Chinas Angst vor der Freiheit
Der lange Weg in die Moderne

von Helwig Schmidt-Glintzer

€ 11,30
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Verlag: C.H.Beck
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Umfang: 149 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.08.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

Crashkurs China

Ich lese nicht gerne Bücher über das heutige China. Denn wenn man einen Ort als zweite Heimat gewählt hat, will man nicht immer von außen erklärt bekommen, was man denn da gerade so erlebt. Besonders von Leuten, die sich nur kurz oder gar nicht in diesem Land aufgehalten haben. Trotzdem: Es war eine gute Erfahrung, vor dem endgültigen Umzug Ende des Jahres das aktuelle Chinabild des Westens in Buchform Revue passieren zu lassen und dabei von Chinesen und hängengebliebenen Westlern umgeben zu sein, denen man weinend vor Lachen (oder Ungläubigkeit) von den Absurditäten der Lektüre berichten kann.
Doch diese Bücher wollen erst mal bei einem ankommen, was gar nicht so einfach ist. Man fährt dafür durch das pulsierende Beijing zum internationalen Postamt, einem Relikt der alten (noch echt kommunistischen) Zeit, die ja mit der neuen rasanten (quasikapitalistischen) koexistiert. Hat man schlussendlich die Bücher in der Hand, reißen sich alle darum. "Darf ich auch mal was über China lesen?", fragt die chinesische Kollegin. "Ich schreib jetzt auch ein Buch über China", gesteht die österreichische.
Das neue Selbstbewusstsein des aufstrebenden China, dessen Ambitionen sich gerade in den 60. Nationaltagsfeierlichkeiten am 1. Oktober vor allem militärisch manifestiert haben, ist allgegenwärtig im herbstlichen Beijing. Hier gibt es keine Frage, welche Stellung das Land in der Welt einnehmen will. Natürlich eine in der ersten Reihe. Für uns wäre es an der Zeit, uns auch einmal direkt mit den vielfältigen Stimmen aus China auseinanderzusetzen. Denn die Neuerscheinungen zur Frankfurter Buchmesse spiegeln die Realität sehr gut wider: Noch immer gibt es etwa achtmal mehr Übersetzungen aus dem Deutschen ins Chinesische als umgekehrt.

