Egon Friedell
Der geniale Dilettant

von Bernhard Viel

€ 25,70
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Umfang: 352 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.03.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Idealist, Satiriker und "Hofnarr des Lebens"

Kulturgeschichte: Bernhard Viels Egon-Friedell-Biografie wird dem großen Wiener Kulturhistoriker nicht gerecht

Egon Friedell hat jede Menge Konkurrenz bekommen. Als es noch keine Cultural Studies gab, als sich die zünftige Geschichtsschreibung, die Ausstellungsgestalter und Germanisten, Philosophen oder Ethnologen noch nicht in die Historiografie des Alltags, der Dinge, der psychischen Befindlichkeiten oder der intellektuellen Moden vorwagten und nach Belieben Verbindungen herstellten, konnte Egon Friedells im Umfang monströse "Kulturgeschichte der Neuzeit" (1927–1931) leichter punkten und überzeugen, hatte sie in vielerlei Hinsicht ein Alleinstellungsmerkmal.
Allenfalls kann sie auch heute Stärken ausspielen, die bereits in ihrer Entstehungszeit gerühmt wurden und viele, viele Leser überzeugten: die feuilletonistische Leichtigkeit, die gute Lesbarkeit, ihr Hang zu gut gewählten Anekdoten, ihre Nähe zum subjektiv eingefärbten Roman, gleichzeitig auch ihre Nutzbarkeit als Enzyklopädie.

Die in ihrem Stoff überbordende "Kulturgeschichte der Neuzeit" wie die darauf folgenden schmaleren Bände "Kulturgeschichte Ägyptens" (1936) und "Kulturgeschichte Griechenlands" (im Nachlass, erstmals 1949 auf Deutsch) haben sich jedenfalls über die Zeiten einen Platz am Buchmarkt erhalten.
Dabei gibt es Einwände in Hülle und Fülle, ist so vieles an die Entstehungszeit gebunden und veraltet, hat Egon Friedell ideologische Schlagseite, die seine Art der Kulturgeschichte höchst bedenklich erscheinen lässt.
Der Wiener Germanist Roland Innerhofer hat vor Jahren einen ganzen Katalog an Verstiegenheiten erstellt: Irrationalismus, Idealismus, Deutschnationalismus, Antisemitismus, Genie­kult, religiöse Welterklärung, sein Faible für Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" und dergleichen mehr.
Dass Friedell im Ersten Weltkrieg (und in entschärfter Form sogar noch nachher) zu denen gezählt hat, die gegen die bösen Feindmächte und ihre oberflächliche Kultur gewettert haben, gehört zum (historisch durchaus nicht einzigartigen) Sündenregister des 1878 in eine jüdische Tuchfabrikantenfamilie geborenen Wiener Autors.

Ist Egon Friedell noch zu retten? Der Münchner Germanist Bernhard Viel versucht es, bemüht sich, bettet seine Figur sehr ausführlich ein in das Wiener Umfeld ihrer Zeit; die problematischen Nahbeziehungen werden da allerdings kleingehalten. Er geizt auch nicht mit Anekdoten, arbeitet an der Seriosität einer schrillen, exzentrischen Szenefigur, die sich in vielerlei Professionen hervorgetan hat.
Aber er hat Mühe, sein Geschöpf in seiner ganzen Problematik zusammenzuhalten, die Widersprüche zu erklären und die Konflikte in/mit Friedells Freundeskreis sichtbar zu machen. Es wird da mehr zugedeckt als aufgerissen.
Friedell war ja ein Tausendsassa, er war Publizist, Altenberg-Herausgeber, Kabarettist, Schauspieler an den Rheinhardt-Bühnen und Verfasser von Dramen und Libretti. Zusammen mit Alfred Polgar hat er für den Wiener Fasching die "Böse-Buben-Bälle" und die "Böse-Buben-Zeitungen" entwickelt und der Wiener Satiretradition ein neues Highlight aufgesetzt.
Er war ein kreativer, arbeitsamer Adabei, ein "Hofnarr des Lebens" (Felix Salten); sein Umfeld staunte nicht schlecht, als er mit seiner flüssig geschriebenen, aber an Welterklärungsanspruch nicht geizenden Kulturgeschichte, zweifellos seinem Hauptwerk, herauskam.

Der Umtriebige, der Zerrissene war auch ein sehr Einsamer, der die Tage in/mit seiner Bibliothek verbrachte, versorgt von der Haushälterin, treu begleitet von seinem in der Wiener Szene legendären Hund Schnack. Dass die Mutter die Familie verließ, als er zwei Jahre alt war, hat ihn zum Frauenverächter und Weininger-Anhänger gemacht. Sein Werben um Lina Loos quittierte diese eher mit Spott.
Tragisch und einsam auch sein Tod: Als die SA am Abend des 16. März 1938 zu seiner Wohnung Semperstraße, Ecke Währinger Gürtel kommt, springt Egon Friedell aus dem vierten Stock in den Tod.
Eine angemessene Distanz zu seinem Gegenstand ist nicht Sache dieses Buchs. Schon im Vorwort fürchtet sich der Biograf davor, das komplexe Thema Egon Friedell aus heutiger Sicht anzusprechen, und will uns einige von Friedells kulturpessimistischen Äußerungen über Apparate, Automaten und Reklame als "Moderne" verkaufen.
Mutig und klärend ist so eine Herangehensweise nicht. Dazu passen auch einige Fehler in der zeitgeschichtlichen Rahmung: Renner wird in diesem Buch Wiener Bürgermeister, Karl Lueger soll ein Wohnbauprogramm durchgezogen haben, das "Rote Wien" wird seltsamerweise zur "Roten Republik".

Alfred Pfoser in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 38)


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