatte er bereits fünf Jahre hinter sich, in denen er der Auskunft seiner ersten Frau Maryann zufolge kein einziges Mal nüchtern gewesen war. Carver, der zweimal bankrott ging, seine Alkoholsucht mit ungedeckten Schecks finanzierte und unter anderem als Sägewerksarbeiter, Hilfskraft im Supermarkt, Bibliothekar oder Programmverkäufer in einem Kino jobbte, war zwischen 1976 und 1978 völlig arbeitsunfähig gewesen und hatte sich halb zu Tode getrunken.

Die Tiefpunkte familiärer Zerrüttung - in einem Streit verletzte Carver seine Frau durch einen Schlag mit einer Flasche lebensgefährlich; ein anderes Mal musste die gemeinsame Tochter eine Kaution bezahlen, um ihre trunksüchtigen Eltern aus dem Gefängnis freizubekommen - haben ihren Nachhall im Werk Carvers hinterlassen. "Wovon wir reden " und "Kathedrale" sind voll von Ehestreitigkeiten und mehr oder weniger aussichtsreichen Versöhnungsversuchen. Und doch unterscheiden sich die beiden Bücher in Tonfall und Gestus ganz erheblich voneinander. "Nur noch eins", die letzte Geschichte des früheren Bandes, endet mit einem Streit, der dazu führt, dass der Mann seine Frau und die gemeinsame Tochter verlässt:

Er sagte: "Ich will nur noch eins sagen." Aber dann fiel ihm nicht ein, was in der Welt das sein könnte.

Dieses Hilflos-Wutentbrannte, dieses Feststecken in der eigenen Haut, ist in "Kathedrale" einem versöhnlicheren Ton gewichen, den der Carver-Schüler Jay McInerney ("Bright Lights, Big City") an den letzten Sätzen der Geschichten festmacht: "Das Ende der üblichen Carver-Geschichte lässt dich am Rande eines Abgrunds stehen, in den du hinunterblickst. In ,Kathedrale' ist es eher so, dass du in den Himmel siehst, und die Sonne kommt heraus."

Es ist, weiß Gott, noch kein strahlender Tag, aber ein erster Silberstreif zeichnet sich ab.

Carvers Erzählungen wirken - und davon geht ja auch ein Teil ihrer Faszination aus - "wie aus dem Leben gegriffen". In gewisser Weise sind sie das auch. Wenngleich weit entfernt vom Klischee einer mit heißer Feder niedergeschriebenen Bekenntnisprosa greifen seine Stories auf eine ihm vertraute Welt zurück; auf Orte, Personen und Situationen, die sich benennen, identifizieren lassen.

Als größten Einfluss auf sein Schreiben hat Carver in seinem Essay "Fires" bezeichnenderweise nicht Tschechow oder Hemingway, sondern "meine zwei Kinder" angeführt. Die "grimmigen Jahre der Elternschaft" (Carver) definieren den Erfahrungs- und Imaginationshorizont eines Werkes, dessen Figuren von elterlichen Sorgen und Ängsten geprägt sind - was den Hass gegenüber den eigenen Kindern nicht ausschließt. In "Das Abteil" ist ein Vater auf dem Weg zu seinem Sohn, den er für die Trennung von seiner Frau verantwortlich macht und in einem Streit furchtbar bedroht hat. Während der Zugfahrt muss sich der Vater eingestehen, dass er seinen Sohn gar nicht sehen will.

Dennoch stehen die Erzählungen von "Kathedrale" unübersehbar unter dem Leitgedanken der Empathie. Das Unglück anderer Leute, wenn schon nicht aus eigener Erfahrung nachvollziehen, so doch begreifen zu können ist die nobelste Eigenschaft der Carver'schen Helden. Wobei man dieses Begreifen ruhig in seiner taktilen Bedeutung verstehen darf. In der Titelgeschichte versucht der Ich-Erzähler einem Blinden zu vermitteln, was eine Kathedrale ist, indem er eine zeichnet und die Finger des Blinden die Bewegungen des Stiftes mitvollziehen. Worauf sich die "Blickrichtung" sozusagen um 180 Grad wendet; der Erzähler versetzt sich in die Welt des Blinden hinein und zeichnet nun mit geschlossenen Augen:

"Na?", sagte er. "Guckst du jetzt?"
Meine Augen waren noch geschlossen. Ich war in meinem Haus. Das wusste ich. Aber es fühlte sich nicht so an, als wäre ich irgendwo drinnen.
"Das ist wirklich was", sagte ich.Am 13. Mai 2001 fand zum 24. Mal in der Geschichte der Formel 1 ein Grand Prix auf steirischem Boden statt. Der erste WM-Lauf fand 1964 noch auf dem Militärflughafen von Zeltweg statt; 1970 wurde dann erstmals der in satte grüne Wiesen asphaltierte Österreichring befahren, der 1997 nach zehnjähriger Formel-1-Pause in verkürzter Form und als A1-Ring wieder eröffnet wurde. All das und mehr ist dem von den Motorjournalisten Gerald Pototschnig (Kleine Zeitung) und Helmut Zwickl (Kurier) herausgegebenen "Ring-Buch" zu entnehmen, das zwar nicht nur optisch einer steirischen Fremdenverkehrsbroschüre gleicht, aber tolle Fotos von einer wirklich schönen Rennstrecke enthält.

Udo Taubitz in FALTER 3/2001 vom 19.01.2001 (S. 66)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Outland (Roger Ballen)
Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur (Vladimir Vertlib)
Das Ring-Buch (Helmut Zwickl)
Amrita (Banana Yoshimoto, Annelie Ortmanns)
Kismet (Jakob Arjouni)
Selige Witwen (Ingrid Noll)
Die Unwissenheit (Milan Kundera, Uli Aumüller)
Austerlitz (W.G. Sebald)
Die große Beleidigung (Wolf Wondratschek)
Neununddreißigneunzig (Frédéric Beigbeder, Brigitte Grosse)
Schmidts Bewährung (Louis Begley, Christa Krüger)
Das Fest des Ziegenbocks (Mario Vargas Llosa, Elke Wehr)
Maigret und der Fall Simenon (Maurizio Testa, Karin Fleischanderl)
Mein Studium ferner Welten (Alex Capus)
Gribbohm (John Bock, Eva Schmidt)
Pribers Paradies. Ein deutscher Utopist in der amerikanischen Wildnis (Ursula Naumann)
Kathedrale (Raymond Carver)
Robbie Williams (Hamish Brown)
Aiko T. (Michel Comte)
Herren (Warwick Collins, Thomas Mohr)
Unpolitische Erinnerungen (Erich Mühsam)
Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika (Ror Wolf)
Im Verborgenen (Serge Daney, Johannes Beringer)
Im Grenzland (Sherko Fatah)
Das Traumpaar (Jörg Uwe Sauer)
Bellinzona, Nacht (Martin Gülich)
Mostly People (Erika Stone)

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