Die Historiker
Jonathan Spences "Die Rückkehr zum Drachenberg. Ein Exzentriker im China des 17. Jahrhunderts" beschreibt den Gelehrten und Essayisten Zhang Dai, der den Untergang der letzten Han-chinesischen Dynastie, der Ming-Dynastie, miterlebte. Spence ist nicht nur ausgewiesener Experte für diese Epoche, sondern auch für das moderne China. Auch ohne Vorkenntnisse über die Ming-Dynastie und ihren Verfall fühlt man sich nach der Lektüre in der chinesischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts zuhause.
Dies ist nicht nur Spences genauem und gleichzeitig literarisch genussvollem Umgang mit den Quellen zu verdanken, sondern auch der historischen Person Zhang Dai, der eine Fülle von Essays und genaue politische und philosophische Analysen der Ming-Dynastie und mikrohistorisch facettenreiche Biografien seiner Familienmitglieder hinterließ. Er wählte Verwandte aus, die einen besonderen Charakter hatten, auch wenn dadurch negative Eigenschaften zum Vorschein kamen. Ein Festmahl für jeden Historiker, der nicht nur ein exquisites Mahl mit detaillierter Speisenfolge vorfindet, sondern gleichzeitig einen Fundus an Grundnahrungsmitteln, aus dem er schöpfen kann.
Man erfährt von der damaligen Vergnügungssucht, die sich im Besuch von kunstsinnigen Prostituierten, dem Teegenuss, dem Abhalten von Theaterspielen oder dem Sammeln kunstvoller Laternen für das Mondfest zeigte, von der Härte des Beamtenprüfungssystems, auf das sich manche Familienmitglieder ein Leben lang vorbereiteten. Die Beziehungen innerhalb der Familie, der Charakter der Großmutter, der Schwiegermutter, das Los der verstoßenen Konkubinen und die manchmal schwierige Beziehung zum Vater und Großvater treten plastisch hervor. Die Geschichte der Ming-Dynastie wird bis zu ihrem Untergang beschrieben, der auch der Untergang der Familie war. Zhang Dai zog sich in die Berge in einen Tempel zurück, denn er wollte sich nicht den Mandschuren unterwerfen.
Laut Zhang Dai besteht das "Problem mit Geschichtswerken" darin, "dass jene, die dazu in der Lage wären, sie nicht schreiben, wohingegen jene es tun, die es besser unterließen". Im Fall dieses Werks kann man sagen, dass sowohl Zhang Dai als auch Jonathan Spence dazu in der Lage waren – und es zum Glück für die Leser auch taten.
Chin Annpings "Konfuzius – Geschichte eines Lebens" wagt sich an die bekannteste historische Gestalt Chinas heran und zeichnet das Porträt eines Mannes, der mit dem Leben, der Gesellschaft und den Fürsten seiner Zeit sehr streng war. Auch er wurde in Zeiten des Umbruchs geboren und wanderte 14 Jahre lang weit entfernt von seiner Heimat umher. Während uns Zhang Dai durch sein selbstverfasstes umfangreiches Werk näherkommt, lernen wir Konfuzius nur durch die Aufzeichnungen seiner Anhänger kennen.
Chin Annping sieht ihr Werk als Gegenentwurf zur ersten Konfuzius-Biografie, 300 Jahre nach dessen Tod von Sima Qian veröffentlicht, dem wichtigsten chinesischen Historiker aus der Han-Zeit, der die Tradition des Verfassens von Dynastiegeschichten begründete. Ihrer Meinung nach hatte Sima Qian eine zu ausgeprägte Fantasie und schmückte Lücken gerne mit lehrreichen moralischen Aussagen aus. Diese Lücken galt es zu öffnen und klaffen zu lassen, damit der historische Konfuzius wieder in den Vordergrund treten konnte. Weiters profitiert das Werk von einem Bambustäfelchenfund von 1993, in dem Konfuzius erwähnt wird und der ein neues Licht auf die Forschungsergebnisse wirft.
Konfuzius war das Kind armer Eltern, ein Gelehrter, der sich hocharbeiten musste. Einmal wäre er fast auf einer Reise verhungert. Zu seiner Zeit wurde sein Wissen nicht unbedingt gewürdigt. Er wollte am öffentlichen Leben, an menschlichen Beziehungen aller Art teilnehmen und sich nicht als Einsiedler zurückziehen. Anerkennung fand er erst, als seine Anhänger in gute Stellungen gelangten und sich dort bewährten. Sie holten ihn später zu sich und überzeugten ihre Fürsten von der Wichtigkeit und Richtigkeit der konfuzianischen Denkweise. Am Ende scheint Konfuzius sich in einen alten Mann verwandelt zu haben, der moralisch und im Sinne der Riten alles richtig machen wollte und seinen Zeitgenossen als zu pedantisch erschien. So nahm er zum Beispiel nicht Platz, ehe seine Matte gerade lag. Dies sind Dinge, die man auch vorher schon gewusst hat, aber nach der Lektüre des Buches hat man das Gefühl, Konfuzius ohne mythische Verklärung vor sich zu sehen.

Der chinesische Beobachter
Einen umfassende Einblick in die Abgründe und Nischen der heutigen chinesischen Gesellschaft bietet der Schriftsteller und Untergrundmusiker Liao Yiwu (geb. 1958) mit seinen Reportagen "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten". Der Blick aus dieser Richtung ist nichts für Zartbesaitete. Die Interviews mit Menschen, die gesellschaftlich ganz unten verortet sind, wurden vom Autor zum Teil aus dem Gedächtnis niedergeschrieben: Stimmen aus Chinas schwärzester Vergangenheit und Gegenwart werden hörbar und beinahe fühlbar. Liao Yiwu saß selbst nach dem Tiananmen-Massaker von 1989 wegen eines Gedichts im Gefängnis, seine Bücher sind in China verboten. Ein Schwerpunkt des Buchs ist die Beschäftigung mit dem Tod und den ihn umrahmenden Berufen wie Totenrufer, Leichenschminker, Trauermusiker, aber auch mit Leprakranken – ein anderer jene Gestalten, die der wirtschaftliche Aufschwung hervorgebracht hat, wie der Menschenhändler, der Ausbrecherkönig oder der Gelegenheitsarbeiter.
Leider sind die Übersetzungen, die aus verschiedenen Federn stammen, teils staubtrocken, gelegentlich eher blumig-drollig am chinesischen Original klebend oder einfach ungenau. Daraus ergeben sich Stilblüten, die zum Schmunzeln, aber auch zu Unverständnis führen.

