Was ist europäisch?
Reden für einen gastlichen Erdteil

von Adolf Muschg

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Verlag: C.H. Beck
Erscheinungsdatum: 01.01.2005

Rezension aus FALTER 42/2005

Confoederatio Europae

Der Nicht-EU-Bürger Adolf Muschg räsoniert über die Geschichte des Kontinents und hat einige Vorschläge.

Reden für einen gastlichen Erdteil. Der Untertitel des neuesten Sachbuchs von Adolf Muschg lässt erahnen, dass der Schriftsteller, Sprach- und Literaturwissenschaftler fest an Europa glaubt. Vor rund einem Jahr war der Schweizer, der seit 2003 Präsident der Berliner Akademie der Bildenden Künste ist, als Redner bei den Essener Krupp-Vorlesungen zu Politik und Geschichte geladen. Seine vier Vorträge, in denen er die Frage nach einer europäischen Identität umkreist, liegen nun in Buchform vor.
Wie nebenbei bietet Muschg dabei einen Leitfaden durch die politische und kulturelle Geschichte des Kontinents von der Antike bis ins 21. Jahrhundert und verknüpft historische Erfahrungen mit der Gegenwart. Da sind einmal die vielen Erfahrungen der Teilung, des Untergangs und der Metamorphose – so die Dreierformel, mit der Muschg eine europäische Spezifität ausmacht; Alexander der Große, Napoleon und Hitler – Letzterer als "personifizierter Ungeist Europas" – sind die drei Namen dazu.
Und immer wieder Grenzen: Europa sei im 20. Jahrhundert an eine vorher nie da gewesene Grenze der Zivilisation gestoßen. Doch gerade in der Erfahrung des Nationalsozialismus und des Holocaust, dieses "Schwarzen Lochs", liege die verbindende Grundlage für einen Versuch einer Einigung. Freilich wiederum über den Weg einer Teilung, die 1989 völlig unerwartet eine totale Wende nahm.
Wer über Europa spricht, kommt schwer um die Frage der geografischen Grenzen herum: Wo beginnt das nichteuropäische Ausland? Muschg möchte die "europäische Grenzangst" entkräften und anderseits die "berechtigte Sorge vor Entgrenzung und Grenzenlosigkeit" vertiefen. Grenzenlosigkeit heißt für ihn zum Beispiel, die Türkei in die EU zu holen. Seine Position ist klar: Die EU darf als "Zweckverband zur Sicherung ihrer eigenen Errungenschaft" nicht "kaputtgedehnt" werden. Es gibt für Muschg eine sehr reale Grenze des Fassungsvermögens der Union.

Eine sehr konkrete Antwort bietet Muschg auch auf die Frage der realpolitischen Umsetzung der Union. Er ist nämlich nicht nur ein überzeugter Europäer, sondern auch ein überzeugter Schweizer. Und in der Confoederatio Helvetica sieht er das Vorbild für eine Europäische Union, die nur dann nachhaltig bestehen kann, wenn sie über eine Wirtschaftsgemeinschaft hinausgeht. Wie die Schweiz nur den Bund, die confédération, darstellt, die Menschen aber Zürcher, Appenzeller oder Tessiner bleiben, soll die Europäische Union – weit entfernt von einer Supranation – ein loses Bündnis von Verschiedenen sein: "Nichts mehr und nichts Geringeres als die sensible Summe seiner Teile, die ihrerseits kein Ganzes, und doch eigen-sinnige und autonome Einheiten sind."

Sabina Auckenthaler in FALTER 42/2005 vom 21.10.2005 (S. 51)


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