Lehrjahre des Gammelns

von Marek Lawrynowicz, Renate Schmidgall

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Verlag: C.H. Beck
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 20/2002

Falencia ist nicht so bekannt wie Valencia, schon allein, weil der SK Falencia lange nicht so bekannt ist wie der FC Valencia. Der SK Falencia hat aber seinerzeit ein Unentschieden gegen den SK Radosc erreicht, wobei Ersatztorhüter Wisna, der König der Vorortezüge, (fast) alles gehalten hat - sehr zur Begeisterung einer Clique um den Icherzähler.

Falencia, unweit von Warschau gelegen, ist vermutlich nicht gerade der Ort, wo der Papst im Kettenhemd tanzt. Aufregend muss es dennoch gewesen sein, damals in den Sechzigerjahren: Schlägereien gegen übermächtig scheinende Gegner wie den Jabol (Obstwein) vernichtenden Bumcek; sanfte Lehrer, die sich in Schülerinnen verlieben und darob verrückt werden; schweinische Schuldirektoren, die man mittels subversiver Affirmation (kollektive Abfeierung des Genossen Gomulka während des Turnunterrichts) los wird; und natürlich Mädchen, die einem den Kopf verdrehen und schon mal einen Strip hinlegen.

Der 1954 geborene Marek Lawrynowicz lässt diese Personenkonstellation, die auch einer Dorfgeschichte des vorletzten Jahrhunderts entnommen sein könnte, auf der kleinen Flamme des Anekdotischen dahinköcheln; allerdings nicht ohne einen kräftigen Schuss Schwermut, denn all die Geschichten, die sein Roman "Lehrjahre des Gammelns" enthält, werden dem Jugendfreund Józef erzählt, der im Epilog zu Grabe getragen wird. Und auch die einstige Geliebte der beiden Freunde ist mittlerweile weniger Schatten ihrer selbst als zwei Öltanks: eine fette, kaum wiederzuerkennende Frau. So geht nicht nur die Jugend den Bach runter: "Alles verweht der Wind, alles verwischt der Regen."Falencia, das ist bei Andrzej Stasiuk nur ein Kaff an der endlosen Peripherie von Warschau, und die Protagonisten des Romanes "Neun" (dem neunten Werk des 1960 geborenen Autors) sind zum Teil in einer derart desperaten Verfassung, dass sie für die melancholische Kontemplation ihrer Jugend keine Zeit haben. "Kindheit", so heißt es einmal, das ist die Zeit, "als es noch niemandem in den Sinn kam, dass die Wirtschaft die Welt erlösen könnte." Mittlerweile geht es ums nackte Überleben, nicht zuletzt, weil sich Typen wie Pawel wirtschaftlich überhoben haben und die 200 Millionen Zloty seit einem halben Jahr schuldig sind - und das ist lebensbedrohlich.

Stasiuks Roman über den Alltag einer Handvoll von "Geschäftsleuten" mehr oder weniger kriminellen Zuschnitts ist eine virtuose Kamerafahrt durch ein Warschau, dem jeglicher pittoresker Charme abhanden gekommen ist: "Die nächsten fünf Kilometer kam nichts, nur Hallen, Hangars, die Höllenschlünde der Autofabrik, verschlossen hinter himmelhohen Stahlwänden, bis zum Horizont Industrie."

Stasiuk schreibt mit sicherem Gespür für atmosphärische Valeurs und einer Vorliebe für Vergleiche, die die Ästhetik der Heruntergekommenheit poetisch überhöhen und die urbanen Unorte mit "blassem Zementlicht" überflutet. Die Figuren haben keine Biografie, die sich erzählen, die Stadt keine Topographie, die sich souverän überblicken ließe. Am Ende befinden sich Pawel und Jacek zwar über den Dächern von Warschau, aber die Aussicht ist in jedem Sinne schlecht: "Die Hochhäuser der Innenstadt gingen in dem grauen Regen unter, als hätte es sie nie gegeben, die beiden standen jetzt auf einer seltsamen schwarz glänzenden Insel."

Klaus Nüchtern in FALTER 20/2002 vom 17.05.2002 (S. 64)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Neun (Andrzej Stasiuk, Renate Schmidgall)

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