Der westliche Blick
Helmut Brinker hat sein Forscherleben mit alter chinesischer und japanischer Kunst verbracht. Sein schmales Buch "Die chinesische Kunst" gibt einen wissenschaftlichen und wegen der vielen Beispiele gleichzeitig anschaulichen Überblick über die traditionelle chinesische Kunst. "Die chinesische Kunst" endet in diesem Buch mit der Qing-Dynastie.
Der Schwerpunkt liegt auf der klassischen Kunst der Literati (Schriftkunst und Malerei) und nicht auf Kunsthandwerk und Architektur, die im alten China als Werke von Technikern und Handwerkern angesehen wurden. Der Autor versteht es, kunsttheoretische Konzepte mit konkreten Beispielen aufzufrischen. Man erfährt spannende Details über die Machart der Pinsel, die Qualität eines Bildes, das nach chinesischem Verständnis auf dessen "Seele" beruht, über Exzentriker der Tang-Dynastie, die mit den Fingern malten, und das Fehlen von Konzepten wie Perspektive und Schatten.
Das Einzige, was den Lesefluss stört, sind Inhalte, die eigentlich in Fußnoten gehören, was manchmal zu ungewollter Kompliziertheit und einer Anhäufung von Klammern führt. Ein wissenschaftlicher Apparat hätte da Abhilfe geschaffen.
Über Klemens Ludwigs "Vielvölkerstaat China. Die nationalen Minderheiten im Reich der Mitte" gilt es zuerst festzuhalten, dass kein einziger Vertreter einer nationalen Minderheit zu Wort kommt, außer man zählt den letzten Kaiser Pu Yi, seines Zeichens Mandschure, als Minoritätsmitglied, wobei man davon ausgehen kann, dass er sich zu seiner Zeit eher als Mittelpunkt der Welt fühlte.
Man überlegt, wie das Buch wohl zustande kam. Sommer 2008: Aufstand in Tibet und Xinjiang, und keiner weiß so richtig Bescheid über die Minderheiten in China … Ludwig musste wohl herhalten, um den Stand der Dinge aus der westlichen Literatur und Zeitungsartikeln (oft ist die Quellenlage nicht offenbar) zusammenzufassen. Fehler und Unachtsamkeiten haben sich eingeschlichen, auf die hinzuweisen vielleicht pingelig erscheinen mag, die aber, wenn man über Minderheiten in China schreibt, nicht unerheblich sind.
Die Jurchen als Verwandte der Mandschuren zu bezeichnen ist nicht ganz korrekt, da sie ihre Vorfahren waren. Was die Tujia wohl davon hielten, wüssten sie, dass Herr Ludwig meint, dass "folkloristische Elemente ihre Identität prägen", und "auch ihre künstlerischen Darbietungen, wie die traditionelle Oper, denen des großen Nachbarn (also China, Anm. K. S.-R.) nicht fern sind". In Taiwan wird er sich ebenfalls keine Freunde machen, da er die Gaoshan, die es eigentlich nur dort gibt, zu den Minderheiten der Volksrepublik China zählt. Ostturkestan können die Mongolen im 13. Jahrhundert nicht unter ihren Einfluss gebracht haben, da es erst 1933 gegründet wurde, wie Ludwig selbst ein paar Seiten weiter anführt. Und so weiter.
Helwig Schmidt-Glintzer ist allen Sinologiestudierenden und Chinafans bekannt durch sein umfassendes Standardwerk über die chinesische Literaturgeschichte. Nach der Lektüre seines neuen Buchs "Chinas Angst vor der Freiheit. Der lange Weg in die Moderne" wünscht man, er wäre bei der Literatur geblieben. Schmidt-Glintzer möchte einen "Beitrag zur Versachlichung der internationalen Diskussion über Freiheit, Demokratie und die Verwirklichung einer die Menschenrechte respektierenden und verwirklichenden Weltgesellschaft" leisten. Leider sind seine Argumente zeitweise weder sachlich, noch entsprechen sie den Tatsachen.
Es ist wichtig, innerchinesische Traditionen aufzuzeigen, aber man kann nicht davon ausgehen, dass sich diese Traditions­linien ungebrochen bis heute durchziehen. Im Gegenteil, es klafft hier eine beträchtliche Lücke, denn viele Chinesen kennen ihre eigene Tradition gar nicht gut, sie wurde ihnen über eine geraume Zeit hinweg auch gar nicht beigebracht. Um die rasanten Entwicklungen in China abschätzen zu können, müsste der Autor doch öfter die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, deren Direktor er ist, verlassen und sich Richtung China bewegen.
Dass er immer wieder der chinesischen Staatspropaganda nahekommt, ist mehr als befremdlich. Etwa mit der Behauptung, dass "das Gelingen einer demokratischen Ordnung und vor allem die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen ein Mindestmaß an sozialer Homogenität voraussetzt" – wofür etwa die durchaus heterogene Demokratie Indien ein zum Himmel schreiendes Gegenbeispiel darstellt. Unterzeichner der Charta 08 wehren sich vehement gegen solche Argumente. Laut Schmidt-Glintzer sieht die chinesische Regierung die Religionsgemeinschaften als wichtige Verbündete im Werben um Mitgefühl und Fürsorge. Das ist meines Erachtens eher rhetorisch der Fall, denn sie klammert dabei ausdrücklich manche Religionsgemeinschaften aus.
Die Konflikte in Xinjiang werden "von einer Exilregierung befördert". Da scheint Schmidt-Glintzer mehr zu wissen als all die politischen Analytiker und die Journalisten, die vor Ort waren und sich abmühten, die Abläufe, Drahtzieher und politische, ethnische und religiöse Details der Unruhen in Xinjiang auseinanderzudröseln, um ein genaues Bild zu bekommen.

