Deutsche Tugenden
Von Anmut bis Weltschmerz

von Asfa-Wossen Asserate

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 239 Seiten
Erscheinungsdatum: 27.09.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Hänsel, Gretel und Goethe meet Haile Selassie

Kulturgeschichte: Asfa-Wossen Asserate, einst äthiopischer Prinz, erklärt die deutschen Tugenden

Ein Afrikaner erklärt den Deutschen gutes Benehmen? Undenkbar bis 2003 – bis zum Erscheinen von "Manieren". Auf charmante Weise und im Plauderton des vollendeten Gentleman brach der einstige äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und seit den 1970er-Jahren in Deutschland lebend, in Zeiten von Gewinndenken und Vereinzelung eine Lanze für den schönen Schein, der nichts nutzt, aber das Zusammenleben angenehmer und das Leben irgendwie eleganter macht.

Aus der Sicht eines Zugereisten
Dieser Überraschungserfolg stellte nichts weniger als eine europäische Kulturgeschichte von Anstand und gutem Benehmen dar, mit einem Lob der Dame und einem "Versuch über den Herrn", die von Pünktlichkeit und von Tischmanieren handelte, also einen perfekten Mix bot aus Wissen, Anekdotischem und Ratgeberhaftem, ohne je belehrend zu wirken.
Damit war Asserate nicht nur der richtige Mann, sondern er hatte auch den richtigen Ton getroffen, indem er ohne moralischen Zeigefinger einen Leitfaden erstellte, an dem man sich orientieren konnte und der das heutige Leben so nebenbei auch mit der Vergangenheit verband.
Dieser Coup bescherte Deutschland auch eine der erste Plagiatsdebatten, denn als der Verdacht laut wurde, dass ein Nichtmuttersprachler kaum so vollendet schreiben könne, gab der Autor Martin Mosebach an, den Band redigiert zu haben. Wie dem auch sei – bei einem schlechten Text und noch viel mehr bei schlechtem Stil ist bekanntlich auch vom besten Lektor nicht viel zu retten. Asfa-Wossen Asserate besitzt nicht nur eine umfassende Bildung, er kann auch erzählen – und sogar unterhalten.
2007 legte Asserate, seit 1981 deutscher Staatsbürger und als Unternehmensberater für Afrika tätig, seine Autobiografie vor. Sein neues Buch heißt "Deutsche Tugenden" und bietet ein wenig von beidem. Es verengt den Blick bewusst auf die deutsche Sittengeschichte, erzählt dabei aber mehr noch als in "Manieren" von seiner afrikanischen Herkunft. Und diese Melange, die Asserate bescheiden zwinkernd einen "subjektiven Streifzug durch die deutsche Geschichte aus der Sicht eines Zugereisten" nennt, macht den Reiz des Buches aus.

Tugend oder Laster?
Wer anderes als ein äthiopischer Prinz könnte ohne Peinlichkeit und Überheblichkeit über deutsche Tugenden wie Bescheidenheit, Fleiß, Gemütlichkeit, Ordnungsliebe, Reinlichkeit und Pflichtgefühl schreiben – und das auch noch affirmativ?
Natürlich findet Asserate nicht alles gut an der deutschen Mentalität, aber mehr, als jeder Deutsche selbst zugeben würde. Trotzdem spart er die dunklen Kapitel, namentlich den Nationalsozialismus, nicht aus. Und zu den Tugenden gehört bei ihm etwa auch die Trinkfestigkeit; Gesundheitsapostel und Tugendterroristen seien gegrüßt!
Überhaupt sind Tugend und Laster bei ihm nicht klar getrennt. Laster könne man auch als Tugenden verstehen, die "ihr Bestes versäumen", bzw. Tugenden als Laster, die ihr Schlimmstes nicht ausleben. Manchmal, sagt Asserate, sei es von einer Tugend zu einem Laster nur ein kleiner Schritt. "Denn wer sich mit seinen Tugenden vor seinen Mitmenschen brüstet, hat aus ihnen schon Laster gemacht. So betrachtet ist Demut die schönste aller Tugenden."
Wenn man an deutsche Eigenschaften denkt, rangiert Fleiß sicher unter den ersten drei, die jedem spontan einfallen – und auch hier darf er nicht fehlen. Aber ist "der Deutsche" wirklich fleißig und will es sein? Die Brüder Grimm singen dieser Tugend zwar mit dem "Assessment-Center" für fleißige Mädchen der Frau Holle ein Loblied, aber für die deutschen Romantiker galten Fleiß und Betriebsamkeit als "Inbegriff des Philisterhaften und also verachtenswert".
Während für Karl Marx die Arbeit identitätsstiftend war, forderte sein ungeliebter Schwiegersohn Paul Lafargue 1883 das "Recht auf Faulheit" (soeben bei Matthes & Seitz wiederaufgelegt). Unter Heranziehung von Georg Büchners "Leonce und Lena" hält Asserate in diesem Kapitel auch ein entschiedenes Plädoyer für die Faulheit.

Kuckucksuhr und Sojawurst
Asserate befindet sich gleichzeitig drinnen und draußen, und das mag getrost als Glücksfall bezeichnet werden. Schon in seiner Kindheit in Addis Abeba besuchte er die deutsche Schule, wurde mit den Brüdern Grimm sozialisiert, ohne sich noch genau vorstellen zu können, wie ein dichter, dunkler Wald aussieht – und warum die Deutschen so naturverbunden sind.
So wie er damals "Hänsel und Gretel" und die Kuckucksuhr liebte, so ringt ihm heute noch die Erfindergabe vor allem seiner schwäbischen Wahlheimat Achtung ab. Dem schwäbischen Ritual der Kehrwoche hingegen widmet er eine ironisch-süffisante Miniatur. Umgekehrt vermag den europäischen Leser die märchenhafte Kindheit in der Entourage eines afrikanischen Kaisers faszinieren, der sechstürige Mercedes-Benz als Gastgeschenke bekommt und mit hunderten Angehörigen des Hofes in riesigen Zeltstädten residiert.
Natürlich ist Asserate ein Konservativer, irgendwie. Während draußen die Studenten demonstrierten, saß er in den 1970er-Jahren mit seinen Kommilitonen vom Korps zusammen und trank oder wanderte durch die deutsche Mittelgebirgslandschaft. Trotzdem ist sein Blick so unverkrampft, dass es schwerfällt, ihn in derart wertende Schubladen zu stecken.
Anekdoten und Wissenswertes wie etwa zur Entstehung des Erfolgslabels "Made in Germany" aus dem Versuch, die Briten vor deutscher Billigware zu warnen, oder die Erfinderliste von Konrad Adenauer (vom elektrischen Fliegentöter bis zur Sojawurst "mit Friedensgeschmack"!), seine Sammlung von Zitaten und Bonmots machen auch Asserates neues Buch zu einer nicht nur lehrreichen, sondern auch kurzweiligen Lektüre.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 33)


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