Die Zumutung
Roman

von Sabine Gruber

€ 19,50
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.09.2003

Rezension aus FALTER 8/2003

Das Hotel ist vielleicht nicht der statistisch relevanteste, wohl aber der schlechthin klassische Ort des Betrugs. Wenn sich zwei Menschen an der Rezeption als Mr. und Mrs. Smith eintragen, stehen die Chancen darauf, dass es sich tatsächlich um das Ehepaar Smith handelt, wohl kaum höher, als dass, sagen wir, Mr. Smoergasbord und Mrs. Fitzwater einen zünftigen Ehebruch im Sinne haben. Häufiger noch als der zielstrebig in kurzzeitig angemieteten Hotelzimmern vollzogene ehebrecherische Geschlechtsverkehr ist derjenige, der einfach "passiert", weil die Umstände - sagen wir: Betriebsausflug - günstig sind.

Ein spezieller Fall liegt dort vor, wo zwei miteinander ins Bett gehen, aber dann eh nichts "passiert" - man sich also erst recht die Frage stellen muss, was da nun eigentlich passiert sei. Von einem solchen erzählt Evelyn Schlag in ihrem Roman "Das L in Laura". Die günstige Gelegenheit ist hier ein internationales Dichtertreffen in Lissabon, an dem die glücklich verheiratete Titelheldin ganz ohne Hintergedanken teilnimmt; und dass ihre Reise von der Freundin als Alibi missbraucht wird, um ihren Mann zu betrügen, bereitet ihr einige Skrupel. Aber dann lernt sie David kennen - und vom ersten "Hi" und einem gemeinsamen Ausstellungsbesuch ist es nur ein kurzer Weg ins Bett, in dem dann erstaunlich wenig passiert: "Sie lag mit einem geschiedenen Mann im Bett und er mit einer verheirateten Frau, die ihren Mann liebte."

Noch einmal werden die beiden miteinander im Bett landen, und wieder wird "eigentlich" nichts passieren. Als Laura nach Brüssel fliegt, erfindet David ein Symposium, um sich aus den Armen seines jungen Lovers davonzustehlen (denn "eigentlich" ist David schwul und hat seit zehn Jahren mit keiner Frau geschlafen) und 23 Stunden mit seiner österreichischen Geliebten zusammen zu sein, zu der er eine fraglos erotische, aber nahezu körperlose Beziehung unterhält. Die beiden kommunizieren fast ausschließlich über E-Mail, und, wie es so geht unter Lyrikern, über Gedichte - seien es eigene, seien es welche von Shakespeare, W.H. Auden et al. "Sie waren das letzte Experiment des untergehenden Zeitalters des gedruckten Worts, ein letzter verzweifelter Versuch zu beweisen, dass man in der Sprache leben konnte. Nicht in der Sprache, als Sprache", heißt es an einer Stelle nicht ganz unpathetisch über das verbose Verhältnis der beiden.

Laura selbst vermutet, zu viel zu lesen und außerhalb des Lebens zu stehen. "Dabei wollte sie etwas mitteilen, aber diskret." In diesem Diskreten der Mitteilung liegt Schlags Kunst, aber auch ein bisschen das Problem des Romans. Es ist gewiss ästhetisches Kalkül, dass Lauras Ehemann, den sie während all der Zeit eigenem Beteuern nach mehr liebt als je zuvor, so etwas wie das leere Zentrum des Textes darstellt - eine Art Gravitationskraft, die Lauras Denken und Wahrnehmen bestimmt (in Lissabon wendet sie sich dem abwesenden Gatten zu, zeigt ihm die Dinge, die sie sieht); aber indiskretere Leser hätten schon ganz gerne etwas mehr über ihn erfahren.Diskretion ist eine Haltung, die der Ich-Erzählerin in Sabine Grubers Roman "Die Zumutung" nicht zu Gebote steht: Marianne leidet unter chronischer Glomerulonephritis, was salopp und wenig charmant mit "Schrumpfniere" ausgedeutscht werden kann und zur Folge hat, dass Marianne mit hoher Wahrscheinlichkeit weiß, woran sie einmal sterben wird. Abgesehen von den unmittelbaren körperlichen Auswirkungen, die sich in tastbaren Wasserablagerungen im Körper unangenehm und unschön manifestieren, hat die Krankheit einen durch strenge Diät und unaufhörliches Trinken reglementierten Alltag zur Folge.

All das wird völlig ohne Selbstmitleid abgehandelt, weswegen es auch kein bisschen kokett wirkt, wenn das erste Kapitel mit der Imagination des eigenen Begräbnisses beginnt: Aus dem Sarg heraus beobachtet und kommentiert Marianne das Verhalten ihrer Verwandten, Bekannten und Freunde, die sich dann - nach der Rückkehr des Romans ins ramponierte Leben - auch als nur begrenzt fähig erweisen, mit Mariannes Krankheit umzugehen. Erna, ständig auf der Suche nach einem oder vielmehr dem Mann, fragt sich, "woher nimmst du nur diesen ständigen Durst?"; der Geliebte, Paul, vergräbt sich in Italien in irgendwelchen Archiven und interessiert sich für die Vergangenheit des Fascismo mehr als für die eigene Gegenwart; und Exfreund Leo faselt etwas von "Krankheit als Chance", obgleich er zugibt, dass er "ein solches Leben" nicht aushalten würde - worauf Marianne trocken erwidert: "Ich auch nicht."

Und schließlich gibt es noch Beppe, einen aus der Form gegangenen Dekorationsmaler, der mit seinem stattlichen Gewicht gleich einmal einen Chihuahua zu Tode sitzt und sich mit einer gewissen Hartnäckigkeit um Marianne bemüht. Die beiden landen denn auch im berüchtigten Hotel Orient, wo sich Beppe, der seit drei Jahren mit keiner Frau mehr geschlafen hat (Marianne: "Soll ich dich jetzt bemitleiden?"), schnell unter die Bettdecke flüchtet. Dort passiert dann herzlich wenig, und Marianne wird sich, mittlerweile allein gelassen, zum Begleitgestöhne aus dem Nebenzimmer selbst befriedigen. Aber ein Anfang ist gemacht, und Beppe scheint sich zumindest auf die "Erotik des Zuhörens" zu verstehen.

Ohne auf die Schockwirkung kruder Körperlichkeit abzuzielen, zeichnet Gruber scharf und unsentimental, aber nicht ohne Empathie ein Bild ihrer Protagonistin, deren Krankheit ihre Wahrnehmung in einer unerbittlichen Weise fokussiert - etwa wenn sie das Gesicht einer Patientin im Wartesaal der Nierenambulanz beschreibt: "Die Haut spannte sich über ihr Gesicht, als wäre das Blut darunter zu Pudding geronnen. Es war kostbarer Transplantiertenpudding, um den ich sie beneidete. Gegen die Antikörper halfen nur Immunsuppressiva und Kortikosteroide, die das Gesicht aufschwemmten . Wer so aussah wie sie, hatte es hinter sich."

Klaus Nüchtern in FALTER 8/2003 vom 21.02.2003 (S. 63)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das L in Laura (Evelyn Schlag)

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