Die Erkundung der Welt
Die großen Entdeckungsreisen von Marco Polo bis Humboldt

von Jürgen Sarnowsky

€ 20,60
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Allgemeines, Nachschlagewerke
Umfang: 244 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.01.2016


Rezension aus FALTER 41/2015

Erforschen, entdecken, erzählen oder aufzählen?

Geografie: Jürgen Sarnowsky erzählt auf alte deutsche Professorenart von den großen Entdeckern



Marco Polo war nicht der erste, sondern nur der berühmteste Europäer des 13. Jahrhunderts, der zu mongolischen Herrschern reiste. Vorher dorthin gegangen waren Geistliche, die vergebens hofften, die „wilden Horden“ missionieren und eine Allianz gegen die Muslime schmieden zu können. Die Mongolen waren wohl eher amüsiert denn beeindruckt und ließen eine päpstliche Delegation auch schon einmal drei Monate warten, dann dem Abbild Dschingis Khans Referenz erweisen. Es ging nicht um die „Erkundung der Welt“, sondern um Machthändel und christliche Welterlösungsvisionen.



Die Polos, eine venezianische Kaufmannsfamilie, folgten ab etwa 1260 – auf Geschäftsreise. Erst viel später, um 1500 herum, wurden Kaufleute dann von wirklicher Abenteuerlust getrieben, Ludovico de Varthema etwa. Marco Polo avancierte zum berühmtesten Asienreisenden des Mittelalters, nachdem er im Krieg zwischen Venedig und Genua (1296–99) in Gefangenschaft geraten war und einem schreibkundigen Mitgefangenen von seinen 17 Jahren am chinesischen Hof erzählt hatte.

Marcos Reise selbst spielte dabei nicht einmal die Hauptrolle. Im Zentrum standen die wohlwollend präsentierten Erfolge der Mongolenherrschaft, die den Chinesen nur Existenzen dritter und vierter Klasse zubilligte – was Marco nicht hinderte, deren Schrift, Sitten und volksreligiöse Praktiken aufmerksam wahrzunehmen.

Wilhelm von Humboldt wiederum, mit dem Jürgen Sarnowsky in seinem Buch „Die Erkundung der Welt“ diesen Rückblick beendet, machte ebenfalls keine Entdeckungsreise; er wollte längst erschlossene Gegenden Lateinamerikas wissenschaftlich präziser erfassen.

Nicht nur die Landschaften, auch die Indios waren bereits jahrhundertelang Gegenstand von Berichten. Der Erste, der mit ihren Lebensformen intimer bekannt wurde, war ein Deutscher namens Hans Staden. Als Schütze in Diensten der Spanier stehend, hatte er 1554 neun Monate in Gefangenschaft brasilianischer Indios zugebracht. Zuvor war er bereits einmal zwei Jahre im Dschungel herumgeirrt und hatte sich vor Kannibalen gerettet, indem er sich als Schamane ausgab, bevor ihn die Franzosen 1555 freikauften.



Wo in Reiseberichten die Beobachtung endete und Fantasie, Prahlerei, Dichtung begann, war bis ins 18. Jahrhundert oft nicht zu entscheiden. Dann aber wurde wissenschaftlicher Erkenntnisdurst oft zum zentralen Motiv: Der Franzose Charles Marie de la Condamine brach 1735 mit anderen Mitgliedern der Pariser Akademie der Wissenschaften auf, um die genaue Gestalt der Erde besser zu erfassen.

Er überquerte die Anden und bewegte sich zwei Generationen vor Humboldt monatelang mit Flößen auf dem Amazonas und sammelte Informationen zu Geografie, Flora, Fauna sowie den Völkern der Region.

In dieser jungen Tradition bewegte sich Wilhelm von Humboldt, als er auf eigene Kosten, aber mit Erlaubnis der spanischen Krone genau zur Jahrhundertwende den Orinoco bis zum Rio Negro befuhr, später den Chimborazo beinahe bis zum (6300 Meter hohen) Gipfel bestieg und in den Anden auf die legendären Überreste des Inkareichs stieß.

Sarnowsky lässt die antiken Wege des Austauschs von Kultur, Waren, Religionen gleich ganz außen vor. Die vielen Expeditionen etwa der Chinesen nach Indien oder Afrika fehlen, sogar die berühmte „Reise nach dem Westen“ des Mönchs Xuanzang nach Zentralasien, um buddhistische Schriften zu holen.

Komplett ausgespart sind die den christlichen Reisen vorausgehenden Pilger-, Entdeckungs- und Missionsfahrten in der muslimischen Welt. Ibn Fadlan etwa reiste 921 mit einer riesigen Expedition nach Russland und missionierte dort Gruppen von Türken. Ibn al-Arabi, der aus Spanien stammende Mystiker, soll zu Lebzeiten (1165–1240) 90.000 Kilometer zurückgelegt haben. Das Reisen auf der Welt deutete er als Analogon spiritueller Reisen.



Was daraus folgt: Beide Singularartikel des Titels „Die Erkundung der Welt“ sind irreführend. Das Buch besteht zum größten Teil aus uninspiriert exzerpierten Listen von Daten und Namen. Jede Einordnung in weitere geistesgeschichtliche Zusammenhänge fehlt. Es überrascht und verärgert, dass man im für seine historische Sachbuchkultur berühmten Hause Beck hier nicht lenkend eingegriffen hat, denn der Stoff ist von jeher überaus dankbar für gute Geschichtenerzähler.

So hat man unfreiwillig bewiesen, dass an dem Vorurteil, Erzählkunst und das Amt eines deutschen Geschichtsprofessors seien schwer vereinbare Dinge, immer noch etwas dran ist.

Sebastian Kiefer in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 44)


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