Die vielen Leben der Paula Fox

von Bernadette Conrad

€ 20,60
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erz├Ąhlende Literatur
Umfang: 344 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.02.2011


Rezension aus FALTER 10/2011

Von der Klinge des Lebens gezeichnet

Eine Biografie ├╝ber und ein Erz├Ąhlband von Paula Fox zeigen die Abgr├╝nde von Leben und Werk

In der Geschichte "Mit sich allein" bekommt ein gewisser Gerald eines Tages den Brief eines Jugendfreundes. Es entspinnt sich eine Korrespondenz, die die Eifersucht seiner Frau weckt, ihn selbst in ihrer Intimit├Ąt aber bald ├╝berfordert. In Wahrheit will er nicht durch einen reichen Schn├Âsel an seine eigene trostlose Kindheit erinnert werden.
Als der Freund seinen Besuch ank├╝ndigt, fl├╝chtet Gerald mit seiner Frau ins Kino. Es ist der gnadenlos genaue Blick in das "schwarze Herz des Lebens", auch auf die Erosionserscheinungen einer Ehe, der Paula Fox' Romane "Pech f├╝r George" oder "Lauras Schweigen" ber├╝hmt gemacht hat.

Der Umstand, dass Jonathan Franzen ihren 1970 erschienenen Roman "Desperate Characters" ("Was am Ende bleibt") f├╝r sich entdeckte, weil er darin seine eigene gescheiterte Ehe wiederfand, ist nicht das Beste, was sich ├╝ber Paula Fox sagen l├Ąsst. Dennoch beginnt auch Bernadette Conrad ihr Buch ├╝ber die lange vergessene Grande Dame der US-Literatur mit dem lautesten Trompeter ihres neuen Ruhmes.
"Die vielen Leben der Paula Fox" ist keine Biografie im klassischen Sinn, eher eine biografische Reportage, ein temperamentvolles, einf├╝hlsames, da und dort auch gef├╝hliges Buch, das aus seinem Gestus der Bewunderung keinen Hehl macht und in dem manches ein bisschen zu oft wiederholt wird.
Conrad, Germanistin und ├ťbersetzerin, erz├Ąhlt von ihrer Arbeit am lebenden Objekt, von ihren Besuchen im Haus der Schriftstellerin in Brooklyn, von ihren
Reisen auf Fox' Spuren quer durch Amerika, von Gespr├Ąchen mit Freunden und Familienmitgliedern. Sie beutet lebensgeschichtliche Sedimente in den Romanen und Memoirenb├Ąnden aus und konfrontiert die betagte Autorin, so behutsam das eben geht, mit den wunden Punkten ihrer Existenz.

Paula Fox, geboren 1923 in New York, war ein ungewolltes und nur sporadisch geliebtes Kind. Ihre zeitlebens feindselige Mutter gab sie gleich nach der Geburt in ein Findelhaus, ihre Gro├čmutter holte sie wieder heraus, ihr Vater, der leidlich talentierte Schriftsteller und Drehbuchautor Paul H. Fox, tauchte von Zeit zu Zeit auf, um bald wieder zu verschwinden, ein unzuverl├Ąssiger Patron, selten fl├╝ssig, selten trocken, ein Weiberheld und Schwadroneur.
Abgesehen von wenigen gl├╝cklichen Jahren bei einem grundg├╝tigen Pfarrer hatte Paula Fox eine ruhelose und emotional unterern├Ąhrte Kindheit und Jugend, mit wechselnden Erziehungsberechtigten hin- und herhetzend zwischen Queens und Kuba, Florida und Kanada.
Vielbegabt, aber schlecht ausgebildet, arbeitet Fox als Erzieherin, Mannequin, Journalistin. Die uneheliche Tochter, die sie mit 21 in San Francisco zur Welt bringt, gibt sie zur Adoption frei. Deren Tochter, Paula Fox' Enkelin, w├Ąhlt ihren Namen nach dem, was in dieser Familie Mangelware war: Courtney Love.
Einiges davon kann man auch aus dem neuen Erz├Ąhlband erfahren. In der Titelgeschichte "Die Zigarette" erz├Ąhlt Fox davon, wie sie sich das Rauchen angew├Âhnt hat (ihr Vater n├Âtigte sie zur ersten Zigarette) und wie ihr, 60 Jahre sp├Ąter, die Lust dazu abhanden kam: als ein R├Ąuber sie in Jerusalem niederschlug, sie nach einer Gehirnblutung ins Koma fiel und fast starb.
Dies ist auch der Grund f├╝r die merkw├╝rdig ungenierte Mischung von Fiktion, Essay und Erinnerung in diesem Band: Nach ihrer Genesung ÔÇô das steht wiederum in der Biografie ÔÇô konnte Fox zwar wieder schreiben, aber nichts mehr erfinden. Zu ihren sechs Romanen (ihren ersten schrieb sie mit 45) wird kein weiterer kommen.

Bereits Fox' fr├╝heste Erz├Ąhlungen, in den 60er-Jahren just im Negro Digest publiziert, handeln von Menschen, die die "scharfe Klinge des Lebens" zu sp├╝ren bekommen haben; von schwarzen M├╝ttern, die ihre Kinder begraben m├╝ssen, als New York City noch ein lebensgef├Ąhrliches Pflaster ist.
Paula Fox, der buchst├Ąblich die Kugeln um die Ohren flogen, erz├Ąhlt von besch├Ądigten Kindern, die sie als Lehrerin in einem Heim betreute. Sie w├╝rdigt ihre Tapferkeit und warnt, an ihr eigenes Heranwachsen denkend, vor der landl├Ąufigen Verkl├Ąrung der Kindheit: "Wenn das die besten Jahre sind, dachte ich mir, was kommt dann um Gottes willen noch?"
Wie ihre Generationsgenossin Marlen Haushofer, mit der sie das unbestechliche R├Ântgenauge f├╝r die Korruptheit b├╝rgerlicher Arrangements ebenso teilt wie das lebenslange Thema des verlassenen Kindes, hat Fox nicht zuletzt als Kinderbuchautorin re├╝ssiert.
So faszinierend Fox' Erinnerungen an die Familie ihres zweiten Mannes, des Verlegers Martin Greenberg, und das intellektuelle Leben der Upper West Side sind (einmal tritt sogar der ├Âsterreichische Kunstf├Ârderer Monsignore Otto Mauer auf), ein Essay ├╝ber die Verwerflichkeit der Zensur wirkt hier als Fremdk├Ârper. Man darf f├╝glich bezweifeln, ob dieser disparate Band das ideale Eintrittsbillet in die verst├Ârende Wunderwelt der Paula Fox darstellt. Doch immerhin enth├Ąlt er auch ein Juwel wie die Erz├Ąhlung "Grace", das ergreifende Portr├Ąt eines vereinsamten Mannes, der mithilfe eines Hundes Anschluss ans Leben sucht ÔÇô und diesen Hund wieder verliert.

Paula Fox mag ein "writers' writer" sein, doch sie interessiert nicht das intellektuelle Spiel, sondern allein das weite Spektrum des Menschseins in all seinen Schattierungen und Widerspr├╝chen. Das Leben vergleicht sie mit einer Eisschicht: "Alles, worauf es ankommt, liegt darunter. Und alles, was du tun kannst, ist die Oberfl├Ąche zu beschreiben." Aber eben so, dass man die Tiefe ahnt.

Daniela Strigl in FALTER 10/2011 vom 11.03.2011 (S. 15)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Zigarette und andere Stories (Karen N├Âlle, Bernadette Conrad, Paula Fox, Hans-Ulrich M├Âhring)

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