Consumed!
Wie der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt

von Benjamin Barber

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Beck, C H
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Erscheinungsdatum: 15.02.2008

Rezension aus FALTER 16/2008

Ich will! Ich will!

Benjamin Barber, 69, ist einer der einflussreichsten Politikwissenschaftler der USA. Barber ist seit seinem vor zwölf Jahren erschienenen Buch "Dschihad gegen McWorld" auch in Europa bestens bekannt. Er unterrichtet an der Universität Maryland. In seinem neuen Buch "Consumed" beklagt er, wie "der Markt Kinder verführt, Erwachsene infantilisiert und die Demokratie untergräbt". Kommenden Dienstag stellt Barber sein Buch in der Reihe "Genial dagegen" vor, einer Kooperation von Kreisky-Forum und Falter.

Falter: Was ist so schlecht am Konsumismus?
Benjamin Barber: Nichts ist schlecht am Einkaufen, nichts ist schlecht am Kapitalismus, nichts ist schlecht am Kommerz. Schlecht ist, wenn es nichts anderes als Shopping mehr gibt, wenn wir dauernd dem Kommerz ausgesetzt sind. Es ist nichts daran zu kritisieren, wenn die kommerzielle Seite ein Teil eines pluralistischen Lebens ist, in dem wir auch andere Dinge tun, in dem wir auch spielen und einkaufen und beten, uns mit unseren Kindern beschäftigen, Sport betreiben, in dem wir auch Kunst und Liebe machen und auch einmal einen Spaziergang ...
... aber das tun wir doch alles!
Nein, das ist der Punkt. In einer durchkommerzialisierten Gesellschaft passiert nahezu alles, was wir tun, für Geld, für Profit. Wir gehen laufen, das stimmt, aber erst, wenn wir uns einen schicken Turnschuh gekauft haben. Musik hören wir, nachdem wir uns einen iPod gekauft und für viel Geld Musik raufgeladen haben. Jede Aktivität wird eine kommerzielle Aktivität. Das betrifft sogar die Politik und die Kirchen: Die Politik dreht sich nur um Spenden für die Kandidaten, und bei den Fernsehpredigern geht es auch nur um Geld. In den Künsten ist die zentrale Frage geworden: Lässt sie sich verkaufen? Das ist Hyperkonsumismus.
Und der hat einen gefährlichen Einfluss auf unseren Charakter?
Ja, weil wir glauben, dass wir sind, was wir kaufen. Wir sind, was wir anhaben. Das ist die neue Identitätspolitik, eigentlich: Identitätsshopping. Darum dreht sich ja alles beim Branding: dass die Produkte nicht mit ihrem Gebrauchswert oder ihrer Qualität assoziiert werden, sondern mit einem Lifestyle. Du fährst einen Geländewagen, damit du als harter Typ erscheinst, selbst wenn du nie die Stadt verlässt. Oder du kaufst einen Toyota Prius, damit alle sehen, dass du ein grüner Bobo bist.
Das heißt aber doch auch, dass diese Leute wissen, wer sie sein wollen, und diese Identität mit Waren zum Ausdruck bringen.
Nein. Du kaufst gesundes Essen, um zu zeigen, dass du gesund und dünn bist. Du brauchst gar nicht wirklich dünn zu sein. Du musst gar kein Leben führen, das die Umwelt schont, es reicht, wenn du dir einen Prius kaufst. Die Marke ist der Ersatz für authentisches Verhalten.
Sie sagen, der Konsumismus infantilisiert die Menschen.
Um Menschen dazu zu bringen, dass sie Dinge kaufen, die sie nicht brauchen, müssen sie infantilisiert werden. Erwachsene Menschen, die vernünftige Entscheidungen zu treffen imstande sind, müssen zu kopflosen Kindern gemacht werden, die an der Supermarktkasse nur "Ich will, ich will" rufen.
Konsumenten sollen wie Kinder agieren, aber Kinder sollen auch zu Konsumenten werden ...
Ja, so ist es. Der Hintergrund von all dem ist ein Kapitalismus, der so erfolgreich ist, dass die meisten echten Bedürfnisse der meisten Menschen in den entwickelten Ländern gestillt sind. Also, wie kann man da die Maschine am Laufen halten? Wenn man uns nicht dazu bringt, Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, dann bekommt der Kapitalismus echte Probleme. Man sieht das gerade jetzt in den USA. Wir stehen ja an der Schwelle zur Rezession. Was sagt Präsident Bush? Dass wir die Leute in die Shoppingmall bringen müssen, sie müssen wieder mehr ausgeben. Obwohl wir eine negative Sparrate haben, gibt man den Menschen mehrere hundert Millionen Dollar, damit sie einkaufen gehen. Man sagt: Egal, ob du ein Haus brauchst oder du dir eines leisten kannst, du musst es kaufen, weil wir es verkaufen müssen. Auf lange Sicht ist das ein Desaster für den Charakter der Menschen.
Aber wenn die Menschen nicht einkaufen, wäre es auch ein Desaster – und zwar nicht nur auf lange Sicht, sondern ziemlich unmittelbar.
Klar, wenn die ganze Welt wie Paris oder Charlottenburg aussähe. Unglücklicherweise für die Welt und glücklicherweise für den Kapitalismus gibt es viele Regionen der Welt, wo es noch echte Bedürfnisse zu stillen gibt. Auch in der entwickelten Welt gibt es noch genügend wichtige Dinge zu tun. Das Problem ist aber auch, dass wir einen Kapitalismus haben, der keine Risiken eingehen will. Unternehmer zeichneten sich bisher immer dadurch aus, dass sie Geschäftsideen hatten, nützliche Dinge entwickelten, und wenn es klappte, hatten sie Erfolg, wenn es nicht klappte, gingen sie bankrott. Heutzutage werden die Risiken sozialisiert. Wenn eine Bank kracht, dann rettet sie die Regierung. Wenn Chrysler eine dumme Strategie fährt, zahlt der Steuerzahler.
Was wären das für nützliche Dinge, die der Kapitalismus heute entwickeln könnte?
Wir wissen, wie schlecht unsere Abhängigkeit von Öl ist – ökonomisch, ökologisch, politisch. Alternativenergien sind ein vitales Bedürfnis. Es gibt neue Herausforderungen für die Architekten und die Bauwirtschaft – nehmen sie nur das Desaster von New Orleans. Solarenergie, gesundes Wasser für die Dritte Welt – es gibt genug zu tun.
Die Freunde der freien Marktwirtschaft würden jetzt sagen, dass es doch genügend Firmen gibt, die
in diesen Branchen investieren.
Wieso sollte das also nicht der Markt regeln?
Ich bin doch nicht gegen den Kapitalismus! Aber die heutigen Kapitalisten wollen sichere Gewinne, aber keine Risiken. Sie lassen es nicht zu, dass neue Märkte entstehen. Hinzu kommt: Es braucht eine Balance. Kapitalismus braucht auch immer demokratische Kontrolle, ein Regelwerk, einen funktionierenden Staat. Nach dreißig Jahren Deregulierung gibt es keine Balance mehr.
Der Konsumismus ist gefährlich für die Demokratie?
Man sagt uns, Freiheit hat mit Wahlmöglichkeiten am Markt zu tun, mit der Auswahl, die der Konsument hat. Das ist aber nicht die Art von Freiheit, die die bürgerliche Freiheit meint. Die wichtigen Entscheidungen, die unsere Gesellschaften prägen, sind nicht das Ergebnis privater Konsumentenentscheidung, sondern von demokratischen, öffentlichen Entscheidungen. Wenn Sie nach Los Angeles gehen, dann haben Sie eine unendliche Freiheit, was die Mobilität betrifft: Sie können zwischen 200 Automarken wählen, aber es gibt ein Ding, das nicht zur Auswahl steht: öffentlicher Personenverkehr. Den gibt es nicht. Die wichtigsten Dinge für eine freie Gesellschaft sind öffentliche Entscheidungen – und die kann der Markt nicht ersetzen.

