Kritik der Freiheit
Das Grundproblem der Moderne

von Otfried Höffe

€ 30,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Philosophie, Religion/Philosophie
Umfang: 398 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.03.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Freiheit als Wirklichkeit, Aufgabe und Sehnsucht

Philosophie: Der Kant-Spezialist Otfried Höffe hat eine lesenswerte Monografie der Freiheit geschrieben

Wie weit ist menschliches Freiheitsstreben und seine Verschärfung im Projekt der Moderne weiterhin berechtigt und möglich? Wo findet Freiheit ihre Grenzen? Wo droht die Moderne zu scheitern?
Otfried Höffe lehrte Rechts- und Sozialphilosophie in Duisburg, Fribourg und zuletzt in Tübingen, wo er 2011 emeritierte. Einer breiteren Öffentlichkeit ist er vor allem durch Arbeiten über Immanuel Kant und seine Tätigkeit als Herausgeber der Reihe "Denker" bei C. H. Beck bekannt. Auch sein jüngstes Buch hat einführenden Charakter und ist sowohl durch die Aktualität der Fragestellungen als auch die Klarheit der Antworten jedem interessierten Laien zugänglich.

Es stellt den Versuch dar, mit dem Leitprinzip der Freiheit die Moderne einer Kritik zu unterziehen. Grundlegende philosophische Überlegungen verbinden sich mit Gegenwartskommentaren. "Den Phänomenen folgen" ist Höffes aus der Klassik übernommener methodischer Leitsatz.
Ideengeschichtliche Hinweise geben darüber hinaus den systematischen Überlegungen eine historische Tiefendimension. Freiheit nimmt von allem Anfang der Philosophie in Griechenland an eine zentrale Stellung in der Befragung des Wesens der Menschheit ein – "als Wirklichkeit, als Aufgabe und als Sehnsucht".
In der Moderne hat ihr Verständnis als ein Konstitutiv des Menschen seine höchste visionäre Gestalt gefunden, der Freiheit damit aber auch eine bisher unbekannte Vieldeutigkeit verliehen. Die Architektur dieser Abhandlung bildet den unterschiedlichen Stellenwert des Begriffes in den einzelnen Praxisfeldern ab.
So werden die Problembereiche Befreiung vom Zwang der Natur in Technik und Medizin befragt, der Liberalismus als Streben nach einer freiheitlichen Ordnung in Wirtschaft und Gesellschaft auf seine Tragfähigkeit und in Hinsicht auf das Korrektiv von Gerechtigkeit geprüft. Schließlich wird politische und personale Freiheit differenziert beleuchtet.
Eine Sonderstellung als Gegenmodell zum Alltag nehmen Wissen und Kunst ein. Kreativität und Kritik spielen in diesem Bereich eine große Rolle, beides kulturelle Werte, die die Moderne erst so richtig zur Blüte gebracht hat.
Die Ausführungen zu diesen Themen stellen denn auch das Glanzlicht des Buches dar.

Die Rolle der Aufklärung im Kampf gegen die Zensur ist bekannt und wird hier als Ausgangspunkt genommen. Höffe differenziert freiheitsrelevantes Wissen in drei Aspekte. Neben die Emanzipation von Naturzwängen in den angewandten Wissenschaften und sich von Tradition bzw. Vorurteilen befreiende Denkakte stellt er das eigentlich "nutzfreie" Wissen. Dieser Begriff geht schon auf Aristoteles zurück, darauf zu insistieren erweist sich aber als von großer Aktualität, da Höffe mit dieser Dimension des Denkens dem geistfeindlichen Geschwätz über "Orchideenfächer" die Stirn bietet.
Wie alt und doch so neu die Frage der Freiheit in Philosophie und Kunst ist, zeigt er in Überlegungen, die bei Platons Kritik an den Dichtern einsetzt. Dem platonischen Vorwurf, Homer und Hesiod wären nicht der Wahrheit verpflichtet gewesen, setzt Aristoteles einen spezifisch dichterischen Wahrheitsbegriff entgegen: die innere Stimmigkeit.
Sie befreit von bloß historischer Faktizität und drückt exemplarisch allgemein Menschliches aus.

Eine radikale Aufwertung findet die Autonomie der Kunst dann in Immanuel Kants "Kritik der Urteilskraft". Kant billigt dem ästhetischen Urteil in seinem interesselosen Wohlgefallen Objektivität zu und räumt damit der Kunst eine spezifische Freiheit ein. Mit Auswirkungen auf den Lebensraum, den jede staatliche Ordnung auch heute der Kunst gewähren muss, die damit die Bildung eines Gegenpols zum Übergewicht von Rationalität und Wissenschaft, Technik und Ökonomie unterstützt.
Auch das Kapitel über die Erziehung zur Freiheit ist äußerst lesenswert. Es propagiert im Anschluss an Kant eine Pädagogik, die gleich weit entfernt ist von den chaotischen Anwandlungen der antiautoritären Erziehung wie den aktuellen Gefahren einer bloß berufsbildnerischen Dressur. Ihr Leitbild: eine interne Kultivierung des Menschen hin auf eine Berufs-, Sozial- und Moralfähigkeit.
Den Ausführungen über die Wirtschaft, in denen Markt und Wettbewerb gefeiert und das Privateigentum als zentrales Element der Freiheit hingestellt werden, hätten allerdings mehr kritische Töne gut getan.
Sympathisch bleibt der Blick des Autors, der, Skepsis und Optimismus verbindend, Freiheit und Moderne als allzeit gefährdet, aber nicht gescheitert betrachtet.

Thomas Leitner in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 40)


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