Papst und Teufel
Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich

von Hubert Wolf

€ 15,40
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Umfang: 360 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.06.2016

Rezension aus FALTER 42/2008

Die unheilige Allianz von Schafen und Wölfen

Vor neun Jahren war es fast so weit. 1999 rief Papst Johannes Paul II. eine Historikerkommission ins Leben, die Rolle der katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg sollte endlich untersucht werden. Sie scheiterte indes am (berechtigten) Anspruch, ungehinderten und unbegrenzten Zugang zum Archiv zu erhalten. Dieser wurde ihr verweigert, woraufhin sich die Kommission wieder auflöste, ehe sie ihre Arbeit überhaupt aufgenommen hatte. In der Folge machte der Vatikan (unter starkem öffentlichem Druck) lediglich die Aktenserien aus dem Pontifikat Pius' XI. zugänglich, das von 1922 bis 1939 dauerte.
Mit den wirklich großen Enthüllungen über das Verhältnis des Vatikan zum nationalsozialistischen Deutschland im Allgemeinen und Auschwitz im Besonderen kann deswegen auch Hubert Wolf nicht aufwarten: Diese können wohl, wenn überhaupt, erst erwartet werden, wenn sich der Heilige Stuhl dereinst entschließen sollte, den Aktenbestand des Pontifikats Pius' XII. (1939–1958) freizugeben. Und das kann noch dauern.
Was der renommierte Kirchenhistoriker der Universität Münster in
seinem Buch mit dem etwas großspurigen Untertitel "Die Archive des
Vatikan und das Dritte Reich" hingegen unternimmt, ist eine detaillierte und zugleich übersichtliche Darstellung der Beziehungen zwischen dem Vatikan und Nazideutschland bis 1939 – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Über weite Strecken bestätigt sich dabei das Bild, das seinerzeit bereits Rolf Hochhuth in seinem Bestsellerdrama "Der Stellvertreter" und hernach eine Reihe von Historikern gezeichnet hatten: Der Vatikan war zugunsten eines intakten diplomatischen Verhältnisses zu Nazideutschland nicht bereit, anhaltende Kritik am 1933 installierten Regime zu üben.

Wolf belässt es jedoch nicht bei dieser hinlänglich bekannten Feststellung, sondern – und darin liegt die besondere Qualität des Buches – liefert eine detailreiche und stets spannend zu lesende Analyse der Entscheidungsfindungsprozesse, wie sie zwischen den deutschen Bischöfen auf der einen und dem Papst beziehungsweise seinem Chefdiplomaten Eugenio Pacelli, als Pius XII. später selbst Oberhaupt der katholischen Kirche, auf der anderen Seite abliefen. In dieser Hinsicht aufschlussreich ist auch die Vorgeschichte dazu, die Wolf mit Pacellis Amtszeit als päpstlicher Nuntius in München und Berlin (1917–1929) beginnen lässt.
Die als Reaktion auf den sich verschärfenden Antisemitismus gegründete, sich dezidiert gegen jeglichen Antijudaismus wendende Priestergemeinschaft Amici Israel wurde durch ein päpstliches Dekret in dieser Zeit ebenso wieder aufgelöst, wie ihre Forderung abgeschmettert wurde, die katholische Liturgie von antijüdischen Elementen zu reinigen. An der Formulierung "perfide Juden", für die in der Karfreitagsliturgie – nebst Protestanten und Heiden – gebetet wurde, ließ der Papst nicht rütteln.

Zu einer gezielten Offensive gegen den Nationalsozialismus wollte sich Pius XI. erst kurz vor seinem Tod aufraffen – doch wurde er darin von seinem obersten politischen Berater und Nachfolger, Pacelli, merklich ausgebremst. Denn längst war das sogenannte "Reichskonkordat" unter Dach und Fach, der Vertrag zwischen den Nationalsozialisten und der katholischen Kirche, in dem sich die beiden Parteien zu gegenseitigem Respekt verpflichteten.
Pacelli hielt mit heiligem Eifer an diesem fest. Er verzichtete sogar darauf, Hitlers "Mein Kampf" auf den päpstlichen Index zu setzen. Und eine Exkommunikation des "Führers", wie sie selbst Mussolini in Anbetracht des antikirchlichen Aktivismus Hitlers beim Vatikan betreiben wollte, stand außerhalb jeder Diskussion.
Mit tatkräftiger Unterstützung Pacellis hat sich Pius XI. letztlich für einen "typisch römischen Kompromiss zwischen Dogma und Diplomatie" entschieden, bei dem katholisches Obrigkeitsdenken einmal mehr den Sieg davontrug. Öffentliche Proteste gegen die antisemitischen Verbrechen der Nazis wurden von vereinzelten katholischen Würdenträgern bisweilen zwar vernehmbar.
Der Heilige Stuhl selbst beließ es aber, wenn überhaupt, bei vagen Unmutsbekundungen. Und auf Bittschriften verfolgter Juden und Jüdinnen reagierte er stets auf dieselbe Weise: gar nicht. Denn immerhin, und auch dieser Aspekt kommt bei Wolf nicht zu kurz, konnten sich der Vatikan und der Nationalsozialismus stets von neuem auf einen gemeinsamen Feind einigen: In ihrem Hass auf den "Kommunismus" standen sich die beiden Lehren in nichts nach.

Fritz Trümpi in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 50)


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