Die Schreie der Verwundeten
Versuch über die Grausamkeit

von Henning Ritter

€ 20,60
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Philosophie, Religion/Philosophie/Antike bis Gegenwart
Umfang: 189 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.02.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Der Wunsch nach Reinheit und der Boden des Grauens

Geschichte: Nach seiner Geschichte des Mitleids untersucht Henning Ritter nun deren Gegenpart, die Grausamkeit

Solferino 1859: Auf der einen Seite stehen die Soldaten Österreichs, auf der anderen die der Franzosen und Sardinier. Sie blasen zum Kampf und schlachten sich ab, am Ende bleibt ein Menschenmeer aus Verwundeten und Toten.
Henri Dunant gerät wie ein Tourist in das Schlachtgeschehen, das Gemetzel geht ihm auch Jahre danach nicht mehr aus dem Kopf. "Da quillt nun das Gehirn hervor, die Glieder werden gebrochen und zermalmt, der Boden saugt sich mit Blut voll", dokumentiert er das Grauen, beschließt zu helfen und gründet das Rote Kreuz.

Brutalität und Mitleid, Ideal und Moral. Es sind große Themen, die sich Henning Ritter in seinem Werk "Die Schreie der Verwundeten" vornimmt. Der ehemalige Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beginnt seine Abhandlung im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Dort wütet Maximilien de Robespierre, ein Anhänger des aufklärerischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau. Rousseau redet der Macht des Bürgers, der Freiheit des Individuums und der Vernunft das Wort.
Die Aufklärung treibt die Revolution an. Der König wird gestürzt und geköpft, Robespierre sitzt an der Macht und schickt jeden in den Tod, der im Verdacht steht, den Umsturz zu gefährden. Im Bestreben, die hehren Werte durchzusetzen, nimmt Robes­pierre mit seinem politischen Klub der Jakobiner auch Massaker in Kauf.
Der Wunsch nach Reinheit bereitet dem Grauen den Boden. War Robespierre gut oder schlecht? "Er war konsequent", zitiert Ritter den Schriftsteller Friedrich Sieburg. Freiheit zum Preis des Terrors – war das die Frucht der Aufklärung? Die Skrupellosigkeit der Jakobiner gefährdete schließlich selbst die Revolution am meisten. Am Ende musste auch Robespierre sterben.

Ritter erzählt eine Geschichte der Moral, des Grauens und des Mitleids, die miteinander in Wechselwirkung treten: der Wunsch nach Frieden und Freiheit, die blutige Revolution, das Streben nach Gleichheit, die Sklaverei, das Aufkommen von Menschenfreunden wie Henri Dunant, die selbst halfen, anstatt sich auf den Staat zu verlassen.
Seine Kapitel widmet Ritter jeweils den Denkern dieser Zeit: dem Historiker Jules Michelet etwa, der die Gräuel des Terrorregimes unter Robespierre mit plastischen Anekdoten greifbar machte, dem liberalen Theoretiker Benjamin Constant, der versuchte, das politische Erbe der Revolution zu retten, indem er es vom blutgetränkten moralischen Erbe zu entkoppeln versuchte, oder Arthur Schopenhauer, der dem Grausamen in der Welt beizukommen suchte, indem er Ethikvorstellungen auf dem Fundament des Mitleids baute.
Wie nahe das Gute beim Schlechten liegt, hat die Geschichte wiederholt bewiesen. Als die Schreckensherrschaft von Robespierre endete, hinterließ er eine gespaltene Gesellschaft – hier die Opfer, da die Täter. Den Spalt kittete die Angst vor einer Wiederkehr des Terrors.
Die Kultur übernahm die Funktion, die Gesellschaft zu festigen, politische Institutionen zu stabilisieren, sie wirkte nun erzieherisch. Ritter beschreibt sie als den Beginn der modernen Kulturpolitik. Der Freiheitsbegriff wurde zur Möglichkeit individueller Selbstverwirklichung umgedeutet. Zeitungen wurden gegründet, sie informierten und waren frei. Die Angst vor dem Terror als Antriebsmotor der Gesellschaft legte den Grundstein des modernen Frankreichs.

In Amerika entwickelte sich die Demokratie hingegen ohne historische Altlasten. Alexis de Tocqueville konnte nur staunen über die Amerikaner, die alle gleich waren, so ganz ohne hierarchische Standesdünkel.
Sie gingen deshalb freundlicher miteinander um und seien empathischer als seine Landsleute in Frankreich, beobachtete Tocque­ville, sie fühlten sich verantwortlich für das Land, weil sie sich nicht mehr als Leibeigene des Staates sahen.
Der "märchenhaften Entwicklung" und Ausbreitung der Demokratie stand nichts weniger als die Vernichtung eines Volks gegenüber. Um die hehren Werte umzusetzen, wurden die Indianer entweder kriegerisch oder kulturell bekämpft. Sie starben oder assimilierten sich. Am Ende waren sie verschwunden.

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 34)


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