Kuratieren!

von Hans Ulrich Obrist, Asad Raza

€ 20,60
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Annabel Zettel
Übersetzung: Andreas Wirthensohn
Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Kunst
Umfang: 206 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.01.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Das Museum als Laboratorium der Gegenwart

Kunstbetrieb: Hans Ulrich Obrist schreibt mehr über seine Karriere als Kurator als über das Kuratieren als Beruf

Die Ausstellung "Cloaca maxima" fand 1994 an einem ungewöhnlichen Ort statt. Der Kurator Hans Ulrich Obrist hatte eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern eingeladen, damit sie sich im Züricher Museum der Stadtentwässerung mit dem Thema Dreck und Zivilisation auseinandersetzen. Gerhard Richter schickte das Foto seines Gemäldes einer Klopapierrolle, John Miller schuf Fäkalbilder und -reliefs.
Das Museum war vor der Ausstellung ein ruhiges Örtchen, in das sich nur wenige Besucher verirrten; plötzlich fand es breite Beachtung. Kunstfreunde entdeckten diesen "surrealen" Ort, an dem der Übergang zwischen privatem Schmutz und öffentlich organisierter Sauberkeit sichtbar gemacht wurde. "Das waren Augenblicke einer kreativen Vermengung nicht nur von Kunst und Leben, sondern von Kunst und einem Museum mit einer gänzlich anderen Funktion (als der eines Kunstmuseums, Anm. Red.)", schreibt Obrist in seinem Buch "Kuratieren!".

Das Organisieren von Ausstellungen war bis vor wenigen Jahrzehnten eine Nebenaufgabe von Museumskustoden. Seitdem Museumsschauen, Biennalen und Documentas zur Kulturindustrie gehören, rückte auch der "Ausstellungsleiter", wie es früher einmal hieß, in den Mittelpunkt. Obrist verkörpert wie kein anderer den Typus des vielreisenden Netzwerkers, der Ausstellungen an speziellen Orten organisiert und mit Vermittlungsformen experimentiert. So konzipierte er etwa in den 1990er-Jahren im Auftrag des Wiener Kunstvereins museum in progress Projekte in Zeitungen und auf Plakatflächen.
Das Medium Buch erprobte Obrist vor allem in Form gesammelter Interviews, die der 46-jährige Schweizer mit bekannten Künstlern, Wissenschaftlern und Theoretikern führte. Sein gemeinsam mit Asa Raza verfasstes Werk "Kuratieren!" ist weniger eine tiefschürfende Analyse des eigenen Metiers als ein biografischer Rückblick auf ein Vierteljahrhundert Ausstellungsmachen. Der lockere Konversationston lässt den Text wirken wie ein Interview ohne Fragen.
Obrist beschreibt das Kuratieren nicht als ausgereifte Disziplin, sondern als eine mündlich tradierte Kulturtechnik, deren Werkzeuge von Generation zu Generation weitergereicht werden. Er bezeichnet den legendären documenta-Kurator Harald Szeemann, der mit kulturgeschichtlichen Themen und multimedialen Räumen die Grenzen des traditionellen Museums überschritt, als Mentor.
Szeemann wiederum wurde geprägt von Willem Sandberg, der das Amsterdamer Stedelijk-Museum in Richtung Design und Typografie öffnete.
Zugang zur Geschichte des Kuratierens fand Obrist durch persönliche Bekanntschaften und Antiquariatsfunde. So lernte er die Arbeit des Kunsthistorikers Alexander Dorner durch dessen Buch "Überwindung der ,Kunst'" (dt. 1959) kennen. Dorner war zwischen 1925 bis 1937 Direktor des Provinzialmuseums Hannover und arbeitete damals mit den wegweisenden Ausstellungsgestaltern El Lissitzky oder Friedrich Kiesler zusammen.
Das Museum als Laboratorium der Gegenwart ist eine Leitidee, die Obrist von Pionieren wie Dorner übernahm.

Obrist ist Kurator von Biennalen und Festivals. Sein Stammhaus ist die Serpentine Gallery, deren Vizedirektor er seit 1996 ist. Die Londoner Kunsthalle, ein Pavillon in einem Park mit temporäreren Erweiterungsbauten, ist typisch für seinen kuratorischen Stil. An die Stelle starrer Ausstellungen treten Symposien und künstlerische Interventionen.
Leider bleibt Obrist in seinen Betrachtungen an der Oberfläche hängen. Sein Status in der Kunstwelt ist so hervorragend, dass man sich von einem Blick in die Werkzeugkiste mehr erwartet hätte. Die selbstreflexive Frage nach der Macht der Kuratoren bleibt ausgespart.
Immerhin entscheiden Leute wie Obrist im globalisierten Kunstbetrieb über Künstlerkarrieren. Da ein bisschen kulturgeschichtliches Namedropping, dort einige Anekdoten über den bildungsbürgerlichen Lifestyle: Zu einer eigenen Kunstform hat Obrist das Kuratieren nicht weiterentwickelt.

Matthias Dusini in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 41)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen