Habsburg
Geschichte eines Imperiums

von Pieter M. Judson

€ 35,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Michael Müller
Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Umfang: 667 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.12.2018


Rezension aus FALTER 11/2017

War die Habsburgermonarchie besser als ihr Ruf?

Geschichte: Pieter Judsons Apologie der Habsburgermonarchie ist ehrfurchtgebietend und zugleich problematisch

Keine Frage: Pieter M. Judsons Geschichte der Habsburgermonarchie von Maria Theresia bis zum Ende des Jahres 1918 ist ein toller Wurf, in seiner Gelehrsamkeit ehrfurchtgebietend, in der Souveränität beeindruckend. Ein originelles Buch, das neueste Forschungsergebnisse einbezieht, sich in Kenntnisreichtum von Sozial-, Alltags-, Wirtschafts-, Lokal- und Regionalgeschichte hervortut und immer auf das Wohl und Weh der gesamten Monarchie fokussiert ist.
Eine faktenreiche Epochenübersicht mit klaren Thesen und Botschaften, die sich über anekdotenreiche Herrscherbiografien und dramatisch ausgemalte Ereignisgeschichten hinweghebt. Ein kühnes Buch, an dem sich die Zunft abarbeiten kann und das die historisch interessierte Leserschaft auch wegen der lebendigen Schilderungen mit Gewinn heranziehen wird.

Bei alldem ist Judsons Habsburg-Panorama aber auch ein höchst problematisches Buch, weil es mit heißem Atem und starken Botschaften die diversen Epochen ziemlich großzügig und oft reichlich undifferenziert durcheilt. Es betreibt eine Revision jener Erzählungen, die darauf aufsetzen, dass der Zerfall der Habsburgermonarchie höchst notwendig war, dass die sogenannten Nachfolgestaaten die logischen Erben eines postfeudalen, multinationalen Reiches waren, dass die Katastrophe des Ersten Weltkriegs bloß den Beschleuniger einer Entwicklung gegeben hat, die auch in anderer Weise an ein Ende gekommen wäre.
Wie sollte ein Empire, in dem sich Völker unterdrückt fühlten und demokratische Mitbestimmung nur sehr partiell eingeführt war, funktionieren? Pieter Judson, der aufgrund seiner bisherigen Studien als der derzeit beste amerikanische Kenner des späten Habsburgerreiches gilt, hält einer solchen Auffassung energisch entgegen.
Mit „Habsburg. Geschichte eines Imperiums 1740–1918“ zeigt er, dass es durchaus auch eine andere Erzählung gibt: Das Habsburgerreich funktionierte relativ gut, hatte im Vergleich zu den großen westeuropäischen Länder nicht stärker unter Konflikten zu leiden und besaß eine veritable Basis für eine gedeihliche Weiterentwicklung.

Er stimmt ein Loblied auf die lokale und regionale habsburgische Bürokratie an, die – zwar nicht ohne Fehler und Defizite – lösungsorientiert, innovativ und elastisch-situativ, jedenfalls rational auf die vielen Probleme reagiert hat und so effizient aufgestellt war, dass sich noch die Regierungen nach 1918 auf sie gestützt haben. Die Klammer der Administration ermöglichte es dem k.u.k. Staatsgebilde, im internationalen Vergleich eine beachtliche Performance in Sachen Wirtschaftswachstum und technischer Fortschritt zustande zu bringen und durch dezentrale Organisation und individuelle Lösung struktureller Konflikte hohe innere Zustimmung zu gewinnen.
Judson verweist ausführlich auf die Sozialdemokratie, die das Kaiserreich erfolgreich als Reformkraft integrieren und etablieren konnte. Ein Ansatz, der zwar revisionistisch, nicht aber reaktionär ist.
Problematisch wird das Buch in jenen Passagen, in denen Judson die dunklen Kapitel (Metternichs Geheimpolizei mit ihrer Zensur, Unterdrückung und Verfolgung) oder den revolutionären Zersetzungsprozess der Habsburgermonarchie (die 1848er Revolution und ihre brutale Niederschlagung, der Verlust der italienischen Provinzen, das Ende der Vormachtstellung in Deutschland, der Ausgleich mit Ungarn) allzu forsch und schnell in sein Konzept inkorporiert.
Stets bleibt seine Erzählung voll auf Kurs: Schon der aufgeklärte Absolutismus Maria Theresias war ein Rechtsstaat, Metternichs Österreich keine totalitäre Despotie. Judson betont, dass der Neoabsolutismus eines Franz Joseph die Rolle eines Totengräbers der adeligen Grundherrschaft übernahm und den Wandel der Werte akzeptierte, den die Aufständischen des Jahres 1848 durchgesetzt hatten. Die Monarchie, so resümiert er die Zeit bis 1914, war besser aufgestellt als ihr Ruf.
Während sich die Gemeinden zu modernen Selbstverwaltungszentren ausbildeten, Bildung und Kultur ihren Platz in der Gesellschaft bekamen, die Arbeiterschaft via Allgemeinem Wahlrecht zu Staatsbürgern aufstieg, wurden die Eliten von Abstiegsängsten überfallen und vom Mut verlassen. Sie steigerten die keineswegs klar zu fassenden Nationalitätenkämpfe zur Untergangssinfonie, um sich, so Judsons zentrale These, in fataler Konsequenz in einen zerstörerischen Weltkrieg zu stürzen.

Unerwarteterweise stellte sich ein Patriotismus ein und die Monarchie zeigte sich selbst in den ersten, desaströsen Monaten des Kampfes stabil. Verschwörungsparanoia, sinnlose Opferoffensiven, Größenwahn und Realitätsverweigerung der Eliten, schließlich Hunger und materielle Erschöpfung im Hinterland und an der Front brachten die Grundfesten der Habsburgermonarchie schließlich zum Einsturz.
Erst als die Bevölkerung zur Kenntnis nehmen musste, dass das Reich nicht mehr fähig war, die Versorgung zu sichern, bekamen die nationalistischen Führer Auftrieb und Zulauf. Diese haben dann 1918 in den Post-Habsburg-Staaten weitere Pirouetten der Paradoxie gedreht. Während sie die Verwaltungssysteme der Vergangenheit übernahmen und auch k.u.k. Offiziere engagierten, ergingen sie sich in einer „wahren Orgie der ‚Abkehr vom Reich‘“. Judsons Urteile scheuen, wie man sieht, auch vor ziemlich deftigen Formulierungen nicht zurück.

Alfred Pfoser in FALTER 11/2017 vom 17.03.2017 (S. 39)


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