Adams Eltern
Expeditionen in die Welt der Frühmenschen

von Stephanie Müller, Friedemann Schrenk, Timothy G. Bromage

€ 8,20
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Naturwissenschaft
Umfang: 255 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.02.2002

Rezension aus FALTER 12/2002

Paläoanthropologen fragen nach den ersten Dingen, dem Übergang vom Vormenschen zum Menschen. Und schreiben populärwissenschaftliche Bücher darüber. Diese wiederum sagen oft mehr über die eigenen Eitelkeiten und Fallstricke der Disziplin aus als über die Frage, wer zuerst aufrecht ging.

An Wortspielen herrscht kein Mangel: Paläoanthropologen verrichten eine Knochenarbeit und stehen auf dem Boden der Tatsachen. Yves Coppens hat den Begriff von der "East- Side-Story" geprägt, wonach der Mensch aus Ostafrika stammt. Und seine größte Entdeckung, ein zu vierzig Prozent erhaltenes Skelett einer 3,2 Millionen Jahre alten Hominidenfrau, nannte der französische Forscher Lucy – 1973 waren die Beatles noch en vogue.
In "Lucys Knie" informiert Coppens nicht nur über den neuesten (seinen) Stand der Paläoanthropologie, er erzählt auch die Geschichte der eigenen Disziplin, von den Neandertalfunden Mitte des 19. bis zu den aufwendigen Ostafrika-Expeditionen des späten 20. Jahrhunderts. Coppens nimmt also eine Doppelrolle ein, ist gleichzeitig Fachhistoriker und Beteiligter. Während er sich über (namentlich allerdings nicht genannte) Kollegen lustig macht, spart er bei sich nicht mit peinlichem Selbstlob – und verwickelt sich so in einen bezeichnenden Widerspruch. Einerseits betont er die Willkür in der Konstruktion der Hominidenstammbäume durch die Paläoanthropologen, denen ein fossilierter Backenzahn genügt, um eine neue Linie zu postulieren und auch zu taufen. Andererseits sieht sich Coppens selbst nicht als Teil eines ohnehin nicht abschließbaren Forschungsprozesses und vertritt sehr dezidierte Ansichten hinsichtlich Alter, Abfolge und Verbreitung von Australopithecus afarensis, Homo erectus & Co.
So besagt eine Lieblingsthese Coppens', dass über lange Zeit die natürlichen Gegebenheiten bestimmend für die Entwicklung der Hominiden waren, dann aber vermehrt und immer schneller die kulturellen Errungenschaften, vor allem die Werkzeugherstellung, zu den entscheidenden Faktoren wurden. Dafür haben andere den Begriff des Big Bang der Kultur geprägt und diesen vor 60.000 bis 80.000 Jahren angesiedelt. Coppens verlegt diesen gut zwei Millionen Jahre nach hinten. Kurz: Jeder Forscher reklamiert diese Kulturrevolution für die Epoche, über die er selbst gerade arbeitet. Das eigene Feld muss mit Bedeutung aufgeladen werden, um finanzielles und symbolisches Kapital zu akquirieren. Dazu passt Coppens' "Triumphalismus": Der Homo sapiens und seine unmittelbaren Vorfahren haben derart Herausragendes geleistet, dass sich Coppens berufen fühlt, dem menschlichen Geschlecht eine große Zukunft zu prophezeien. Wer von den ersten Dingen weiß, darf auch auf die letzten schließen. Ein lehrreiches Buch also – wenn auch nicht in der Weise, wie vom Autor beabsichtigt. Auch das deutsch-amerikanische Forscherduo Friedemann Schrenk und Timothy Bromage macht sich auf die Suche nach "Adams Eltern". Anders als Coppens arbeiten sie aber die Vorläufigkeit und die kulturelle Prägung von Forschungsergebnissen heraus. Und sie machen klar, dass man besser von einem Stammbusch denn von einem Stammbaum spricht, einem nichtlinearen Abstammungsgewächs voller Seitenlinien, das die Gleichzeitigkeit verschiedener Arten der Vor- und Frühmenschen behauptet.
