Südosteuropa
Weltgeschichte einer Region

von Marie-Janine Calic

€ 39,10
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Umfang: 704 Seiten
Erscheinungsdatum: 22.02.2019


Rezension aus FALTER 1-2/2017

Leute, die man einfach nicht kennt, aber kennen sollte

Marie-Janine Calic schreibt die Geschichte Südosteuropas neu – und öffnet den Blick für die Fortschrittlichkeiten dieser Region

Wäre Rigas Velestinlis in Paris oder auch in Arras geboren, stünde sein Name wahrscheinlich in ganz Europa in den Schulbüchern. Da er aber in einem thessalischen Dorf zur Welt kam, hat der Rebell vom Ende des 18. Jahrhunderts es nur auf die griechische Zehn-Cent-Münze geschafft. Dabei qualifiziert den Mann vieles dazu, in ganz Europa in einem Atemzug mit Danton und Robespierre genannt zu werden: universale Bildung, revolutionäre Kühnheit, tragisches Ende.
Aber wer kennt Rigas Velestinlis? Den griechischen Aufstand, den der Mann aus Thessalien gedanklich vorwegnahm und politisch vorbereitete, nahm der glücklichere Westen nur für eine kurze, schwärmerische Phase als den eigenen Kämpfen ebenbürtig wahr.
Figuren wie Rigas Velestinlis kommen in dem gut lesbaren 700-Seiten-Werk der Münchner Südosteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic gleich zu Dutzenden vor. Der geniale – und verrückte – Amerikaner Nikola Tesla, ein Serbe aus Kroatien, hat es immerhin zu einer Elektroautomarke gebracht. Der Mathematiker und Astronom Rudjer Boskovic aus Dubrovnik kommt außer in seinem Heimatland allenfalls noch in Italien zu gewissen Ehren – wenn auch zu einem „Ruggero Giuseppe Boscovich“ veredelt. Der Rumäne Dinicu Golescu hätte gewinnbringend mit Carl Friedrich Gauß parlieren können; die beiden waren ein Jahrgang. Ihnen wäre ebenso wenig langweilig geworden wie etwa Leibniz mit Golescus Landsmann Dimitrie Cantemir.

Aufklärung am Balkan
Die Männer und sogar einige Frauen, die Calic in ihrem Buch dem Vergessen entreißt, widerlegen die verbreitete Legende, im Südosten Europas gingen die Uhren anders als im Rest des Kontinents. Sie ticken nur nicht so laut. Ausführlich legt die Historikerin dar, dass die Aufklärung, die ja am orthodoxen, wenn nicht gar muslimischen Südosten spurlos vorübergegangen sein soll, hier sehr wohl stattgefunden hat.
An Nationalismus und Sozialismus, den großen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, hat die Region sogar einen besonders tiefen Schluck genommen. Immer wenn man meint, man hätte Südosteuropa oder den Balkan ihrer hoffnungslosen Rückständigkeit überführt, kommt eine Gestalt um die Ecke, die einen Lügen straft.
Wenigstens extremen Patriarchalismus will man dem Balkan vorwerfen – bis man Milena Mrazovic kennenlernt, die erste Chefredakteurin in der Geschichte des internationalen Pressewesens. Wenig wahrgenommen wird, dass Südosteuropa nicht trotz, sondern gerade wegen seiner politischen und wirtschaftlichen Schwäche an der Globalisierung sogar einen besonderen Anteil hat: Jede Nation unterhält schon über ihre Diaspora mit den Zentren der Welt regen Kontakt. Kroatien wurde in den letzten Jahrzehnten von einem französischen und einem kanadischen Manager regiert, Bulgarien von einem paneuropäischen Nobelmann. Serbien hatte einen französischen Finanz-, Kroatien einen deutschen Außenminister und Albanien schon in den 1920er-Jahren einen amerikanischen Ministerpräsidenten. Im Kosovo können inzwischen alle unter 40 Englisch, meist besser als jene gleichen Alters in Österreich.
Zu den Paradoxien der Rückständigkeit gehört auch, dass Südosteuropa zum Experimentierfeld für Völkerrecht und Diplomatie wurde. Hier wurden Konföderationen und Protektorate erprobt, hier wurde die „humanitäre Intervention“ erfunden – nicht erst 1999, sondern schon zu Zeiten des Osmanischen Reiches.
Auch wenn es den Blick für das Besondere und das besonders Moderne in der Region vernebelt: Ganz verwerfen kann Calic das Paradigma der Rückständigkeit nicht. Die Region war immer arm, ihre Genies mussten auswandern. Dabei konnte Südosteuropa, so Calic, anfangs auch noch unter der Herrschaft des Sultans mit dem Rest des Kontinents gut mithalten. Einer von sieben Exkursen in historische Städte etwa entführt den Leser ins albanische Kruja des Jahres 1450. Dort finden wir Adelspaläste und ein entwickeltes Handwerk – nicht so reich wie in Italien, aber doch ähnlich wie in Mitteleuropa.

Aus Wien kam der Fortschritt nicht
Erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts zieht der Niedergang des Osmanischen Reiches die Region mit hinab. Sie wird mit den Jahrhunderten immer mehr Peripherie und Zankapfel gleich dreier Reiche: des Osmanischen, des Habsburger- und des Zarenreiches. Österreich kommt mit seiner „hohen Sendung“, dem wilden Balkan das Essen mit Messer und Gabel beizubringen, dabei übrigens nicht gut weg. Rigas Velestinlis etwa, der Danton aus Thessalien, fiel 1798 den Österreichern in die Hände, die ihn ans Osmanische Reich und damit der sicheren Hinrichtung auslieferten. Aus Wien kam der Fortschritt definitiv nicht.
Mit nationalen Mythen, wie sie rund um die Region so eifrig beforscht werden, hält Calic sich nicht groß auf. Ihr Interesse gehört, wie schon der etwas merkwürdige Untertitel „Weltgeschichte einer Region“ ahnen lässt, den Einflüssen, den Verbindungen und Vernetzungen geistiger, politischer, wirtschaftlicher Natur. In Mitteleuropa wie im Südosten geht es, als der Nationalismus aufkommt, zunächst um einen Referenzrahmen für demokratische Ideen, nicht um Stammesrivalitäten. Calic weigert sich allerdings auch, die Existenz der Nationen mit einem Großteil der Forschung einfach so ins Reich der bösen Fantasie zu verweisen. Der Rezeption ihres Werks in der Region selbst wird das kaum nützen. Noch immer blühen hier die exklusiven Nationalgeschichten; schon der Vergleich mit der Nachbarschaft ist eine Beleidigung. Schaut man sich westliche Wahlergebnisse an, könnte die Region dem Kontinent sogar ein Stück voraus sein.

Norbert Mappes-Niediek in FALTER 1-2/2017 vom 13.01.2017 (S. 19)


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