Der weiße Tiger
Roman

von Aravind Adiga

€ 20,50
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Übersetzung: Ingo Herzke
Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 319 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.03.2015

Rezension aus FALTER 42/2008

Und Balram ging nach Bangalore

Schonungslos schildert der in Mumbai lebende Korrespondent der Financial Times Aravind Adiga in seinem ersten Roman "Der weiße Tiger" das Indien der Gegenwart. Der Roman hat die Form einer Serie von Briefen an den chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao. Allerdings verliert der Autor bald das Interesse an dieser immer fadenscheiniger wirkenden Konstruktion. Der eigentliche Adressat, so scheint es, ist ein Publikum, das seine Vorstellungen von Indien aus Ayurveda-Therapien bezieht und dem der Autor gern das "wahre Indien" zeigen möchte.
Erzählt wird die Geschichte eines armen Dorfjungen aus "der Finsternis", wie der Autor die ländlichen Regionen Indiens nennt. Die Darstellung weckt Erinnerungen an Dante: Der erste Kreis der indischen Hölle umfasst die Küstengebiete, von dort geht es Ring für Ring landeinwärts bis in den neunten Kreis, dem Sitz der indischen Regierung, wo der Teufel, oder besser die schwarze Göttin Kali, die Schlimmsten aller "Schwesternficker" verschlingt. Der Weg des Protagonisten zum Unternehmer im indischen Softwarezentrum Bangalore, ist eine Reise vom Inneren der Hölle an ihre Peripherie – und wird von dort aus rückblickend kommentiert.
Den braven Dorfjungen aus der Kaste der Zuckerbäcker möchte ein Weibsteufel in Gestalt seiner Großmutter zu einem Leben als "menschliche Spinne" verdammen, wie Adiga die Gehilfen in Teehäusern nennt. Dann aber ermöglicht sie ihm die Ausbildung zum Fahrer und schießt ihm 300 Rupien für die Ausbildung vor, verlangt jedoch einen ruinösen Return on Investment, nämlich seinen gesamten Lohn.
Balram, der diesen Namen von einem Lehrer erhalten hat, erweist sich als loyaler Familienmensch und folgt der großmütterlichen Vorgabe. Er findet Arbeit beim Sohn eines Kohlebarons, der in Delhi Politiker besticht, um der Einkommenssteuer zu entgehen. Balram dient diesem als Quasi-Familienmitglied aufopfernd, verlangt freilich auch von seinem Herrn und Vorbild einen ähnlich starken Familiensinn. Als dieser von seiner Frau Pinky Madam verlassen wird und sich nicht der Tradition gemäß verhalten kann, verliert Balram den Respekt vor seinem Herrn, bringt ihn um, flieht mit seinem Geld und lässt sich als Unternehmer in Bangalore nieder.

Als zynischer Kommentator indischer Verhältnisse erscheint Balram in seiner rückblickenden Brieferzählung. Er verurteilt die Gesellschaft als "Hühnerkäfig", sieht aber auch die Möglichkeit, daraus persönlichen Vorteil zu ziehen. Andere Menschen behandelt er nur so lange anständig, bis sie seinen Ambitionen nicht im Wege stehen; überschreiten sie diesen Punkt, wird er brutal. Seine Kritik gilt der Korruption, Ungerechtigkeit und Unfähigkeit politischer wie administrativer Organe und ihrem Ordnungsprinzip des Kastenwesens. Dieses möchte er durch ein freies, aus seiner Sicht menschenfreundlicheres Spiel ersetzt sehen: die Marktkräfte des Kapitalismus.
Nun ist es durchaus legitim, die indische Gesellschaft von einem neokonservativen Standpunkt aus zu kritisieren. Wenn das allerdings unter dem Vorwand geschieht, die Geschichte eines Dorfjungen zu erzählen, verkommt Literatur zur Propaganda. Die Figur des Balram mag naiv, beschränkt und schließlich zynisch sein; die Kolonialisierung durch einen neokonservativen Intellektuellen hat sie sich dennoch nicht verdient.

Dem weißen Neokolonialismus verleiht Aravind Adiga ein buntes Lokalkolorit, er camoufliert sein politisches Pamphlet als indische Erzählung. Damit ergeht es ihm wie vielen, im Sinne der Aufklärung erzogenen indischen Intellektuellen: Er denkt für die Briten, Amerikaner, Europäer, kurz, für den Westen – und nimmt, nebstbei, die Chinesen nicht ganz Ernst. Hätte er den britischen Premier oder den US-amerikanischen Präsidenten als Adressaten seiner Romanbriefe gewählt, er hätte wohl das Gefühl gehabt, sich damit literarisch lächerlich zu machen. Dies ist die indische Seite von Kiplings "The White Man's Burden".

Christian Zillner in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 17)


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