Die Hälfte des Himmels
Wie Frauen weltweit für eine bessere Zukunft kämpfen

von Nicholas D. Kristof, Sheryl WuDunn

€ 20,60
Lieferung in 2-7 Werktagen

Vorwort: Margot Käßmann
Übersetzung: Karl-Heinz Siber
Übersetzung: Grete Osterwald
Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 359 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.12.2010


Rezension aus FALTER 50/2014

Frauen, Gewalt und Entwicklung

Bei ihren weltweiten Reportagen erlebten die Pulitzer-Preisträger Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn hautnah: Die Entrechtung, Ausbeutung und Marginalisierung von Frauen ist keine Fußnote, die sich nebenbei abhandeln lässt, wenn nach den "wichtigen Fragen" noch ein bisschen Zeit übrig bleibt. Sie steht in direktem Zusammenhang mit Krieg, Hunger und Armut. Und auf die Frauen und ihr bisher ungenutztes Potenzial zu setzen ist der beste Weg, um Entwicklung in Gang zu bringen.
Deswegen erzählen sie detailliert und prägnant: von Mukhtar Mai in Pakistan, die eine öffentlich sanktionierte Vergewaltigung nicht hinnehmen wollte und sich an die Spitze einer Bürgerrechtsbewegung stellte. Oder von der Ärztin Edna Adan, die sich dem Ziel verschrieben hat, dass keine Somalierin mehr bei der Entbindung sterben muss. Sie führen den ostasiatischen Wirtschaftsboom darauf zurück, dass in den Fabriken die riesigen Ressourcen der Mädchen vom Land genutzt wurden. Sie zeichnen nach, wie politischer Extremismus und patriarchale Rigidität zusammenhängen, und erinnern daran, dass Gewalt gegen Frauen immer eine öffentliche Dimension hat. Man kann sehr zornig werden, wenn man das alles liest. Man möchte sofort vom Sofa aufspringen, um die Welt zu ändern – ein besseres Kompliment.

Sibylle Hamann in FALTER 50/2014 vom 12.12.2014 (S. 58)



Rezension aus FALTER 39/2010

Was Mädchen stark macht, schwächt Terroristen

Im 18. Jahrhundert fuhren Sklavenschiffe über den Atlantik, um stetig Nachschub an frischen Arbeitskräften von Afrika nach Amerika zu schaffen. Das galt damals als normal. Und es gab dafür ein komplexes, stabiles System aus logisch klingenden Rechtfertigungen: Afrikaner seien halt anders als Menschen europäischer Abstammung, sie hätten andere körperliche und intellektuelle Bedürfnisse. Dass die einen Menschen andere Menschen besitzen, sei eine naturgegebene Konstante, seit der Antike. Und irgendwer muss die harte Arbeit auf den Plantagen ja schließlich erledigen, oder?
Dann kamen ein paar Romantiker, Gutmenschen würde man sie heute nennen, denen die Sklaverei moralisch gegen den Strich ging. Anfangs hielt man sie für weltfremd. Warum sollte ausgerechnet Großbritannien, das so gut am Zwischenhandel mit Sklaven profitierte, auf das Geschäft verzichten? Zumal die "Neger" doch bloß eine Randgruppe seien, politisch und kulturell irrelevant, machtlos.

Dennoch gewann die Abolitionsbewegung an Fahrt. Ihren Siegeszug verdankte sie am Ende einer Erkenntnis, die, sobald sie einmal Wurzeln geschlagen hat, nicht mehr rückgängig zu machen ist: dass Menschenrechte unteilbar sind. Und dass eine Gesellschaft, die Menschenrechte systematisch verletzt, weder demokratisch sein kann noch dauerhaft erfolgreich.
Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn haben diese Geschichte stets im Hinterkopf, wenn sie eine neue soziale Bewegung beschreiben, die sie für mindestens ebenso umwälzend halten wie die Abschaffung der Sklaverei: die globale Befreiung der Frauen. Die beiden Autoren sind Reporter im Dienst der New York Times. Ihre erste prägende Zeit hatten sie in China während der Studentenbewegung und der Niederschlagung der demokratischen Revolution 1989. In den folgenden Jahren waren sie auf allen Kontinenten unterwegs – im vom Völkermord verwüsteten Ruanda, in Chaosstaaten wie Somalia, in den Kriegswirren Afghanistans ebenso wie in lateinamerikanischen Ländern.
Natürlich nahmen sie von überall auch Geschichten über Frauen mit. Mal ging es um Prostituierte, die gegen ihren Willen in Bordelle verschleppt werden, mal um Genitalverstümmelung, mal um Ehren- oder Mitgiftmorde. Aber es dauerte eine Weile, bis sich diese Einzelteile zu einem weltweiten Panorama fügten – und einer Erkenntnis: Das sind keine tragischen Einzelfälle. Das hat System.
"Das Buch war eine eigene Reise des Erwachens", schreiben die Autoren. Und wir begleiten sie dabei, wie ihnen klar wird: Die Entrechtung, Ausbeutung und Marginalisierung von Frauen ist keine Fußnote, die sich nebenbei abhandeln lässt, wenn nach den "wichtigen Fragen" noch ein bisserl Zeit übrigbleibt. Sie steht in direktem Zusammenhang mit Krieg, Hunger und Armut. Und auf die Frauen und ihr bisher ungenutztes Potenzial zu setzen ist der beste Weg, um Entwicklung in Gang zu bringen.
Deswegen erzählen sie, detailliert, prägnant, mit Gefühl, auch für die Pointe: Von Mukhtar Mai in Pakistan, die eine öffentlich sanktionierte Vergewaltigung nicht hinnehmen wollte und sich an die Spitze einer Bürgerrechtsbewegung stellte. Oder von der streitbaren Ärztin Edna Adan, die sich dem Ziel verschrieben hat, dass keine Somalierin mehr bei der Entbindung sterben muss. Sie führen den ostasiatischen Wirtschaftsboom darauf zurück, dass in den Fabriken endlich die riesigen brachliegenden Ressourcen der Mädchen vom Land genutzt werden konnten. Sie vergleichen das darniederliegende Pakistan mit dem einst noch hoffnungsloseren Bangladesch, das gezielt in Mädchenbildung und Mikrokredite investierte und heute wesentlich besser dasteht. Sie zeichnen nach, wie politischer Extremismus und patriarchale Rigidität zusammenhängen: "Was die Mädchen stark macht, schwächt die Terroristen."

Und sie erinnern daran, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur eine private Dimension hat, sondern auch eine öffentliche. Verschleppungen, Zwangsverheiratungen, Säureattacken dienen sehr oft zur Einschüchterung. Sie warnen Frauen, die mit dem Gedanken spielen, die ihnen zugewiesene Rolle zu sprengen und sich mehr herauszunehmen, als ihnen zugestanden wird. Man kann sehr zornig werden, wenn man das alles liest. Man möchte sofort vom Sofa aufspringen, um die Welt zu ändern. Das ist wohl eines der größten Komplimente, die man Sachbuchautoren machen kann.

Sibylle Hamann in FALTER 39/2010 vom 01.10.2010 (S. 34)


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