Hitlers Kriminalisten
Die deutsche Kriminalpolizei und der Nationalsozialismus

von Patrick Wagner

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Verlag: C.H. Beck
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 41/2002

Zwei unterschiedliche Bücher über das Reichssicherheitshauptamt bzw. den NS-Polizeiapparat erklärte auch, warum Hitlers Vollstrecker willig waren und was mit ihnen nach 1945 geschah.

Die Auseinandersetzung mit dem zentralen Thema der deutschen (wie österreichischen) Geschichte des 20. Jahrhunderts hat in den letzten Jahren durch aufsehenerregende Studien von Daniel Goldhagen, Götz Aly, Ian Kershaw und anderen neue Ausrichtungen erfahren. Der mörderische Antisemitismus gilt als Schlüssel zum Verständnis der nationalsozialistischen Herrschaft. Dieser Neudimensionierung entwachsen derzeit detaillierte Studien, die Biografien und Institutionen nach den neuen Maßstäben darzustellen und zu erklären suchen.

Das im September 1939 offiziell gegründete Reichssicherheitshauptamt (RSHA) war eine Kerninstitution, die die verbrecherische Politik der Nationalsozialisten getreulich und durch Zuarbeiten befolgt hat. Der deutsche Zeithistoriker Michael Wildt hat nun eine umfassenden Analyse dieser dynamischen Bürokratie vorgelegt. Nicht nur die wechselvolle Geschichte des RSHA und seiner Vorläuferinstitutionen sind Thema, auch einzelne Personen, deren Biografien oft bruchlos in die BRD hineinreichen, werden dargestellt.

Unter den jungen, meist nach 1900 geborenen und akademisch gebildeten Mitgliedern der "Weltanschauungselite" galt es, drei Prinzipien treu zu bleiben: der elitären Gemeinschaft, dem Glauben an Führerschaft und der geschichtlich notwendigen Tat. Aus diesem Kanon erklärt sich für Wildt die Bereitschaft gebildeter und sozial angesehener Männer, mörderische Verbrechen zu begehen. Nachdem sich das radikale Konzept der SS-Führer Himmler und Heydrich durchgesetzt hatte und der "verreichlichte" Polizeiapparat mit der SS faktisch zusammengelegt worden war, konnte eine neue, moderne "Exekutive der rassistischen Volksgemeinschaft" entstehen.

Ihre Mitglieder waren bereit, die spezifische Dynamik, die aus dem Druck der (für das Naziregime so typischen) Konkurrenz verschiedener rivalisierender Institutionen resultierte, zu nutzen und zu einer "kämpfenden", tatsächlich mordenden und vernichtenden Verwaltung zu werden. Die im Krieg entstehende personelle wie administrative Schwäche des RSHA wurde als Mittel zur Radikalisierung und Entgrenzung für die völkischen und rassistischen Ziele des Nationalsozialismus eingesetzt. Das begann in Polen 1939, setzte sich bei den Einsatzgruppen in der Sowjetunion 1941 fort und erreichte einen monströsen Höhepunkt mit der planmäßigen Verschleppung und Liquidierung des Großteils der ungarischen Juden 1944.

Die Darstellung dieser Zuspitzung hat leider einen Schwachpunkt. Während Wildt für das Entstehen des RSHA in den Vorkriegsjahren auf die dualistische Konzeption des emigrierten Politologen Ernst Fraenkel zurückgreift und den NS-Polizeiapparat als Zusammenwirken von maßnahmen- und normenstaatlichen Prinzipien versteht, verzichtet er auf eine weiterführende theoretische Fundierung der radikalisierten Politik mit Kriegsbeginn.

Das hätte sich aber durchaus angeboten. Fraenkels Konzept, entworfen 1938, wurde nach 1940 von anderen emigrierten Politologen kritisiert, weil es sich nicht mehr als hinreichend für die Analyse der maßlosen und kriegerischen Politik des NS-Regimes erwies. Wenn Wildt nun seinerseits feststellt, dass das RSHA ab 1939 "Fraenkels analytische Trennung hinter sich ließ und sich allein auf Grundlage von Rasse und Volk definierte", so bestätigt er, was insbesondere Franz Neumann aufgezeigt hat - ohne dessen theoretisches Konzept zu integrieren: Der Nationalsozialismus entwickelte sich zum alles verschlingenden Behemoth. Und das RSHA, lässt sich hinzufügen, war dabei eine zentrale, böse Kraft. So aber wirkt Wildts umfangreiche Studie an zentraler Stelle strukturlos - nämlich bei der Erklärung der Entgrenzung als Kennzeichen nationalsozialistischer Praxis. Eine viel kürzere, mit weit weniger Faktenfülle geschriebene Analyse legt Patrick Wagner mit "Hitlers Kriminalisten" vor. Das Lesevergnügen und der Erkenntnisgewinn sind nicht verloren gegangen, im Gegenteil. Die thematische Beschränkung auf das im RSHA untergebrachte "Amt V" ermöglicht es Wagner, die Transformation eines vor wie nach dem Naziregime einflussreichen Exekutivorgans exemplarisch vorzuführen. Die Darstellung aus Sicht kriminologischer Betätigung ergibt bei gleichem Motiv nuancierte Unterschiede zu Wildt: Produzierte die Vereinigung der Kriminalpolizei mit der Gestapo zur Sicherheitspolizei einen "fortwährenden Radikalisierungsdruck", so herrschte zugleich ein dynamischer Geist rassistischer Überzeugungen innerhalb der Kripo vor. Zwei Momente auf dem Weg zur mörderischen Praxis wirkten hier zusammen.

Die Kriminalpolizei wurde von ihren führenden Repräsentanten als eine qua Kriminalprävention gesellschaftsaktive Institution angesehen. Zentral war dabei die Einteilung von "Berufsdelinquenten" nach "kriminalbiologischen" Kriterien - und deren Ausschaltung. Während aber die Chefs der Kripo bis 1945 und danach sozialhygienischen Argumenten folgten, waren die wahren Gründe für vor Ort tätige Beamte schnell ersichtlich: Krieg, Zerfall, Unsicherheit steigerten die Anzahl der Delikte mehr, als den Nazischergen lieb sein konnte.

Ein Verdienst kommt beiden Büchern zu: Sie zeigen anhand einzelner Beispiele, wie hohe Beamte des Naziregimes in der BRD wieder in Amt und Würden kamen. Die Opfer der Reaktivierungspolitik wie auch des guten Gewissens der Täter waren dabei nach 1945 oft dieselben wie davor.

Thomas König in FALTER 41/2002 vom 11.10.2002 (S. 33)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Generation des Unbedingten (Michael Wildt)

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