Die Zigarette und andere Stories

von Paula Fox

€ 20,60
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Übersetzung: Karen Nölle
Vorwort: Bernadette Conrad
Übersetzung: Hans-Ulrich Möhring
Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 255 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.02.2011


Rezension aus FALTER 10/2011

Von der Klinge des Lebens gezeichnet

Eine Biografie über und ein Erzählband von Paula Fox zeigen die Abgründe von Leben und Werk

In der Geschichte "Mit sich allein" bekommt ein gewisser Gerald eines Tages den Brief eines Jugendfreundes. Es entspinnt sich eine Korrespondenz, die die Eifersucht seiner Frau weckt, ihn selbst in ihrer Intimität aber bald überfordert. In Wahrheit will er nicht durch einen reichen Schnösel an seine eigene trostlose Kindheit erinnert werden.
Als der Freund seinen Besuch ankündigt, flüchtet Gerald mit seiner Frau ins Kino. Es ist der gnadenlos genaue Blick in das "schwarze Herz des Lebens", auch auf die Erosionserscheinungen einer Ehe, der Paula Fox' Romane "Pech für George" oder "Lauras Schweigen" berühmt gemacht hat.

Der Umstand, dass Jonathan Franzen ihren 1970 erschienenen Roman "Desperate Characters" ("Was am Ende bleibt") für sich entdeckte, weil er darin seine eigene gescheiterte Ehe wiederfand, ist nicht das Beste, was sich über Paula Fox sagen lässt. Dennoch beginnt auch Bernadette Conrad ihr Buch über die lange vergessene Grande Dame der US-Literatur mit dem lautesten Trompeter ihres neuen Ruhmes.
"Die vielen Leben der Paula Fox" ist keine Biografie im klassischen Sinn, eher eine biografische Reportage, ein temperamentvolles, einfühlsames, da und dort auch gefühliges Buch, das aus seinem Gestus der Bewunderung keinen Hehl macht und in dem manches ein bisschen zu oft wiederholt wird.
Conrad, Germanistin und Übersetzerin, erzählt von ihrer Arbeit am lebenden Objekt, von ihren Besuchen im Haus der Schriftstellerin in Brooklyn, von ihren
Reisen auf Fox' Spuren quer durch Amerika, von Gesprächen mit Freunden und Familienmitgliedern. Sie beutet lebensgeschichtliche Sedimente in den Romanen und Memoirenbänden aus und konfrontiert die betagte Autorin, so behutsam das eben geht, mit den wunden Punkten ihrer Existenz.

Paula Fox, geboren 1923 in New York, war ein ungewolltes und nur sporadisch geliebtes Kind. Ihre zeitlebens feindselige Mutter gab sie gleich nach der Geburt in ein Findelhaus, ihre Großmutter holte sie wieder heraus, ihr Vater, der leidlich talentierte Schriftsteller und Drehbuchautor Paul H. Fox, tauchte von Zeit zu Zeit auf, um bald wieder zu verschwinden, ein unzuverlässiger Patron, selten flüssig, selten trocken, ein Weiberheld und Schwadroneur.
Abgesehen von wenigen glücklichen Jahren bei einem grundgütigen Pfarrer hatte Paula Fox eine ruhelose und emotional unterernährte Kindheit und Jugend, mit wechselnden Erziehungsberechtigten hin- und herhetzend zwischen Queens und Kuba, Florida und Kanada.
Vielbegabt, aber schlecht ausgebildet, arbeitet Fox als Erzieherin, Mannequin, Journalistin. Die uneheliche Tochter, die sie mit 21 in San Francisco zur Welt bringt, gibt sie zur Adoption frei. Deren Tochter, Paula Fox' Enkelin, wählt ihren Namen nach dem, was in dieser Familie Mangelware war: Courtney Love.
Einiges davon kann man auch aus dem neuen Erzählband erfahren. In der Titelgeschichte "Die Zigarette" erzählt Fox davon, wie sie sich das Rauchen angewöhnt hat (ihr Vater nötigte sie zur ersten Zigarette) und wie ihr, 60 Jahre später, die Lust dazu abhanden kam: als ein Räuber sie in Jerusalem niederschlug, sie nach einer Gehirnblutung ins Koma fiel und fast starb.
Dies ist auch der Grund für die merkwürdig ungenierte Mischung von Fiktion, Essay und Erinnerung in diesem Band: Nach ihrer Genesung – das steht wiederum in der Biografie – konnte Fox zwar wieder schreiben, aber nichts mehr erfinden. Zu ihren sechs Romanen (ihren ersten schrieb sie mit 45) wird kein weiterer kommen.

Bereits Fox' früheste Erzählungen, in den 60er-Jahren just im Negro Digest publiziert, handeln von Menschen, die die "scharfe Klinge des Lebens" zu spüren bekommen haben; von schwarzen Müttern, die ihre Kinder begraben müssen, als New York City noch ein lebensgefährliches Pflaster ist.
Paula Fox, der buchstäblich die Kugeln um die Ohren flogen, erzählt von beschädigten Kindern, die sie als Lehrerin in einem Heim betreute. Sie würdigt ihre Tapferkeit und warnt, an ihr eigenes Heranwachsen denkend, vor der landläufigen Verklärung der Kindheit: "Wenn das die besten Jahre sind, dachte ich mir, was kommt dann um Gottes willen noch?"
Wie ihre Generationsgenossin Marlen Haushofer, mit der sie das unbestechliche Röntgenauge für die Korruptheit bürgerlicher Arrangements ebenso teilt wie das lebenslange Thema des verlassenen Kindes, hat Fox nicht zuletzt als Kinderbuchautorin reüssiert.
So faszinierend Fox' Erinnerungen an die Familie ihres zweiten Mannes, des Verlegers Martin Greenberg, und das intellektuelle Leben der Upper West Side sind (einmal tritt sogar der österreichische Kunstförderer Monsignore Otto Mauer auf), ein Essay über die Verwerflichkeit der Zensur wirkt hier als Fremdkörper. Man darf füglich bezweifeln, ob dieser disparate Band das ideale Eintrittsbillet in die verstörende Wunderwelt der Paula Fox darstellt. Doch immerhin enthält er auch ein Juwel wie die Erzählung "Grace", das ergreifende Porträt eines vereinsamten Mannes, der mithilfe eines Hundes Anschluss ans Leben sucht – und diesen Hund wieder verliert.

Paula Fox mag ein "writers' writer" sein, doch sie interessiert nicht das intellektuelle Spiel, sondern allein das weite Spektrum des Menschseins in all seinen Schattierungen und Widersprüchen. Das Leben vergleicht sie mit einer Eisschicht: "Alles, worauf es ankommt, liegt darunter. Und alles, was du tun kannst, ist die Oberfläche zu beschreiben." Aber eben so, dass man die Tiefe ahnt.

Daniela Strigl in FALTER 10/2011 vom 11.03.2011 (S. 15)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die vielen Leben der Paula Fox (Bernadette Conrad)

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