Überm Rauschen
Roman

von Norbert Scheuer

€ 18,40
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 167 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.09.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Kein Fischen im Drüben

Klug und risikofroh: Norbert Scheuers "Überm Rauschen"

Der schlanke Roman von 166 Seiten hat Erfolg: Er wurde in der FAZ vorabgedruckt und für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Vorweg gesagt: völlig zu Recht. Der Roman riskiert einiges und scheut nicht die Grenze zum Selbstmitleid, das nach dem neuesten Wörterbuch der Gemeinplätze männlich und es in diesem Roman auch wirklich ist; er neigt auch zur Kumulation von Schicksal, wie es dem (Familien-)Leben an Flüssen wohl zugestanden werden muss.
Der Autor, Jahrgang 1951, knüpft mit Bedacht an Früheres an. "Kall, Eifel" – so hieß Scheuers 2006 erschienenes Prosabuch – ist erneut der Schauplatz. Dieser real existierende Ort und dieser Landstrich haben das Zeug, zu einer unverwechselbaren Gegend der deutschen Erzählgeografie zu werden. Die Chronistenrolle, die im neuen Roman dem Vater zugewiesen wird, ist vom Autor längst schon besetzt. Das Verhältnis von Erzählen und Beschreiben wird auf eine ungewöhnliche Weise und im Wortsinne ins Bild gesetzt: Der berühmt-berüchtigte Erzähl-Fluss wird immer wieder unterbrochen von Fisch-Zeichnungen des Sohnes des Autors, versehen mit lakonisch-bedeutsamen Bildunterschriften.
Kall, kürzer als Faulkners unaussprechliches Yoknapatawpha ("Wasser, das langsam durch die Ebene fließt", so hat es der Erfinder übersetzt), ist die Eifellandschaft Norbert Scheuers. Im Vergleichsmaßstab angebracht wäre freilich Graham Swifts Roman "Waterland", der eine Kindheit in den unter dem Meeresspiegel gelegenen Fens im Osten Englands beschreibt.

Ein Fluss und eine Kindheitsgeschichte spielen in Scheuers neuem Roman, real wie symbolisch, die Hauptrolle. Der mehrdeutige Titel "Überm Rauschen" lässt es ahnen. Wohlgemerkt: nicht nur das Rauschen, sondern auch der Rauschen. Das weiß man hierorts wohl nur dank des Ich-Erzählers Leo, der eine erfreuliche Neigung zum Konkreten an den Tag legt. Die elterliche Gastwirtschaft, direkt am Fluss gelegen, beschreibt er so: "Von der Terrasse aus kann man zum Fluss hinuntersehen, bis zur Stelle vor dem Rauschen, wo das Wasser für die Zehnermühle abzweigt. Der Rauschen, so nennen die Leute auch heute noch das Wehr, weil das Wasser dort tosend in die Tiefe stürzt." Mit dieser Ortsangabe scheint man in eine Szenerie der literarischen Idylle versetzt – rauschendes Wasser samt Mühle und eine Gastwirtschaft als Erzähllokal – und zugleich in deren unaufhaltsamen Sturz . Die Idylle hat es hier auch gar nie gegeben: Der Familienroman der Arimond ist ein Schauerroman, geprägt von Gewalt, Grausamkeit und einer Sexualität, die sich davon nicht unterscheidet.
Es ist die Kunst des Autors, dass er dieses Familiendrama und den illusionslos gesehenen Strukturwandel einer Provinz(gesellschaft) nicht beschönigt, dass er aber auch keine routinierte, geheimnislose Antiidylle abliefert. Nie läuft er Gefahr, das einfache Leben auf dem Lande ein weiteres Mal als solches zu beschwören. Der Ich-Erzähler sieht in dem Kaff auch nur den einen Sinn: von dort abzuhauen. Vom Glück des Entronnenseins ist freilich kaum eine Spur zu finden.
Die Erzählgegenwart sind ein paar Tage des Jahres 1996, nicht der Reihe nach erzählt. Der 45-jährige Ich-Erzähler steht jetzt buchstäblich mitten im Fluss und versucht sein Glück in der Kunst des Fliegenfischens – in der er gegenüber seinem Vater und Bruder Hermann nur Niederlagen einzustecken hatte. Für diese beiden war es denn auch eine Obsession, die beim Vater in das alkoholische Delirium und bei Hermann, dem Sohn und älteren Bruder, in den realen Wahnsinn führte. Und auch der Ich-Erzähler, zunehmend vom Alkohol berauscht, erliegt jetzt immer mehr diesem Fischen, das ihm einst so verhasst war: auch er ein gestrandeter Glücksfischer.
Leo, der Erzähler, ist nach vielen Jahren nur deshalb wieder in seinen Geburtsort zurückgekehrt, weil Hermann sich in seinem Zimmer verbarrikadiert und lange zuvor schon alle Symptome eines Verrückten an den Tag gelegt hat. Im Kaff und in der Familie kursieren dunkle Gerüchte, dass dies mit dem Tod der mysteriösen Holländerin zu tun habe, die Hermanns große Liebe war. Die naturgemäß bösartigen Gerüchte besagen, dass Hermann schuld an ihrem Tod sei. Ihre Leiche wurde unter der Eisdecke des Flusses entdeckt, zu einem Zeitpunkt, als dieser nicht rauschte. Umso mehr rauschten die Gerüchte. Davor war es umgekehrt: Den ungleichen Brüdern verschwammen im Rauschen die Geräusche der Gastwirtschaft und der elterlichen Gewalt. Dem ununterscheidbaren Rauschen der Gleichgültigkeit widersetzt sich dieser Text mit seiner Artikulation der Verletzungen und des Schmerzes, den Frösten des Ausbruchs.
A.S. Byatt hat einmal bemerkt, dass der Roman des 19. Jahrhunderts ausschließlich von der Suche nach dem wirklichen Vater bestimmt sei. Scheuers Familienroman ist ein einziges Drama der Vaterschaft. Jedenfalls ist der, der Vater genannt wird, nicht der leibliche Vater. Ungewiss ist ferner, welcher der vielen Liebschaften ihrer schönen Mutter die zwei Brüder und drei Schwestern entstammen. Von dieser Mutter heißt es – zum Zeitpunkt der Gegenwartshandlung ist sie dement in einem Altersheim –, sie habe nach dem frühen Unfalltod ihres geliebten ersten Mannes Valentin die Liebe verloren. Sie schläft mit (fast) jedem, der in ihrer Gastwirtschaft aufkreuzt: Zum Unglück ihres zweiten Ehemanns, der sich immer mehr aufs Fliegenfischen, Trinken und Zuschlagen verlegt.

Der Roman moderiert diese Krassheiten und die fast ständige Gewalt auf eine sehr zarte und dezente Weise. Das ist große Kunst. Sie hat ihren Preis dort, wo jedes symbolische Potenzial abgerufen wird, das sich anbietet. Von Melville, Hemingway und Hochgatterer abwärts ist alles aufgeboten, was (Fliegen-)Fischen, Fließen, Leben und Erzählen gemeinsam haben (könnten). Die Reihe soll nur zeigen, wie dicht das Gewebe des Bedeutens und des Bedeutsamen schon ist. Scheuers Roman ist aber erzählerisch ungemein klug: Die angeführten Gemeinplätze werden derart an die redenden Figuren delegiert, dass die Fragwürdigkeit des Urteils und der Urteilenden stets sichtbar bleibt, auch die des Erzählers.

Karl Wagner in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 25)


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