Der vermeintliche Universalgelehrte
Elmar Holensteins "China ist nicht ganz anders" hinterlässt ein großes Fragezeichen. Der Titel, ein Aufruf zur Entexotisierung Chinas, löst Sympathie aus, doch die Willkürlichkeit der Beispiele in den vier Essays wird dem Titel nicht gerecht. Es ist ein Mischmasch aus Workshopvorträgen und schon in Zeitschriften publizierten Artikeln, die mit neuen Schlussworten versehen wurden.
Holenstein scheint sich als Universalgelehrter zu verstehen, der, sobald es zum Thema China kommt, allen Gebieten – ob Philosophie, vergleichende Linguistik, Rechtswissenschaften oder Theologie – gewachsen ist. Nebenbei führt er dann in verschiedenen Bereichen neue Terminologie ein wie etwa "buddhaitisch" statt buddhistisch und "daoitisch" statt daoistisch.
Das Thema Kommunismus versus Kapitalismus klärt Herr Holenstein bereits auf Seite 19. "Den größtmöglichen Wohlstand der überwiegenden Mehrheit erreicht man nicht in einer fundamentalistischen Gesellschaft, in der alle unabhängig von ihren Fähigkeiten und Leistungen gleich viel besitzen und den gleichen Lohn erhalten. Man erreicht sie eher in einer umsichtig regulierten, marktwirtschaftlichen Gesellschaft, in der es einigen besser geht als der Gesamtheit."