Aber auch Schrenk und Bromage wollten sich auf der Landkarte der Hominidenfunde verewigen und starteten das Hominid Corridor Research Project (HCPR) im "warmen Herzen Afrikas", dem kleinen Land Malawi. Malawi liegt zwischen den bedeutendsten Fundorten in Südafrika bzw. in Ostafrika (Kenia und Äthiopien). Da unsere Vorfahren aber nicht fliegen konnten, mussten sie auch Spuren in Malawi hinterlassen haben.
Theoretisch zumindest – denn viele Paläoanthropologen finden ihr ganzes Leben keinen einzigen Hominidenzahn. Auch das HCRP förderte jahrelang nur fossile Tierknochen aus der malawischen Erde, was ihm den Spitznamen "Schweine- und Antilopenkorridor- Projekt" einbrachte. Schrenk und Bromage machten aus der Not eine Tugend, indem sie die Paläoökologie, den Lebensraum in seiner Ganzheitlichkeit, rekonstruierten. Dann aber, nach acht Jahren, hält Tyson Mskika, einer ihrer einheimischen Grabungshelfer, den Unterkiefer eines Hominiden in Händen.
Während bei Coppens außer Lucy quasi keine Afrikaner vorkommen, blenden Schrenk und Bromage die Kultur und Menschen ihres Gastlandes nicht aus. Sie erzählen, wie sie mit der Hilfe eines Witchdoctors einen Dieb ausfindig machen, Skorpionstiche ertragen und die beunruhigten Bewohner überzeugen, dass sie keine Leichen ausgraben. Allenfalls Bruchteile davon.Einer der ersten und erfolgreichsten Popularisatoren der Paläoanthropologie ist Richard Leakey. Mit seinen Funden am Turkanasee und Büchern wie "Wie der Mensch zum Menschen wurde" ist der Autodidakt weltberühmt geworden. Der englischstämmige Kenianer hat es gar noch zu einer zweiten Karriere gebracht, als ihn Präsident Moi im April 1989 zum Leiter der staatlichen Naturschutzbehörde (KWS) ernannte. Der Elefantenbestand war seit 1979 um 75 Prozent zurückgegangen. Statt Buddeln nach Hominidenzähnen war nun ein beinharter Kampf gegen Wilderer und raffgierige Politiker angesagt. Auch darüber hat Leakey ein Buch geschrieben. "Wildlife" ist eine Heldengeschichte, von einem, der auszog, die Elefanten zu retten und in seinem Kampf gegen das Böse schwerste Prüfungen zu bestehen hat. Leakey kann sich nur noch mit Leibwächtern bewegen, verliert beim Absturz seiner Cessna beide Beine unterhalb des Knies (er vermutet Sabotage) und muss sich vorhalten lassen, die Tiere seien ihm wichtiger als die Menschen in der Nähe der Nationalparks. Ja, gar einen bewaffneten Staatsstreich mit seinem nun auf Vordermann gebrachten und gut ausgerüsteten KWS plane er.
Die Autobiografie ist etwas moralinhaltig, enthält ein Quäntchen Verfolgungswahn und auch eine Portion Rechthaberei. Geschenkt – die Analysen und die Einblicke wiegen das bei weitem auf. Sie reichen vom internationalen Elfenbeinhandel über das erstaunliche Sozialverhalten der Dickhäuter bis hin zur kenianischen Innenpolitik: den Krebs der Korruption, die allmähliche Demokratisierung in den 1990ern, die Instrumentalisierung von Stammesrivalitäten durch Politiker der allmächtigen Einheitspartei und die Konflikte zwischen Naturschutz und wirtschaftlichen Erwägungen.
Leakey stilisiert sich zum Mann der Tat. Er lässt 2000 Stoßzähne öffentlichkeitswirksam abfackeln, um den Markt auszutrocknen, nützt seine weltweiten Kontakte zum Spendensammeln, entlässt mehr als die Hälfte seiner 3000 Mitarbeiter und geht gnadenlos gegen Wilderer vor. Als er an politischem Rückhalt verliert und die Verleumdungen zunehmen, tritt er 1994 zurück. Bittere Ironie der Heldengeschichte: Die Kredite, die Leakey von der Weltbank für seinen KWS erhalten hatte, flossen dann in den Korruptionssumpf.

Oliver Hochadel in FALTER 12/2002 vom 22.03.2002 (S. 29)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Wildlife (Richard Leakey, Virginia Morell, Sebastian Vogel)
Lucys Knie (Yves Coppens, Fritz R. Glunk)

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