Der Fisch, der lieber eine Alge wäre
Das erstaunliche Zusammenleben von Tieren und Pflanzen

von Ewald Weber

€ 20,50
Derzeit nicht lieferbar

Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Naturwissenschaft
Umfang: 245 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.08.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Hungrige Hirsche, farbenblinde Insekten

Biologie: David Haskell und Ewald Weber untersuchen die komplexen „Beziehungskisten“ der Natur



Menschliche Beziehungen werden oft von dem Eigenschaftswort „kompliziert“ begleitet. Die Netzwerke und Interaktionen zwischen den restlichen Erdbewohnern hingegen verdienen sich das Adjektiv „komplex“. In der Alltagssprache werden beide Begriffe oft vermischt, und auch bei der Erforschung ökologischer Zusammenhänge stellt die Komplexität der über Jahrtausende evoluierten Lebensgemeinschaften Biologen vor überaus komplizierte Fragestellungen.

Zwei Neuerscheinungen befassen sich genau mit diesem Thema, den Gründen für Erfolg oder Scheitern solcher Partnerschaften, und könnten dabei verschiedener nicht sein.



David Haskell, Professor für Biologie in Tennessee, hat sich dafür einen Quadratmeter Wald in einem forstlich nie bewirtschafteten Gebiet ausgesucht. In diesen Mikrokosmos versenkt er sich für die Dauer eines Jahres und beschreibt seine Beobachtungen in 43 nach Datum geordneten Kapiteln. Diesen Ort vergleicht er mit einem Sandmandala, das für den Lauf des Lebens steht und in dessen Werden und Vergehen sich die Welt offenbart.

Dieser Zugang zur Erkenntnis wurde auch schon von den Humanisten gewählt, die unter der Maxime „Natura maxima miranda in minimis“ („Die Natur ist am größten in den kleinen Dingen“) ein tieferes Wissen über existenzielle Zusammenhänge suchten. Haskell selbst ist sich seiner Grenzen bewusst.

Zur Beobachtung eines Leberblümchens schreibt er: „Wie alle Menschen bin ich auch von meiner Kultur geprägt: Ich sehe die Blüte nur bruchstückhaft, mein Blickfeld ist durch die Jahrhunderte menschlicher Worte verstellt.“

Diese poetische Sprache ist für einen Naturwissenschaftler eher ungewöhnlich, doch Haskell bleibt nicht in lyrischer Bewunderung gefangen, sondern führt die Leser auf eine wunderbare, immer angenehm zu lesende Suche nach Erklärungen. Die tagebuchartig geordneten Texte sind kleine Essays, die zuerst immer mit einer genauen Beobachtung beginnen.



Ausgehend von einer Fraßspur an einem Strauch folgt er im doppelten Sinn der Spur des hungrigen Hirsches, erklärt im lockeren Plauderton die Verdauungsprobleme eines Pflanzenfressers, taucht ein in die mikrobielle Welt des Hirschpansens, erklärt die daraus resultierende Praxis der Verwendung von Antibiotika in der industriellen Landwirtschaft und landet bei der Rolle von großen Primärkonsumenten in Waldökosystemen. Die Träne quillt, die Erde hat ihn wieder, möchte man da als Leser mit Goethe ausrufen.

Auf wundersame und wunderbare Weise wird man in diesen Sog der Erkenntnisse hineingezogen, nie belehrt oder einem akademischen Parforceritt durch die Biologie ausgesetzt. Ausgehend von einer scheinbar nebensächlichen Beobachtung werden die wesentlichen Fragen herausdestilliert und auch für Laien verständlich beantwortet, ganz gleich, ob es um die Probleme von Hermaphroditen, die Schönheit des Schneckenauges oder die unglaubliche Lautstärke des Vogelgesangs geht.

Im Unterschied zu vielen anderen naturkundlichen Publikationen, die mit ihrem krampfhaften Bemühen um Faktizität statt Lesevergnügen eher die Pflicht zur Bewältigung von Lehrstoff aufkommen lassen, folgt man Haskell gerne auf seinen gleichermaßen kontemplativen wie informativen Wanderungen auf seinem Quadratmeter Wald.

Es überrascht daher nicht, dass das Buch in den USA mit dem Best Book Award der National Academies ausgezeichnet wurde und Finalist beim Pulitzerpreis 2013 war.



Ganz anders nähert sich Ewald Weber dem Zusammenleben von Tieren und Pflanzen. Die theoretische und institutionelle Aufteilung der Erforschung der belebten Welt in Zoologie und Botanik ist dem 19. Jahrhundert geschuldet und zur Beschreibung von Ökosystemen untauglich. Wer sich der eigentlich simplen Frage „Warum gibt es in der Neuen Welt mehr rote Blüten als in Europa?“ stellt, muss sich in beiden Disziplinen bewegen.

Der Schweizer Biologe schafft dies auch in kompetenter Weise und erklärt dem Leser mit klarer Sprache, dass die im roten Farbbereich blinden Insekten vor allem von gelben Blüten angelockt werden. In Südamerika hingegen übernehmen auch vielfach Kolibris und kleine Säugetiere diese Aufgabe. Und diese werden von roter Farbe optisch besser angelockt.

Andere Bestäuber fordern aber auch andere, stabilere Pflanzenkonstruktionen, die ein interessantes Wechselspiel zwischen den ungleichen, aber wechselseitig aufeinander angewiesenen Arten entstehen lassen.

So reihen sich kurze, durchaus informative Abhandlungen über Formen der Koevolution, „Senf-Ölbomben“ oder „Heiratsschwindler“ aneinander – jedoch ohne verbindenden roten Faden. Es wirkt ein bisschen so, als ob sich ein Universitätsprofessor aus seinen Unterlagen ein paar Exkurse über symbiontische und parasitische Lebensgemeinschaften für einen unterhaltenden Vortrag herausgesucht hätte.



Zudem enttäuscht die lieblose Gestaltung durch den Verlag. Der titelgebende und auf dem Buchcover abgebildete Große Fetzenfisch wird auf genau zwei Seiten abgehandelt, und die farbigen Fotos sind oft ohne Bezug zum Text und mit bedeutungslosen Bildtexten versehen („Streifenhörnchen sind eine Gruppe kleiner Nagetierarten“).

Das Prinzip „Liebe geht durch den Magen“ ist in manchen Beziehungen ein Erfolgsrezept. Hätte der Autor mehr Herz- als Wissenschaftlerblut in sein Buch fließen lassen, dann würde beim Lesen nicht ständig das Verlangen entstehen, die Texte nachsalzen zu müssen.

Peter Iwaniewicz in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 46)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das verborgene Leben des Waldes - Ein Jahr Naturbeobachtung (David G. Haskell)

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