Daldossi oder Das Leben des Augenblicks
Roman

von Sabine Gruber

€ 22,60
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 315 Seiten
Erscheinungsdatum: 07.10.2016

Rezension aus FALTER 32/2016

Das Sterben der anderen

Die Schriftstellerin Sabine Gruber taucht in ihrem neuen Roman in die Welt der Kriegsreporter ein. Straight, unprätentiös, ohne moralische Anmaßung

Die gute Nachricht zuerst: Bruno Daldossi hat überlebt. Drei Jahrzehnte war der Südtiroler als Kriegsfotograf unterwegs, in Afghanistan und im Irak, in Bosnien und Tschetschenien. Kaum ein Kriegsgebiet oder ein Krisenherd, in dem er nicht an vorderster Front dabei gewesen wäre. In dieser Zeit musste Daldossi viele Kollegen beerdigen, die bei Gefechten erschossen wurden oder sich selbst das Leben nahmen. Vielleicht hat er besonders gut aufgepasst, oder er hatte einfach nur Glück.
Erfreuen kann er sich seines Lebens nicht mehr, steht er am Ende seiner beruflichen Laufbahn doch allein da. Nicht genug, dass ihn das Magazin, für das er tätig war, in den Ruhestand geschickt hat. Auch seine Gefährtin Marlis hat ihn, nachdem sie ein halbes Leben damit verbracht hat, zu Hause seine Rückkehr aus Krisenherden zu ersehnen, schließlich verlassen. Daldossi ist ein Versehrter, dem man es auf den ersten Blick nicht ansieht. Körperlich hat er keine Verletzungen davongetragen. Die seelischen Narben sind aber umso schlimmer.
Tag und Nacht wird er von den Bildern, die er in Kriegsgebieten gesehen und geschossen hat, verfolgt. Er kann (sie) nicht abdrehen: „Daldossis Gedan­kenschalter hatte die Angewohnheit, hartnäckig in seinem Zustand zu ver­harren, es war kein Standby möglich, die Bilder ließen sich nicht wegklicken, die Wörter nicht streichen, es sei denn, Daldossi hatte getrunken oder er war endlich, meist mit Hilfe von Beruhigungsmitteln eingeschlafen.“ Auch im Traum verfolgen ihn die Bilder weiter.

Die in Wien lebende Südtirolerin Sabine Gruber hat sich für ihren neuen Roman „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ mit Kriegsfotografen und -reportern eine interessante Spezies als Thema ausgesucht. Befeuert von einer Mischung aus aufklärerischem Impuls, Neugier und Abenteuerlust begeben diese sich freiwillig in große Gefahr. Das Thema beschäftigt Gruber schon lange: 1999 wurde der Stern-Reporter Gabriel Grüner, mit dem sie befreundet war, im Kosovo erschossen. Dass ihr Roman erst 17 Jahre später erscheint, hängt mit ihrer Arbeitsweise zusammen, die umfangreiche Recherchen und Reflexionen ebenso beinhaltet wie das besonders sorgfältige Komponieren ihrer Bücher. Für „Daldossi“ sammelte sie neben viel Material auch selbst Erfahrungen im Fotografieren und absolvierte ein Journalistentraining zum Verhalten in Krisenregionen.
Kriegsfotografen sind Heimatlose. Ihren Familien und Freunden zu Hause können sie ihre Erfahrungen nur schwer vermitteln, da die Realität oft noch grausamer ist als ihre Fotos. Und für die kleine Alltagssorgen ihrer Lieben – wer bringt heute den Müll raus? – haben sie keinen Kopf mehr. Gegen Ende ihrer Beziehung hatten sich Daldossi und Marlis kaum noch was zu sagen. Sie brachte für den Raum, den die „Knipserei“ in seinem Leben einnimmt, kein Verständnis mehr auf, er nahm ihre Arbeit als Zoologin und ihren Einsatz für traumatisierte Tiere (!) nicht ernst genug.

Die Möglichkeit zu seiner eigenen Rettung erscheint Daldossi in Gestalt der Journalistin Johanna. Sie wird zu einem Einsatz nach Lampedusa gerufen, er reist ihr hinterher. Seine Motive dafür scheinen nicht ganz klar. Will er eine neue Eroberung machen? Oder wittert er die Chance, ein paar aufregende Fotos zu bekommen?
„Daldossi oder Das Leben des Augen­blicks“ stellt viele Fragen: Welchen Sinn hat es, Fotos von Massakern in Zeitungen abzudrucken? Rütteln solche Fotos den Betrachter auf oder stumpfen sie ihn ab? Und ist es pervers, ein Kriegsfoto gelungen zu nennen und die Bildkomposition zu loben? Gruber macht nicht den Fehler, auf alles Antworten geben oder einen Langessay als Roman verkaufen zu wollen.
Um den Roman nicht zu überfrachten, präsentiert dieser sich dem Leser – die Flashbacks zu traumatisierenden Kriegserlebnissen ausgenommen – als überraschend straight erzählte Story von einem Mann in der Krise. In unprätentiöser Sprache gelingt Gruber zugleich das eindringliche Porträt eines extremen Berufsstands. Sie maßt sich jedoch nicht an, ein moralisches Urteil über Kriegsfotografen zu fällen, die im Zweifelsfall eher mit der Kamera draufhalten, als gefährdeten Zivilisten zu helfen.
Spannend ist, wie sie das Thema ihres Romans umkreist, ohne es direkt zu zeigen. So finden sich in dem Buch zwar einige Fotos aus verschiedenen Kriegsgebieten, aber nicht in Form von Bildern, sondern als Beschreibungen der darauf festgehaltenen Szenen. Die Bilder prägen sich erstaunlich stark ein. Wiegen Worte am Ende mehr als Fotos? Auf jeden Fall erlaubt der Roman einen differenzierteren Blick. Zumal ein so guter.

Sebastian Fasthuber in FALTER 32/2016 vom 12.08.2016 (S. 30)


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