Ethik
Eine Einführung

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: C.H.Beck
Genre: Geisteswissenschaften
Erscheinungsdatum: 12.03.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Moral, Märkte, Macht und Missbrauch

Philosophie: Otfried Höffe erweist sich auch mit seiner Einführung in die Ethik als hervorragender Vermittler

Seit längerem hat Ethik wieder Konjunktur. Die philosophische Begründung der Moral war in Zeiten, als es genügte, jemanden des Moralisierens zu bezichtigen, um ihn aus der Debatte zu kicken, von der Agenda verschwunden. Ursprünglich als Kritik an hypokritischem oder pharisäischem Verhalten und Gerede berechtigt, erwies sich das allzu wörtlich genommene Moralverdikt als Teil einer größeren Lockerung (oder kann zumindest so gelesen werden): Wenn wir nicht mehr festlegen, was wir tun sollen, können alle tun, was sie wollen.

Wir brauchen Märkte, keine Moral. Wir begründen unser Tun nicht. Wir legen im Gespräch mit anderen nicht vernünftig fest, welchen Normen wir uns unterwerfen, wir unterwerfen uns nichts und niemandem außer der unsichtbaren Hand des Marktes, die alles für uns ordnet. Es handelt sich dabei offenbar um eine primitive Zivilreligion, um nicht zu sagen eine Sekte. Dass die Hand nicht nur unsichtbar ist, sondern gar nicht existiert, merkten wir erst, als es zu spät war. Wir waren Opfer der Krise, die Sektenführer des Marktglaubens waren reich.
Die ganze Zeit hindurch hielt es Otfried Höffe anders. Der mittlerweile emeritierte Tübinger Philosophieprofessor ist eine Art Bergwerk der Ethik. "Mich persönlich interessiert aus der Alltagserfahrung vor allem das weite Feld menschlicher Praxis: vom personalen Handeln über Wissenschaft und Technik (die ,Moral als Preis ihrer Modernisierung') bis zu Recht, Staat und Politik, einschließlich Fragen einer globalen Rechtsordnung. Weil die Philosophie in diesem Bereich nicht auf traditionelle Autoritäten festgelegt ist: weder auf gesellschaftliche Üblichkeiten noch hergebrachte Ordnungen oder heilige Schriften, kann sie sich als Anwalt der Menschheit verstehen", sagt er über sich.
Höffe ist Kantianer, man hört aus diesen Sätzen heraus, was Kant die "weltbürgerliche Absicht" nannte. Höffe agiert aber nicht bloß als ein in Debatten eingreifender Philosoph, sondern vor allem als Pä­dagoge. Seine Einführungen in Kants Kritiken wurden zu Recht gelobt, er hat Einführungsbände zu verschiedenen Denkern herausgegeben, ebenso ein "Lesebuch zur Ethik" (2012), das die grundlegenden Texte ethischer Denker aus allen Zeiten und Kulturen versammelt, und ein "Lexikon der Ethik" (2008).
Vor allem aber befasst er sich mit den zwei Türmen des ethische Denkens, mit Aristoteles und Kant. Sie stehen für zwei Grundmodelle – Aristoteles dafür, dass die Menschen das Glück suchen (und in der theoretischen Anschauung finden), Kant dafür, dass der Mensch die freie, autonome Entscheidung treffen kann, sich einer Pflicht zu unterwerfen.
Höffe fügt diesen beiden Modellen noch die Moralkritik und die aus Kant abgeleiteten Vertragstheorien hinzu.
Diese Grundmodelle werden erklärt, ihre Grundgedanken vorgeführt, die Kritik daran erläutert. Und zwar angenehm sachlich, wobei Höffe aus seiner kantianischen Position keinen Hehl macht. Mitunter gestattet er sich sogar einen ironischen Schlenker, wenn er etwa die Hirnforscher darauf hinweist, dass diese den Menschen zwar für unfrei erklären, weil der Naturkausalität unterworfen, für sich selbst aber wissenschaftliche Freiheit beanspruchen, die sie für Preise qualifiziert und vor Plagiatoren schützt.
In der gedrängten Form eines kleinen Büchleins bekommt man wahrscheinlich keine bessere Zusammenfassung ethischen Denkens. Seine Einführung ist im Großen und Ganzen leicht, stellenweise aber auch anspruchsvoll zu lesen – und keinesfalls eine Fibel nach dem Muster "How to become a moralist in five easy lessons". Höffe differenziert ethische Begriffe, skizziert ein kompaktes Panorama ethischen Denkens und führt auch Beispiele angewandter Ethik vor.
Es wäre keine gute Einführung, würde sie nicht erklären, dass die Moderne nicht zuletzt aus moralischen Impulsen entstanden ist, was Menschenrechte, Sozialstaat, Demokratie und rationales Wirtschaften bezeugen. Die Moral besitzt also sehr wohl Macht und neigt wie jede Macht auch zum Missbrauch, von der Doppelmoral bis zum Moralisieren. Die Macht der Moral bleibt aber immer prekär, sie muss sich permanent selbst infrage stellen.

Armin Thurnher in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 30)


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