Robert Misik in FALTER 16/2008 vom 18.04.2008 (S. 14)


Rezension aus FALTER 11/2008

Homo shoppiensis

Das Konsumieren ist in Gerede gekommen. Das ist insofern schon bemerkenswert, als die "Kommerzkritik" ja in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ihren ersten Höhepunkt erreicht hatte, von Vance Packards "Geheimen Verführern" bis etwa zu Wolfgang Fritz Hauggs "Kritik der Warenästhetik". Später wurde eher "der Kapitalismus" als Ganzes kritisiert bzw. dessen greifbarere Schattenseiten: dass er ungerecht sei, dass er dafür sorge, dass in der Dritten Welt die Kinder verhungerten oder dass er chronische Instabilitäten produziere. Aber das Kaufen selbst, der Hunger des Konsumenten nach dem immer Neuen, die Verstrickung des Verbrauchers in "das System", schien kaum von großem Interesse. Und Werbung? Darüber schrieb man eine ganze Weile lang keine kritischen Bücher mehr.
Erst in den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Von "No Logo" (Naomi Klein) bis "Haben-Wollen" (Wolfgang Ullrich), von "No Shoppig" (Judith Levine) bis "Gute Marken, schlechte Marken" (Stefan Kuzmany) – zunehmend wird die Frage aufgeworfen, was die Konsumkultur aus den Menschen macht, was das denn für ein Wesen sei, der Homo shoppiensis. Er sei, meint Benjamin Barber nun, nicht gerade die Krone der Schöpfung. Die Totalkommerzialisierung mache nicht nur Kinder zu Konsumenten, sondern Konsumenten zu Kindern. Überraschungseier würden an der Supermarktkasse so präsentiert, dass die Kinder garantiert "Ich will" rufen – aber auch Erwachsene würden darauf gedrillt, immer "Ich will" zu rufen. Der Konsumkapitalismus hat demnach sein spezifisches Ethos – ein infantilistisches. Man will Dinge haben, schnell haben, unkompliziert haben, und die Güter werden wie Spielzeug beworben, was ihrer Funktion oftmals auch entspricht. Barbers Schlüsselthese: Vor hundert Jahren war der Kapitalismus durch das, was Max Weber sein "protestantisches Ethos" nannte, noch mit gewissen Tugenden verbündet, heute sei er jedoch verbündet mit Lastern. Die Folgen: Narzissmus, Verantwortungslosigkeit, Verschwinden des Bürgersinns, Kulturverlust.
Barbers Streitschrift lappt mehr als nur ein wenig in Richtung Klagelied, und der Sinn für Ambivalenzen ist nicht die größte Stärke dieses Autors – das konnte man schon bei früheren Büchern bemäkeln, etwa bei seinem mittlerweile berühmten "Jihad vs. McWorld" (1995). Barber ist ein amerikanischer Linksliberaler mit einer starken Prise konservativem Kulturpessimismus. Nur: Falsch sind die Dinge deswegen noch lange nicht, die er schreibt. Im Gegenteil: Schon sein Buch "Jihad vs. McWorld" brachte eine Weltkonstellation auf einen griffigen Nenner, noch bevor irgendjemand von El Kaida gehört hatte.

Robert Misik in FALTER 11/2008 vom 14.03.2008 (S. 39)


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