Die Korrespondenten
Korrespondentenbücher sind bei Verlagshäusern begehrt und finden auch genügend Leser. Gleichzeitig werden sie in Journalistenkreisen von Beijing eher mit Ironie aufgenommen: "Hast du schon gehört, XY hat jetzt auch schon wieder ein Buch geschrieben." Die Inhalte sind meistens Zusammenfassungen der ohnehin schon geleisteten Recherche- und Berichterstattungsarbeit, gewürzt mit einem Einblick ins persönliche Leben der Autoren.
Von Adrian Geiges, bis 2008 in Beijing Korrespondent für den deutschen Stern, stammt die "Gebrauchsanweisung für Peking und Shanghai". Geiges, Jahrgang 1960, las laut seiner Homepage mit zwölf die Mao-Bibel, schloss sich der moskautreuen DKP und der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) an und wurde von der Partei auf eine geheime Kaderschmiede in der DDR entsandt. In späteren Jahren wandte er sich in China dem Kapitalismus zu.
Von solch einem Mann hätte man sich doch tiefere politische Einblicke erwartet, aber in einer Reihe, die "Gebrauchsanweisungen" verspricht, sollte man danach vielleicht gar nicht suchen. Tatsächlich liefert er eine relativ gut lesbare Mischung aus informativem Reiseführer – inklusive den historischen und kulturellen Unterschieden der rivalisierenden Städte Beijing und Shanghai – und persönlichen Erfahrungen.
In seinem Buch "Über Land. Begegnungen im neuen China", schafft Peter Hessler, langjähriger Beijing-Korrespondent des New Yorker, es aufgrund seiner wundervollen Beobachtungsgabe, den Leser wirklich durch das Land mitzunehmen. Seine Reise Richtung Westen entlang der chinesischen Mauer zeigt Gebiete West- und Mittelchinas, die selten im Blickpunkt stehen. Dank seiner Verwurzelung, besonders in dem Dorf an der Mauer, in dem er einen chinesischen Hof gemietet hat, seiner engen Freundschaft mit dem kleinen Sohn seiner Vermieter, dem er in einer Notsituation beistand, bekommt man Einblicke, die oberflächliche Berichterstattung nicht gewährleisten kann und will. Hessler hat sich auf dieses Land und seine Kultur eingelassen, ohne unkritisch zu werden. Das Transportmittel Auto steht vielleicht ein wenig zu sehr im Mittelpunkt, doch das verzeiht man diesem in die Tiefe gehenden Buch gerne.
Cornelia Vosperniks "In China. Reportagen abseits der Schlagzeilen" geht weg von der reinen Reportage, es handelt sich dabei eher um eine persönliche und humorvolle Beschreibung des Lebens einer "Westlerin" in China. Die Rolle der ORF-Korrespondentin tritt dabei außer in den letzten beiden Kapiteln in den Hintergrund. Vospernik hat ein sarkastisches Talent, Alltagsmissverständnisse und Problemchen, denen man als Ausländerin in fremder Umgebung Tag für Tag begegnet, bis ins Detail zu beschreiben. So etwa den Umgang mit den zwei chinesischen Türschlössern des ORF-Büros, die sich in verschiedene Richtungen öffnen lassen, oder die Panik, die Vospernik selbst immer wieder auslöst, wenn sie für einen Mann oder einen potenziellen uigurischen Terroristen gehalten wird. Manchmal fallen die Urteile über die chinesischen Eigenheiten allerdings ein wenig zu harsch aus und beruhen auf Sprachproblemen.
Christian Y. Schmidt, der aus China Kolumnen für das Satiremagazin Titanic verfasst, ist nichts heilig, und das ist gut so. Er macht sich in seinen "Bliefen von dlüben" lustig über die Ahnungslosigkeit und Unbelehrbarkeit der Chinabesucher, denn es gibt seiner Meinung nach "einen Haufen Mythen und Legenden über China, die sich in den Köpfen der Westler festgefressen haben und hier die Aufnahme neuer Informationen verhindern". Nebenbei erfährt man brisante Details wie, dass in 63 Prozent aller in Festland-China produzierten Fernsehsendungen der Jahre 2004 und 2005 geraucht wurde und dass die chinesische Apfelsaftindustrie in der Lage ist, in einer Stunde 5000 Tonnen Apfelsaftkonzentrat herzustellen. Dieses witzige und gemeine Buch über den Alltag in Beijing eignet sich hervorragend als Geschenk für in den Westen Heimgekehrte oder solche, die planen, sich in Beijing anzusiedeln – oder auch nur eine Reise dorthin zu tun.

Katharina Schneider-Roos in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 32)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Fräulein Hallo und der Bauernkaiser (Liao Yiwu)
In China
China ist nicht ganz anders (Elmar Holenstein)
Vielvölkerstaat China (Klemens Ludwig)
Die chinesische Kunst (Helmut Brinker)
Die Rückkehr zum Drachenberg (Jonathan D. Spence)
Konfuzius – Geschichte seines Lebens (Annping Chin, Ursula Gräfe)
Gebrauchsanweisung für Peking und Shanghai (Adrian Geiges)
Über Land (Peter Hessler)
Bliefe von dlüben (Christian Y. Schmidt)

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