Die Macht der Dinge
Geschichte und Theorie sakraler Objekte

von Karl-Heinz Kohl

€ 30,80
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Philosophie, Religion/Religion
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.08.2003

Rezension aus FALTER 51/2008

Exotik in der Gegenwart

Mitte November eröffnete das Museum für Völkerkunde
(MVK) die erste Abteilung seiner Schausammlung. Bei der Vernissage zitierte Generaldirektor Wilfried Seipel ein Gedicht Friedrich Schillers: "Wer zählt die Völker, nennt die Namen, die gastlich hier
zusammenkamen."
Der ebenfalls anwesende deutsche Ethnologe Karl-Heinz Kohl runzelte die Stirn. Schiller und die Ethnologie? Bei dem deutschen Dichter stehen die "rohen Völkerstämme" um den europäischen Herrn der Welt herum wie "Kinder verschiednen Alters um einen Erwachsenen".
Kohl erklärt sich den Fauxpas aus der institutionellen Hierarchie: "Hier oben ist die Kunst, da unten die Ethnologie." Der Leiter des Kunsthistorischen Museums besucht seine Kolonialabteilung.
Kohl weilt ein Gastsemester lang am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien. Unlängst kritisierte er, dass die Museen an der traditionellen Aufteilung in Kunst und Ethnologie festhielten. Kunstmuseen lösten die Objekte aus ihrem Kontext und präsentierten sie in ihrer ästhetischen Einmaligkeit, während Völkerkundemuseen sie als Fetische, Ahnenstatuen oder Alltagsobjekte ausstellten.
Heute seien sie zwar nicht mehr Beweisstücke für die mentale Inferiorität kolonisierter Völker. Am Prinzip der Kontextualisierung hätten die meisten Museen aber festgehalten. Man müsse den Besuchern doch erklären, lautet die Begründung der Kustoden, wie die Menschen in der Dritten Welt leben.

"Rekonstruierte Kontexte fremder Lebenswelten sind Lüge", schreibt Kohl. Ein Plastikkübel wirkt auf westliche Museumsbesucher erbärmlich. Sie können gar nicht ermessen, was für eine Arbeitserleichterung er für Frauen bedeutet, die früher Tontöpfe auf ihrem Kopf trugen.
Wie fand der Religionsethnologe denn nun die neue Wiener Museumspräsentation, die die Religionen Asiens zum Thema hat? "Erfrischend originell, zukunftsweisend."
Einerseits würde die didaktische Überfrachtung des Kontextualismus vermieden, also Objekte nicht durch Textmassen erdrückt. Zum anderen stünden die Objekte nicht allein als Kunstwerke da. "Man versucht, einen dritten Weg zu gehen, indem man mit der Opposition Kunst/Nichtkunst bricht." Hellenistisch beeinflusste Steinreliefs des 2. Jahrhunderts sind in der von Kustos Christian Schicklgruber erarbeiteten Ausstellung ebenso zu sehen wie billige Opfergaben made in China.
"Die Schau zeigt sehr schön die Formenvielfalt religiöser Verkörperungen", erläutert Kohl. Das Heilige zeigt sich in Vietnam etwa in einer goldfarbenen Altarbüste des Revolu­tionärs Ho Chi Minh, einer für den Konfuzianismus nicht untypischen Art der Heiligenverehrung: Der Stadtgott von Shanghai ist ein hoher Beamter des 12. Jahrhunderts.
Die wuchtige Architektur der Neuen Burg, die eigentlich als Repräsentationsbau der Habsburger geplant war, ist für Kohl kein Nachteil für eine museale Widmung. "Nichts ist schwerer, als einen white cube zu bespielen." Dem Thema war der Rahmen nicht abträglich. "Die Aura der Herrschaft lässt sich gut mit jener des Religiösen zusammenbringen. Das Problem ist: Wie geht es weiter?"
Für die Renovierung weiterer Abteilungen fehlt noch immer das Geld. Die schrittweise Eröffnung berge aber auch eine Chance, befindet der Wissenschaftler. Die Abteilungen könnten in ihrer Heterogenität die Vielfalt der Kulturen spiegeln.
Bei ihrer Gründung vor rund 100 Jahren waren Völkerkundemuseen populäre Orte des Exotischen. In Dioramen lieferten afrikanische Hütten, ausgestopfte Tiere und in traditionelle Kleider gehüllte Wachsfiguren eine Vorstellung davon, wie es in den Tropen sein könnte. Dann kamen Kino und Fernreisen. Was nun?
Während die Museen alter Kunst am abendländischen Kanon weiterfeilen, halten ethnografische Museen, Themen wie Globalisierung und Migration aufgreifend, mit der Gegenwart Schritt – wie das Wiener MVK, aber auch aktuelle Beispiele in Berlin und Paris zeigen.
Allerdings entstanden die Sammlungen noch in der Kolonialzeit, sind also Dokumente der Unterdrückung. In Wien ist eine aztekische Federkrone das Symbol dieser Debatte. Kohl hält eine Restitution nicht für die richtige Lösung. "Man könnte die Federkrone so präsentieren, dass an ihr deutlich wird, wie die mittelamerikanischen Kulturen systematisch ausgeraubt und zerstört wurden."
Der Ethnologe sieht in den Sammlungsobjekten Boten anderer Kulturen. "Was hätten wir davon, wenn jede Kultur nur noch auf sich selbst beharrt?" Allerdings plädiert Kohl dafür, dass Boten auch in die andere Richtung geschickt werden: "Man könnte etwa einen Arcimboldo aus dem Kunsthistorischen Museum nach Lagos geben."

Von der geplanten Fusion von MVK und Volkskundemuseum hält Kohl übrigens nichts. Die Aufteilung von Kunst und Volkskunst folge der Hierarchie der europäischen Feudalgesellschaft; stets sei die Kunst des Volkes stark von der Hochkultur beeinflusst worden.
Außereuropäische Kulturen dagegen hätten sich autonom entwickelt, brachten eigene Stile hervor, die keine Klassenabstände widerspiegeln. "Ich fände eine Zusammenführung herabsetzend."

Matthias Dusini in FALTER 51/2008 vom 19.12.2008 (S. 36)


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