FAKE
Die kuriosesten Fälschungen aus Kunst, Wissenschaft, Literatur und Geschichte

von Peter Köhler

€ 13,40
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Verlag: C.H.Beck
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Sonstiges
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.12.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Gefeilte Knochen und befleckte Milch

Soziologie: Fälschungen und unscheinbare Dinge: zwei ungewöhnliche Blicke auf den Homo „sapiens“



Peter Köhler ist Sachbuchautor, Tilman Allert Soziologieprofessor. Beide arbeiten auch als Journalisten und verstehen es, die Welt zu zeigen, wie sie ist. Sie sammeln Wunder und Wunderlichkeiten, um sie in unaufdringlicher Präzision zu präsentieren.



Hat Goethe von Shakespeare abgekupfert? Das behauptete etwas kokett zumindest der Geheimrat selbst. Tatsächlich findet sich in einem Lied des Mephisto in Goethes „Faust“ ein Motiv aus Hamlet: jenes der verführten und dann verlassenen Jungfrau – zwei Zeilen lang. Da haben die Ururenkel mehr drauf. 1218 Zitate ohne Quellenangabe fanden sich in der Dissertation des Karl-Theodor zu Guttenberg. In deren Einleitung hatte der liebevoll als „Dr. plag.“ bezeichnete Ex-Minister aus der FAZ abgeschrieben.

Peter Köhler hat sie alle gesammelt: die großen und die kleinen Lügen. Auf viele davon dürfte der taz-Journalist und Satiriker schon während früherer Recherchen gestoßen sein. Als Buchautor hat er sich unter anderem mit Religionen, Philosophen und Literaturkritik beschäftigt. Sein letztes Werk behandelte „Versprecher und andere Sprachunfälle“ („Augen durch und zu“, 2015). Über 70 Fundstücke fingierter Daten und Taten reiht er nun in seinem neuen Buch „Fake. Die kuriosesten Fälschungen aus Kunst, Wissenschaft, Literatur und Geschichte“ in kleinen Essays aneinander.

Schon die Geschichte lehre zu fälschen, meint Köhler und präsentiert die frei erfundene vertragliche Grundlage des Kirchenstaates namens Konstantinische Schenkung. Doch die Lügen lernten schon früher laufen: Hundezähne waren in der Jungsteinzeit beliebte Schmuckstücke. Wo einer nicht genug Zähne für eine Kette hatte, feilte er ein paar Knochenstücke zurecht – fertig war die älteste Fälschung der Welt.

Manche Fakes gelingen mit fabelhafter Frechheit. Bekannt ist der Schuster aus Köpenicke, der sich im Uniformkostüm ein paar Wachsoldaten schnappte, um die Stadtkasse zu konfiszieren. Doch auch die Karriere des Mannes, der es ohne Reifeprüfung zum Oberarzt bringt, oder die von einem Verleger erdichtete Dichterin können sich sehen lassen. Vollständigkeit ist hier kein Kriterium, ein wenig mehr System hätte die bunte Fälschungsfibel jedoch vertragen.

Journalistischen Ansprüchen genügt sie: Fakten werden mit sparsamer Interpretation berichtet und, soweit sich’s feststellen lässt, nicht verfälscht. Einzig die Vita des Autors nährt Zweifel: Hat der „illegitime Sohn der saudischen Prinzessin Lolowah“ wirklich Idi Amin betreut und nebenbei einen „kartoffelbetriebenen Server für das Internet“ entwickelt? Stilistisch steht die kleine Autobiografie in bester Gesellschaft: Der Satiriker präsentiert seine Sammlung schräger Fälschungen höchst unterhaltsam.



Auf Latte Macchiato stoßen wir im Alltag immer häufiger. Die „befleckte Milch“ ist für Tilman Allert ein Sinnbild der Adoleszenz: „Der Espresso, kaum mehr als ein Schluck und medikamentengleich den Erwachsenen vorbehalten, sowie reichlich Milch, wie aus der frühen, der verlorenen Zeit, aus der Zeit des Frühstücks im Elternhaus.“ Solch fantasievolle Metaphorik verwendet der Soziologe in seinem Buch „Latte Macchiato. Soziologie der kleinen Dinge“ öfters, um seine Fundstücke aus dem Alltagsleben einzuordnen. Doch seine bildgebenden Beobachtungen bleiben nüchtern genug, um nicht zu verkitschen. Gefasst sind sie in kleine, wenige Seiten lange Essays.

In einigen davon porträtiert Allert besondere Typen: die Modeschöpferin Jil Sander, die vom Aussterben bedrohten Hausmeister, Kanzlerin Angela Merkel. Letztere charakterisiert er durch die Raute, die sie beim Sprechen gerne mit ihren Händen formt. In der Geste liegt ein wesentliches Moment dieser Kleine-Dinge-Kollektion. Mit ihr charakterisiert Allert Menschen, Orte, öffentliche Räume. Offenbar eine Leidenschaft: Sein letztes populäres Buch war einer einzigen Handbewegung gewidmet: „Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste“ (2010).

Soziologen? Das sind doch jene, die immer versuchen, mit viel Theorie zu erklären, wer wir sind und wie wir uns in der Welt bewegen. Nicht so Allert. Große Gedankengebäude mögen andere errichten, dem Frankfurter Professor für Bildungswissenschaften genügt die Welt so, wie sie ihm erscheint. Diese Tugend beweist er regelmäßig auch in Beiträgen für die FAZ und brand eins. Allerts Kunst liegt nicht in der Jagd nach Sensationen, sondern darin, Gewöhnliches zu sammeln, zu polieren und so genau zu betrachten, bis es außergewöhnlich wirkt.



Kleine Dinge, die unsere Welt prägen, sucht Allert. Viele davon findet er in unserer Sprache, Heideggers „Haus des Seins“. Er bekommt sie dort zu fassen, wo sie sich in oft gebrauchten Redewendungen verändert.

Was vorgestern noch „sagenhaft“ hieß, war gestern „krass“ und ist heute „abgefahren“. Oder ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie oft man heute „keine Ahnung“ als universelle Unzuständigkeitsfloskel vernimmt? Manche schönen neuen Wörter kreiert der Autor selbst, etwa die „Tischflucht“ für die zunehmend praktizierte Nahrungsaufnahme im Stehen, Vorbeigehen oder beim Fernsehen. Die spezielle Gabe liegt im Blick fürs Bezeichnende. Treffsicher findet Allert das Typische, die Kleinigkeiten, die den großen Geschehnissen Farbe und Nuancen verleihen. Dem Leser verhilft dieses Talent zu lebensnahen, leichtfüßigen Bildern einer wohl bekannten, aber doch ganz neu gezeichneten Welt.

Was beide Werke gemeinsam haben, ist der Blick fürs Besondere im Gewöhnlichen. Sie verschonen den Leser damit einmal mehr damit, die Welt erklären zu wollen. Mit feiner und origineller Betrachtung durchaus bekannter Details schaffen sie neue Perspektiven.

Andreas Kremla in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 43)


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