Die seltsamsten Orte der Welt
Geheime Städte, Wilde Plätze, Verlorene Räume, Vergessene Inseln

von Alastair Bonnett

€ 20,60
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Andreas Wirthensohn
Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Umfang: 296 Seiten
Erscheinungsdatum: 31.01.2017


Rezension aus FALTER 41/2015

Fesselnde Orte müssen nicht schön sein

Geografie: Topophilie heißt die Liebe zu Orten, die ungewöhnlichsten beschreibt Alastair Bonnett



Es gab Zeiten, als Kartografen die zahllosen weißen Flecken auf der Weltkarte mit dem kurzen lateinischen Vermerk „hic sunt leones“ versahen. Man wusste nichts über die Terra incognita und vermutete dort gefährliche Raubtiere. Das war nur folgerichtig. Das Unbekannte scheint stets bedrohlich. Im selben Maß zieht es uns an.

Wie neugierige Kinder, die vor Aufregung zitternd nicht anders können, als auch noch in die dunkelsten Ecken hineinzuschauen, tasteten sich jahrhundertelang Forscher und Entdecker bis in die entlegensten Weltgegenden vor. Aus selbstverständlich streng eurozentrischer Sicht war dort vor ihnen einfach noch niemand gewesen. Grund genug, dorthin aufzubrechen.

Heute will es scheinen, als wären uns die Orte endgültig ausgegangen, von denen Wagemutige wundersame Erzählungen zurückbringen könnten. Jetzt stehen wir da, unser Bedürfnis nach „kuriosen Erzählungen aus fernen Gegenden“ ist so frisch wie eh und je, und wir sehnen uns „nach einer geografischen Wiederverzauberung“ unseres grell ausgeleuchteten, vollends vernetzten Planeten.



Denn uns treibt der Hunger nach Orten, die wir mit Bedeutung erfüllen können. Wir sind, sagt der englische Geograf Alastair Bonnett, eine Orte schaffende und Orte liebende Spezies. Unsere „Topophilie“ oder Liebe zum Ort ist ein wesentlicher Aspekt unseres Menschseins. Bonnett beruft sich damit auf eine These des 1930 geborenen chinesisch-amerikanischen Geografen Yi-Fu Tuan, der den Begriff prägte. Sein Konzept steht im Zentrum von Alastair Bonnetts großartigem Buch „Die seltsamsten Orte der Welt“.

Bonnetts Postulat: „In einer vollständig entdeckten Welt hört die Erkundung nicht auf; sie muss nur neu erfunden werden.“ Wie das geht, führt Bonnett auf eindrucksvolle Weise vor. Denn beim Entdecken geht es zuerst darum, dem Vertrauten und der Routine zu entkommen. Ob man das tausende Kilometer von zu Hause entfernt tut oder gleich auf der anderen Straßenseite, ist irrelevant. Vielmehr braucht es „widerspenstige, ungebärdige Orte, die sich Erwartungen verweigern“. Und genau solche Orte hat Bonnett gleich dutzendweise beschrieben. Folgt man ihm lesend, kommt man aus dem Staunen darüber gar nicht mehr heraus, was Mensch und Natur an wunderlichen Orten hervorgebracht haben und immer noch hervorbringen.



Viele dieser Orte sind „Rebellenstützpunkte der Imagination“, wie Bonnett es einmal im Zusammenhang mit einer Insel vor der australischen Küste formuliert, die lange auf Seekarten verzeichnet war und die Fantasien vieler Menschen befeuerte, bevor ein Forschungsschiff 2012 endgültig feststellte, dass es „Sandy Island“ nie gegeben hat. Hier war die Nichtexistenz eines Ortes zu entdecken. Bonnett befasst sich aber auch mit „Nicht-Orten“ wie den geheimen Verhör- und Internierungszentren, die die USA im Kampf gegen den Terror in Osteuropa unterhielten, oder mit den nur vermeintlich einfachen Gebilden Verkehrsinsel, Niemandsland oder Luftraum, die bei genauerer Betrachtung alle möglichen Fragen aufwerfen und die interessantesten Geschichten produzieren.

Wo wenig Platz ist, kann nämlich sogar die Luft zu einem wertvollen Ort werden. Zum Beispiel in Manhattan, wo Grundbesitzer die „Luftrechte“ über ihrem Grund und Boden für mehrere tausend Dollar je Quadratmeter verkaufen können, auf dass in der Folge irgendeine architektonische Konstruktion in diesen erworbenen Luftraum hineinrage.

Bonnett, im Hauptberuf Professor für Sozialgeografie an der Universität Newcas­tle, erzählt aber auch von den Scheinorten, die etwa die Briten im Zweiten Weltkrieg errichteten, damit deutsche Bomber von ihnen in die Irre geführt und von ihren eigentlichen Zielen abgelenkt werden, was sehr gut gelang. Er berichtet, wie mehrfach umbenannte Orte wie St. Petersburg/Leningrad in den Köpfen der Menschen ein Doppelleben führen, beschreibt große Friedhöfe als Lebensräume oder urbane Kanalsysteme als aufregende und heiß umkämpfte Entdeckungsfelder der „urban exploration“.



Man erfährt, dass riesige, zollfreie Schatzdepots wie der „Genfer Freihafen“, in denen Reiche ihre Vermögenswerte horten und handeln, in immer mehr Metropolen entstehen oder dass es vermutlich in den Ozeanen herumtreibende riesige Bimssteinflöße sind, die, – als Nebenprodukt des Vulkanismus – einen gewichtigen Anteil daran haben und hatten, wie sich Pflanzen- und Tierarten auf der Welt ausbreiteten.

Bonnett führt auch ins menschenleere Gebiet um Tschernobyl oder in moderne somalische Piratennester voller auf Riesentankerentführung spezialisierter Cyberkrimineller, die früher Fischer waren. Er hat das Leben in heillos unübersichtlichen Grenzgebieten erforscht und der menschenleeren nordkoreanischen und chinesischen Propagandaarchitektur auf den Zahn gefühlt.

Und während man über dieses unglaublich kuriose Sammelsurium von Nicht- und Scheinorten, von Industrieruinen und Grenzgebieten, von privaten Kreuzfahrtschiffen und Outdoor-Sexzonen, von Minifürstentümern, ozeanischen Plastikmüllstrudeln oder schwimmenden Kunstinseln liest, wird einem klar, dass man das eigene Bild von dem, was ein Ort alles sein kann, schleunigst erweitern sollte.

Nicht nach willkürlichem Zusammenwürfeln wirkt dieses Buch, sondern nach der blitzgescheiten Bestandsaufnahme einer Welt bemerkenswerter Orte. Es ist, wie Alastair Bonnett sagt: Die echte Topophilie weiß, dass „unsere Verbundenheit mit dem Ort nicht bedeutet, die geografische Entsprechung von niedlichen kleinen Kätzchen und Welpen vorzufinden“. Anders gesagt: Fesselnde Orte müssen nicht schön sein.

Julia Kospach in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 52)


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