What works
Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann

von Iris Bohnet

€ 27,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Ursel Schäfer
Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 381 Seiten
Erscheinungsdatum: 29.08.2017

Rezension aus FALTER 41/2017

Für einen Feminismus von oben

Feminismus: Iris Bohnet untersucht die Möglichkeiten von Entscheidern, die Gleichstellung voranzutreiben

Als Iris Bohnet 2011 ihre Stelle als wissenschaftliche Dekanin der Harvard Kennedy School antrat, sah sie sich vor einem Dilemma: Es war nun ihre Aufgabe, Gehälter mit Angestellten der renommierten Schule für Politikwissenschaft zu verhandeln. Als Verhaltensökonomin wusste sie, dass ihre Kolleginnen aus Angst vor negativen Reaktionen seltener feilschen würden. Sollte sie ihr Wissen zum Vorteil des Instituts einsetzen?

In ihrem Buch „What works. Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann“ diskutiert die gebürtige Schweizerin Bohnet, wie Unternehmen und Institutionen ihre Prozesse ändern können, damit es solche Dilemmata überhaupt nicht mehr gibt. Ein Argument für all jene, die finden, Gleichberechtigung sei zwar moralisch vorbildlich, aber wirtschaftlich nachteilig, hat sie gleich zu Beginn des Buches parat: Eine Umgebung, in der benachteiligte Gruppen – ob Frauen oder ethnische Minderheiten – gleiche Chancen haben, ist ein Vorteil für alle. Nicht nur werden Bewerber aus einem größeren Talentpool ausgewählt, sondern es belegen auch Studien, dass Diversität die „kollektive Intelligenz“ von Gruppen steigert.
Anders als etwa Facebook-Chief-Operating-Officer Sheryl Sandbergs Buch „Lean In“, das arbeitende Frauen motivieren soll, sich mehr in ihre Karriere „reinzuhängen“, hat Bohnet die Entscheider im Visier: die Menschen, die Bewerbungsgespräche leiten (im Buch befindet sich eine Checkliste für vergleichende, strukturierte Vorstellungsgespräche), Teams zusammenstellen (Bohnet empfiehlt mindestens drei Angehörige einer Minderheit pro Gruppe), Aufnahmetests konzipieren (Kästchen für Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit, die in den Vereinigten Staaten oft abgefragt wird, zum Schluss, zwecks Vermeidung der Bedrohung durch Stereotype), und jene, die darüber entscheiden, welche Porträts in den Sitzungsräumen und Universitätsgängen hängen (mehr Frauen, fordert sie, als Vorbilder).

Bohnet präsentiert Studie um Studie, die zeigen, dass systematische, „von oben“ durchgeführte Veränderungen die Gleichberechtigung vorantreiben. Faszinierend etwa die Auswirkungen der 1993 eingeführten Frauenquote für Dorfräte in indischen Dörfern. Die betreffenden Dörfer wurden bei jeder Wahl ausgelost, sodass ein natürliches Experiment entstand. Es zeigte sich, dass Eltern, die mindestens zwei Amtszeiten lang eine Frau an der Spitze erlebt hatten, sich eher wünschten, dass ihre Töchter studierten.
Doch eine Quote allein ist nicht genug. „Zahlen sind wichtig, aber wahrscheinlich ist noch wichtiger, wie die Zahlen zustande gekommen sind“, schreibt Bohnet. Die passenden Arbeitskräfte müssen gefunden werden. Bohnet zeigt, wie neben Bewerbungsgesprächen auch Stellenausschreibungen und Arbeitsbedingungen so gestaltet werden können, dass sie Frauen und Männer ansprechen. Da ein Wort ändern, dort etwas flexibler sein – bei Bohnet klingt alles watscheneinfach.

Warum leben wir also nicht längst in einer gleichberechtigten Welt? Eindrücklich schildert Bohnet im ersten Teil des Buches, wie unser Denken von unbewussten Vorurteilen, Denkfehlern und kognitiven Kurzschlüssen getrübt wird. Dementsprechend ernüchternd sind die Ergebnisse der in den Text eingebauten Rätsel und Selbsttests.
Das Verhältnis von Studienergebnissen zu praktischen Tipps ist gefühlt vier zu eins, sodass man sich fragt, ob Menschen in Entscheidungspositionen überhaupt die Muße haben, die mehr als 300 Seiten des Buches zu lesen. Zwar ist es durch den leicht schnoddrigen Plauderton leicht lesbar, doch verliert man bisweilen den Faden und ertappt sich dann dabei, sich zu wundern, was die Entwurmung von Kindern in Kenia mit Gleichberechtigung zu tun hat. (Sie reduziert die Fehltage in der Schule und erhöht so die Bildungschancen für alle.)
Für eilige Leser hat Bohnet am Ende jedes Kapitels die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst. Die Anweisung „Gleichen Sie die Auswirkung von Stereotypen finanziell aus“ ist allerdings nur verständlich, wenn man zuvor erfahren hat, dass sich Frauen eher freiwillig für zusätzliche Aufgaben melden, die der Gemeinschaft nutzen, aber nicht entlohnt werden.
Intuitiv begreifbar ist hingegen ihr Tipp, wie sie ihr Dilemma bei Gehaltsverhandlungen löste: „Stellen Sie Transparenz her, was verhandelbar ist.“

Anna Goldenberg in FALTER 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 42)


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